Taoismus – Die Lehre vom Tao

Streit der Urmächte

Die Willenskraft sagte zum Schicksal: „Deine Wirkungen sind den meinigen weit unterlegen.“ Das Schicksal sprach:“ Was kannst denn du, dass du dich mit mir vergleichen willst? Die Willenskraft sprach: „Langes und kurzes Leben, Erfolg und Misserfolg, Ehre und Schmach, Armut und Reichtum: das alles steht in meiner Macht.“ 

Das Schicksal sagte:“ Der Grossvater Peng war nicht weiser als der heilige Herrscher Yau und wurde doch achthundert Jahre alt. Der Lieblingsschüler von Kung war nicht weniger begabt als andere und musste doch mit zweiunddreissig Jahren sterben. Kungs Geisteskraft war nicht geringer als die der Fürsten zu seiner Zeit, und doch kam er in Not. Der Lebenswandel des Tyrannen Dschou war nicht besser als der der drei Vollkommenen zu seiner Zeit, und doch sass er auf dem Herscherthron. Der würdige Gi Dscha wurde nicht mit dem Wu-Gebiet belehnt, doch der Mörder Heng kam in den Besitz der Alleinherrschaft im Staate Tsi. Die unbeugsamen Brüder Be und Schu verhungerten, die böse Familie Gi ward reicher als alle anderen. Die unbeugsamen guten Brüder Be und Tsi verhungerten am SchouYang-Berg, die böse Familie Gi ward reicher als Dschan Kin. 

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Wenn das alles durch dein Vermögen gekommen ist, o Willenskraft, warum gabst du gerade jenem so langes Leben und diesem so kurzes? Warum gabst du dem Heiligen Misserfolg und dem Sünder Erfolg? Warum machtest du den Würdigen niedrig und den Narren geehrt, die Guten arm und die Bösen reich?“ 

Die Willenkraft sagte: „Wenn es so ist, wie du sagst, dann habe ich allerdings keine Wirkung auf die Natur. Dass sich die Natur so verhält. ist dann also dein Werk?“ 

Das Schicksal sprach: „Wenn ich doch Schicksal heisse, wie kann da noch von ‚machen‘ die Rede sein? Hohes Alter, das aus sich selbst kommt; frühes Sterben, das aus sich selbst kommt; Erfolg und Misserfolg, Ehre und Schmach, dies aus sich selbst kommen: die kann ich auch nicht kennen.“ 

Lie-Tzu

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