Rechtes Handeln

Was ist Rechtes Handeln?
Nicht töten
Nicht stehlen
Kein Missbrauch der Sexualität

Was ist Rechtes Handeln?

Ich möchte wissen, ob Sie sich jemals eine fundamentale Frage gestellt haben, eine Frage, die, da sie aufgeworfen wird, ihre tiefe Bedeutung aufzeigt, eine Frage, deren Beantwortung keinesfalls von einem anderen abhängig ist, von keinem Lehrer, von keiner Philosophie und so fort. Ich würde gerne an diesem Morgen eine dieser wichtigen und fundamentalen Fragen stellen.

Gibt es rechtes Handeln, das unter allen Umständen richtig ist, oder gibt es nur die Handlungen – weder richtige noch falsche?

Rechtes Handeln variiert je nach dem einzelnen Menschen und den verschiedenen Umständen, in die er hineingestellt wird. Der Einzelne mag im Gegensatz zur Gesellschaft die Frage stellen, was rechtes Handeln sei. Ist er zum Beispiel ein Soldat an der Front, würde seine rechte Antwort offensichtlich lauten: töten. Ist der Einzelne mit seiner Familie, umzäunt von den vier Wänden seiner Besitzvorstellung – meine Familie, mein Besitz -, gibt es auch für ihn eine Antwort für rechtes Handeln. Ebenso gibt es ein rechtes Handeln für den Geschäftsmann in seinem Büro. Und so erzeugen die Auffassungen von auf rechtem Handeln Gegensätze.

Jeder besteht darauf, daß seine Handlung die richtige sei. Der religiöse Mensch mit seinen Glaubenssätzen und Dogmen, die alles andere ausschließen, tut unentwegt das, was er als rechtes Handeln betrachtet; und das trennt ihn von den Nichtgläubigen, von denen, die das Gegenteil von dem denken oder empfinden, woran er glaubt. Der Fachmann handelt im Rahmen seiner Arbeit nach einem bestimmten spezialisierten Wissen, und für ihn ist das richtiges Handeln. Es gibt die Politiker mit ihren richtigen und falschen Handlungen, die Kommunisten, die Sozialisten, die Kapitalisten und so fort. Der weite Strom des Lebens umschließt alles: das Geschäftsleben, das politische Leben, das religiöse Leben, das Leben der Familie und auch ein Leben voller Schönheit, Liebe, Güte und Großherzigkeit.

Wenn man diese bruchstückhaften Handlungen, die ihre eigenen Gegensätze hervorrufen, vor Augen hat, fragt man sich: Gibt es ein unter allen Umständen rechtes Handeln, oder gibt es vielleicht nur ein Handeln, das weder richtig noch falsch ist? Letzteres zu behaupten oder auch nur zu glauben, ist äußerst bedenklich, weil es offensichtlich eine falsche Handlung ist zu töten, weil es zweifellos falsch ist, nach einem bestimmten Dogma, an das man gebunden ist, zu handeln.

Rechthaberei

Es gibt Menschen, die das alles sehen und sagen, „Wir sind Aktivisten, wir beschäftigen uns nicht mit Philosophien, Theorien, mit spekulativen Ideologien; wir sind nur am Handeln, am Tun interessiert“. Und es gibt andere, die sich von allem Tun abwenden und in ein Kloster gehen; sie ziehen sich in sich selbst zurück und versinken in einen für sie paradiesischen Zustand oder verbringen Jahre in Meditation im Glauben, die Wahrheit finden und dementsprechend handeln zu können.

Wenn man nun diese Phänomene betrachtet – die widerstreitenden und bruchstückhaften Handlungen derjenigen, die sagen, „Wir haben recht; das ist die richtige Handlung; dadurch werden alle Probleme der Welt gelöst“, die damit jedoch bewußt oder unbewußt Aktionen hervorrufen, die dem entgegengesetzt sind und die dadurch immer neue Spaltungen und Aggressionen erzeugen – wenn man diese Phänomene betrachtet, fragt man sich: Was soll man tun?

Was soll man tun?

Was soll man in einer Welt tun, die wirklich erschreckend und brutal ist, in einer Welt, in der es so viel Gewalttätigkeit, solche Korruption gibt, wo Geld, Geld und nochmals Geld eine so große Rolle spielt und wo man bereit ist, den anderen im Trachten nach Macht, Stellung, Ansehen und Ruhm zu opfern, wo jeder Mensch danach verlangt und darum kämpft, sich zu behaupten, sich zu erfüllen, jemand zu sein? Was soll man tun? Was werden Sie tun?

Ich weiß nicht, ob Sie sich je gefragt haben, was Sie tun sollen in dieser Welt, in der sie leben und alles vor Augen haben: das Elend, das gewaltige Leid, das der eine dem anderen zufügt, das tiefe Leid, das man selbst durchmacht, die Unruhe, die Furcht, das Schuldgefühl, die Hoffnung und die Verzweiflung. Wenn man dies alles mit wachen Augen sieht, muß man sich fragen: Was soll ich, der ich in dieser Welt lebe, tun?

Wie antworten Sie?

Wenn Sie sich die Frage in vollem Ernst stellen, wenn Sie es sehr, sehr ernst meinen, ist sie von ungewöhnlicher Intensität und Unmittelbarkeit. Wie antworten Sie auf diese Herausforderung? Man sieht ein, daß die bruchstückhafte Handlung, die „rechte“ Handlung zum Widerspruch, zur Opposition, zur Spaltung führt. Und der Mensch hat diese „rechte“ Handlung ausgeübt; er hat sie Moral genannt. Er hat seine Lebensweise nach einer Schablone, einem System ausgerichtet, hat sich darin verfangen und ist davon abhängig. Für diesen Menschen gibt es rechte Handlung und falsche Handlung, die in ihrem Verlauf andere Widersprüche und Gegensätze zur Folge haben. So fragt man sich: Gibt es ein Handeln, die weder richtig noch falsch ist – eben nur Handeln?

Bitte, hören Sie sich jetzt nicht bloss eine Fülle von Worten und Gedanken an, denen Sie zustimmen oder die Sie ablehnen, die Sie annehmen oder verwerfen. Es geht hier um ein sehr, sehr wichtiges Problem: Wie kann man ein Leben führen, das nicht bruchstückhaft ist, das nicht in Familie, Geschäft, Religion, Politik, Zeitvertreib und wichtigere Dinge zerfallen ist, das nicht immer nur Stückwerk ist?

Wie können wir ein Leben führen, das vollkommen, das ungebrochen ist? Ich hoffe, daß Sie sich die gleiche Frage stellen. Wenn Sie es tun, können wir zusammen weitergehen, dann können wir uns verständigen und in einer wahren Verbindung über diese äußerst fundamentale Frage miteinander verbunden sein.

Dogmatismus

Im Osten haben sie ihre eigene Schablone der Lebenshaltung. Sie behaupten: „Wir Bramahnen haben recht, wir sind die Höherstehenden, wir wissen.“ Sie verfechten ihre Dogmen und Glaubenssätze, ihre Lebensweise und Moral, doch alles ist im Widerstreit; sie tolerieren sich gegenseitig und töten einander allemal. So fragen wir uns: Gibt es ein Leben der Tat, das niemals bruchstückhaft ist, das nichts ausschließt, das niemals gespalten ist? Wie können wir das herausfinden? Kann es durch verbale Erklärungen gefunden werden? Kann es entdeckt werden, wenn es einem ein anderer sagt? Kann es herausgefunden werden, weil Sie, die Sie niemals vollkommen gehandelt haben, so ermüdet, erschöpft, gebrochen sind, daß Sie aus dieser Schwäche und Verzweiflung heraus etwas anderes zu finden wünschen?

Man muß sich also über den Beweggrund, aus dem man die Frage stellt, klar sein. Wenn man irgendein Motiv hat, wird die Antwort, wie sie auch ausfallen mag, bedeutungslos sein, weil das Motiv die Antwort diktiert. Man muß diese Frage ohne jedes Motiv stellen, weil die Wahrheit nur dann gefunden werden kann – die Wahrheit eines jeden Dinges. Wenn man diese Frage stellt, muß man das eigene Motiv erkennen. Und wenn man ein Motiv hat – weil man glücklich sein möchte oder weil man Frieden in der Welt haben möchte oder weil man schon so lange gekämpft hat oder weil das Motiv unseres Suchens aus der Müdigkeit kommt, aus der Verzweiflung oder aus der Sehnsucht, aus dem Wunsch zu entrinnen, aus dem Wunsch nach Erfüllung-, dann wird die Antwort unvermeidlich begrenzt sein.

So muß man klar bewußt sein, wenn man sich diese Frage stellt. Wenn Sie sie aber ohne jeden Beweggrund stellen können, sind Sie frei, um zu schauen – verstehen Sie das? Sie sind frei, um zu entdecken; Sie sind nicht an einen besonderen Wunsch gebunden; Sie werden durch nichts bedrängt.

Es ist sehr schwer, Handeln ohne Motiv

Was ist nun eine Handlung, die nicht bruchstückhaft ist, die weder richtig noch falsch ist, die keinen Gegensatz schafft, die nicht dualistisch ist, eine Handlung, die keinen Konflikt, keinen Widerspruch erzeugt? Wenn Sie sich diese Frage allen Ernstes stellen, wie finden die Antwort? Sie müssen sie selber finden! Niemand kann Ihnen die Antwort geben, das wäre nicht Ihre eigene Entdeckung. Es muss eine Antwort sein, zu der Sie gekommen sind, weil Sie voller Klarheit hingeschaut haben und die Ihnen daher nicht mehr genommen, nicht mehr durch die Umstünde zerstört werden kann.

Wenn der Intellekt diese Frage stellt, kann er in seiner Verschlagenheit, in Kenntnis aller Tatsachen, aller Umstände, in der Einsicht, daß jede widerspruchsvolle Handlung Konflikt und damit Elend und Trübsal erzeugt, sagen, „Ich will dies oder jenes tun“, und daraus ein Prinzip, eine Schablone, eine Formel machen, nach der er leben wird. Aber dann wird er eben nach einer Formel leben, wie er es bisher getan hat. Dann erzeugt er wiederum Widerspruch, dann imitiert er, passt sich an, gehorcht. Nach einer Formel, einer Ideologie, einem vorhersehbaren Ergebnis zu leben, heißt ein Leben des Fügsamkeit, der Nachahmung, der Anpassung zu führen und damit ein Leben des Widersprüchlichkeit, der Dualität, endloser Konflikte und Verwirrung.

Der Intellekt kann diese Frage nicht beantworten noch kann es das Denken. Das Denken ist immer gespalten, es kann niemals eine einheitliche Handlung zustande bringen. Es mag Handlungen hervorbringen, die einen Zusammenhang haben; aber jede Handlung, die durch das Denken zur Integration gelangt, wird unvermeidlich Widerspruch erzeugen.

Die Gefahr des Denkens erkennen

Man erkennt die Gefahr des Denkens – der Gedanken, die nichts als Reaktionen der Erinnerung, der Erfahrung, des Wissens, der Überzeugung und so fort sind. Man sieht, daß das Denken als Echo der Vergangenheit wohl eine Lebensformel festlegen und sich zwingen kann, sich der Formel anzupassen, die es ideologisch geschaffen hat. Und man sieht weiterhin, daß das inneren Konflikt bedeutet, weil darin Recht und Unrecht enthalten ist, das, was richtig ist oder falsch, das, was sein sollte und was nicht ist und so weiter Wenn der Geist, während er diese Frage stellt, ohne Motiv sein kann, unbelastet durch die Gefahr intellektueller Auffassung und der Anpassung an eine Ideologie, dann wird die Antwort gänzlich anders sein.

Ist es möglich, so vollkommen, so umfassend zu leben, daß man nicht mehr bruchstückhaft handelt? Wie man sieht, ist das Leben Handeln. Was immer wir auch tun, denken oder fühlen – es ist Handeln. Das Leben ist eine Bewegung, eine endlose Bewegung, ohne Anfang und ohne Ende. Wir aber haben es in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgeteilt, in Leben und Sterben, wie wir es auch in Liebe und Haß und in Nationalitäten zerbrechen. Und wir fragen: Gibt es eine Lebensart – nicht ideologisch, sondern tatsächlich, in jeder Minute des Alltags -, in der kein Widerspruch, kein Gegensatz, keine Zersplitterung ist, die, wenn man sie lebt, vollkommenes Handeln ist?

Quelle: Das Licht in dir (This Light in Oneself pdf download)

Nicht töten = Rechtes Handeln

Frage: Was darf ich essen?

Sie sagten: „Töte nicht.“ Ich muß Ihnen diese Geschichte erzählen. Ich war vor einigen Jahren in Ceylon, und ein buddhistisches Paar besuchte mich. Sie sagten, sie seien praktizierende Buddhisten, sie würden nicht töten, aber sie äßen Fleisch. Ich fragte: „Wie meinen Sie das?“ Er antwortete: „Wir wechseln unsere Schlachter, darum sind wir nicht verantwortlich, und wir mögen Fleisch.“ Ich fragte: „Ist das Ihre Frage an mich?“ Er antwortete: „Nein, überhaupt nicht. Unser Problem ist: Sollten wir ein befruchtes Ei essen, es erhält doch Leben?“

Wenn wir also über Liebe sprechen, müssen wir auch über Gewalt und Töten sprechen. Wir töten, wir haben die Erde zerstört, wir haben die Erde verschmutzt. Wir haben Tier- und Vogelarten ausgelöscht, wir töten Seehundbabies – haben sie das im Fernsehen gesehen? Wie kann ein Mensch so etwas tun? Damit irgendeine Frau diesen Pelz anziehen kann. Und der Mörder kommt nach Hause und sagt: „Ich liebe meine Frau.“

Wir werden zum Töten erzogen. All die Generale bereiten endlos Methoden vor, um andere zu töten. Das ist unsere Zivilisation. Und kann ein Mann, der ehrgeizig ist, lieben? Nein. Darum Schluß mit dem Ehrgeiz. Aber die Menschen werden damit nicht Schluß machen, denn sie wollen beides. Also, töte nicht, unter gar keinen Umständen, töte kein Tier, um es zu essen. Ich habe niemals in meinem Leben Fleisch gegessen, ich weiß nicht, wie es schmeckt. Nicht, daß ich darauf stolz wäre oder so etwas, aber ich könnte es nicht. Töten ist zu einer Industrie geworden. Tiere töten, um Menschen zu füttern.

Frage: In welcher Lage sind Sie, in welcher bin ich, wenn das Land oder die Armee mich zu den Waffen ruft, mich zum Militär einzieht, und wenn es gegen meine Überzeugung ist zu töten?

KRISHNAMURTI: Wollen Sie mir eine Falle stellen? (Gelächter) Wenn es Ihnen wirklich ernst damit ist, daß Sie nicht töten wollen, wenn das nicht nur Worte sind, sondern eine echte Überzeugung, dann müssen Sie friedlich leben, nicht wahr? Töten Sie keine Tiere. Töten Sie nicht, um zu essen. Töten Sie nicht mit Worten. Sagen Sie nicht: „Das ist ein schrecklicher Mensch, das ist ein dummer Mensch.“ Sie töten mit Worten, mit Gesten, mit Gedanken, im Büro, in der Kirche, überall töten Sie. Wenn Sie also wirklich nicht töten wollen, müssen Sie beginnen, ein wirklich friedliches Leben zu führen. Aber das tun Sie nicht. Sie hören sich das alles nur an. Sie pflichten mit Worten bei oder hören schweigend zu, aber wenn Sie nach Hause gehen, machen Sie alles von vorne. Deshalb unterstützen Sie den Krieg.

Quelle: Antworten auf Fragen des Lebens

Frage: Warum jagen Menschen Tiger?

Krishnamurti: Weil sie töten wollen aus Lust am Töten. Wir alle tun eine Menge unbedachter Dinge – wie einer Fliege die Flügel ausreißen, um zu sehen, was passiert. Wir klatschen und tratschen und sagen abstoßende Dinge über andere; wir töten, um zu essen, wir töten um des sogenannten Friedens willen, wir töten für unser Land oder für unsere Überzeugungen. Wir haben also einen starken Zug zur Grausamkeit, nicht wahr? Aber wenn man das verstehen und hinter sich lassen kann, dann macht es großen Spaß, einfach zu beobachten, wie ein Tiger vorbeiläuft – wie einige von uns es eines Abends in der Nähe von Bombay erlebten.

Ein Freund nahm uns in seinem Auto in den Wald mit, um nach einem Tiger zu suchen, den man dort in der Nähe gesehen hatte. Wir waren auf dem Rückweg und kamen gerade um eine Kurve, als der Tiger plötzlich mitten auf dem Weg stand. Gelb und schwarz, rank und schlank, mit einem langen Schwanz war er wunderschön anzusehen, voller Anmut und Kraft. Wir schalteten die Scheinwerfer aus. Er kam knurrend auf uns zu und strich so dicht an uns vorbei, daß er fast das Auto berührte. Es war ein wunderbarer Augenblick. Wenn man so etwas ohne Gewehr beobachten kann, macht es sehr viel mehr Spaß, und es liegt große Schönheit darin.

Quelle: Gespräche über das Sein

Wir haben die Verbindung mit der Natur ganz und gar verloren. Wir kennen ihre Bedeutung nicht. Und ebenso töten wir. Wir töten, um zu essen, wir töten aus Vergnügen, wir töten aus Sport. Ich will das nicht weiter ausführen. Es herrscht also dieser Mangel an inniger Beziehung zur Natur.


Nicht stehlen = Rechtes Handeln

Frage: Warum stehlen erwachsene Leute?

Krishnamurti: Stehlen Sie nicht auch manchmal? Haben Sie nie von einem kleinen Jungen gehört, der gestohlen hat, was er von einem anderen Jungen haben wollte? Es ist genau dasselbe unser ganzes Leben lang, ob wir jung oder alt sind, nur stellen es die älteren Leute geschickter an mit einer Menge wohltönender Worte. Sie wollen Reichtum, Macht, Position, sie schummeln, schmieden Pläne und geben sich philosophisch, um es zu bekommen. Sie stehlen, es wird aber nicht Stehlen genannt, es wird mit einem respektvollen Wort bezeichnet. Und warum stehlen wir? In erster Linie, weil die Gesellschaft, so wie sie derzeit beschaffen ist, vielen Leuten das Lebensnotwendige vorenthält; gewisse Teile der Bevölkerung haben nicht genügend Nahrung, Kleidung und Behausung, also tun sie etwas dagegen.

Es gibt auch solche, die stehlen nicht, weil sie unzureichende Nahrung haben, sondern weil sie das sind, was man asozial nennen. Für sie ist Stehlen ein Spiel geworden, eine Form der aufregenden Unterhaltung – was bedeutet, daß sie keine richtige Erziehung haben. Wahre Erziehung heißt, die Bedeutung des Lebens zu verstehen, nicht nur pauken, um Prüfungen zu bestehen.

Es gibt Diebstahl auch auf einer höheren Ebene: das Stehlen von anderer Leute Ideen, Diebstahl von Wissen. Wenn wir hinter dem „Mehr“ in irgendeiner Form her sind, ist es offensichtlich, daß wir stehlen.

Warum?

Warum bitten wir immer um etwas, warum betteln, verlangen, stehlen wir? Weil in uns selbst nichts ist: Innerlich, psychisch sind wir wie ein leeres Faß. Weil wir leer sind, versuchen wir uns zu füllen, nicht nur, indem wir stehlen, sondern auch, indem wir andere imitieren. Imitation ist eine Form von Diebstahl: Sie sind nichts, aber er ist jemand, also wollen Sie einen Teil von seinem Glanz abbekommen, indem Sie ihn kopieren. Diese Korruption zieht sich durch das ganze menschliche Leben, und sehr wenige sind frei davon. Es ist also wichtig herauszufinden, ob die innere Leere überhaupt gefüllt werden kann. Solange der Geist noch selbst nach Erfüllung sucht, wird er immer leer sein. Wenn sich der Geist nicht mehr weiter darum kümmert, seine eigene Leere zu erfüllen, nur dann hört die Leere zu bestehen auf.

Quelle: Antworten auf Fragen des Lebens


Kein Missbrauch der Sexualität = Rechtes Handeln

Was folgt sind Auszüge aus dem Buch Frei Sein, Kapitel 15

Frage: Ich bin ein verheirateter Mann und habe mehrere Kinder. Auf der Suche nach Vergnügen habe ich ein ziemlich ausschweifendes Leben geführt, aber auch ein leidlich kultiviertes, und in finanzieller Hinsicht habe ich einen Erfolg daraus gemacht. Aber jetzt bin  ich mittleren Alters und bin beunruhigt, nicht nur wegen meiner Familie, sondern auch über die Richtung, die die Welt einschlägt. Ich neige nicht zur Brutalität oder zu ungezügelten Gefühlen, und ich habe immer Verzeihen und Mitleid als die wichtigsten Dinge im Leben betrachtet.

Ohne sie wird der Mensch untermenschlich. Wenn Sie daher gestatten, würde ich gerne fragen, was Liebe ist. Gibt es wirklich so etwas? Mitleid muss ein Teil davon sein, aber ich fühle immer, dass Liebe etwas viel Umfassenderes ist, und wenn wir es zusammen erforschen könnten, würde ich aus meinem Leben vielleicht etwas Lohnendes machen, bevor es zu spät ist. Ich bin in Wirklichkeit gekommen, um diese eine Frage zu stellen: was ist Liebe?

Das Wort ist nicht das Ding

Krishnamurti: Bevor wir beginnen da einzudringen, muss es uns ganz klar sein, dass das Wort nicht das Ding ist, die Beschreibung nicht das Beschriebene; denn noch so viele Erklärungen, so feinsinnig und klug sie auch sein mögen, werden das Herz nicht der Unermesslichkeit der Liebe öffnen. Das müssen wir verstehen und dürfen nicht nur an Worten kleben. Worte sind für die Kommunikation nützlich, aber wenn wir über etwas sprechen, das in Wirklichkeit nicht sagbar ist, müssen wir eine Verbindung zwischen uns herstellen, so dass wir beide dieselbe Sache zur gleichen Zeit mit Herz und Geist empfinden und begreifen. Sonst spielen wir bloss mit Worten spielen. Wie kann man diesem wirklich subtilen Ding, an das der Verstand nicht heranreicht, nahe kommen? Wir müssen ziemlich vorsichtig vorgehen.

Lassen Sie uns zunächst anschauen, was Liebe nicht ist. Dann sind wir vielleicht fähig zu sehen, was Liebe ist. Durch Negation mögen wir das Positive finden, aber bloß den positiven Weg einzuschlagen, das führt zu Behauptungen, Feststellungen, die Spaltung hervorrufen. Sie fragen, was Liebe ist. ich sage, dass wir sie vielleicht finden, wenn wir wissen, was sie nicht ist. Alles was Spaltung und Trennung erzeugt, ist nicht Liebe, denn darin liegt Konflikt, Kampf und Brutalität. 

Fragender: Was meinen Sie mit Trennung, mit Spaltung, wodurch Kampf erzeugt wird – was verstehen Sie darunter?

Krishnamurti: Das Denken ist seiner Natur entsprechend trennend. Es ist das Denken, das Vergnügen sucht und daran festhält. Es ist das Denken, das Wünschen kultiviert.

Fragender: Würden Sie auf das Wünschen etwas mehr eingehen?

Krishnamurti: Da sieht man ein Haus und findet es schön; dann erhebt sich der Wunsch, es zu besitzen und sich daran zu erfreuen, und dann strengt man sich an, es zu bekommen. Das alles konstituiert das Zentrum, und dieses Zentrum ist die Ursache der Spaltung. Dieses Zentrum ist das Gefühl eines „Ich“, das die Ursache der Trennung ist, weil dieses Ich-Gefühl ein Gefühl der Absonderung ist. Die Menschen haben es das Ego genannt und ihm alle möglichen anderen Namen gegeben – das „niedere Selbst“ als Gegensatz zu der Idee eines „höheren Selbst“ –, aber es besteht keine Notwendigkeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen; es ist sehr einfach.

Wo ein Zentrum ist, das heißt das Gefühl des „Ich“, das sich in seinem Tun selbst isoliert, da ist Spaltung und Widerstand. Das alles ist der Prozess des Denkens. Wenn Sie nun fragen, was Liebe ist: Sie hat nichts mit diesem Zentrum zu tun. Liebe ist nicht Lust und Leid, noch Hass, noch Gewalt in irgendeiner Form. 

Fragender: Daher kann es in dieser Liebe, von der Sie sprechen, keinen Sex geben, weil darin kein Verlangen sein kann.

Krishnamurti: Bitte kommen Sie zu keiner Schlussfolgerung. Wir sind dabei, zu untersuchen, zu forschen. Jede Schlussfolgerung oder Behauptung verhindert weiteres Eindringen. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir auch die Wirksamkeit des Denkens betrachten. Wie wir gesagt haben, hält das Denken das Vergnügen lebendig, indem es über etwas nachdenkt, das angenehm gewesen ist und die Vorstellung davon hegt und pflegt. Das Denken erzeugt Genuss. Das Nachdenken über den sexuellen Akt wird zu Lust, die etwas ganz anderes ist als der eigentliche Akt. Die meisten Menschen beschäftigen sich mit dem Verlangen nach Lust. Begierde vor dem Sex und hinterher ist Lust. Dieses Verlangen ist Denken. Denken ist nicht Liebe.

Fragender: Gibt es Sex ohne dieses Wunsch-Denken?

Krishnamurti: Sie müssen es selbst herausfinden. Sex spielt im Leben des Menschen eine ungewöhnlich wichtige Rolle, weil es vielleicht das einzige tiefe Erlebnis ist, das wir unmittelbar haben. Intellektuell und gefühlsmäßig passen wir uns an, imitieren, folgen gehorchen. In allen unseren Beziehungen gibt es Schmerz und Kampf, ausgenommen im sexuellen Akt. Diesem Akt, der so anders und schön ist, geben wir uns hin, und so wird er wiederum zur Fessel. Die Fessel ist das Verlangen nach seiner Fortdauer – wiederum ist es die Handlung des Ichs, die trennend ist. Man ist so eingeengt – intellektuell, in der Familie, in der Gemeinschaft, durch soziale Moral, durch religiöse Vorschriften – so eingezäunt, dass nur diese eine Beziehung übrig bleibt, in der es Freiheit und Intensität gibt. Darum geben wir ihr so gewaltige Bedeutung. Wenn aber überall Freiheit herrschen würde, dann gäbe es nicht diese Begierde, dann wäre Sex nicht ein solches Problem.

Wir machen ein Problem daraus, weil wir nicht genug davon kriegen können, oder weil wir uns schuldig fühlen, es gehabt zu haben, oder weil wir, indem wir es erlangen, die Regeln brechen, die die Gesellschaft aufgestellt hat. Wenn wir den Geist von den Fesseln der Nachahmung, der Autorität, der Gleichschaltung und der religiösen Vorschriften befreien, hat Sex seinen eigenen Platz, aber er würde nicht allverzehrend sein. Von hier aus kann man sehen, dass Freiheit der Revolte, nicht die Freiheit zu tun was man möchte, noch unverhohlen oder geheim seinen Begierden zu frönen, sondern vielmehr die Freiheit, die durch das Verstehen dieser ganzen Struktur und Natur des Zentrums kommt. Dann ist Freiheit Liebe. 

Fragender: Also ist Freiheit nicht Zügellosigkeit?

Krishnamurti: Nein; Zügellosigkeit ist Knechtschaft. Liebe ist nicht Hass, noch Eifersucht, noch Ehrgeiz, noch der konkurrierende Geist mit seiner Angst vor Misserfolg. Es ist nicht die Liebe zu Gott, noch ist es die Liebe zum Menschen – was wiederum eine Spaltung ist. Liebe gehört nicht dem einen oder den vielen. Wenn Liebe da ist, ist sie persönlich und unpersönlich, mit und ohne Objekt. Sie ist wie der Duft einer Blume; einer oder viele können ihn einatmen; worauf es ankommt, ist der Duft, nicht wem er gehört.

Fragender: Wo hat Verzeihung ihren Platz?

Krishnamurti: Wo Liebe ist, gibt es kein Verzeihen. Verzeihung entsteht nur, nachdem Sie Erbitterung angehäuft haben; Verzeihung ist Ressentiment. Wo keine Wunde ist, braucht nichts geheilt zu werden. Unachtsamkeit bringt Verstimmung und Groll hervor; Sie werden ihrer bewusst und verzeihen dann. Verzeihung unterstützt die Spaltung. Wenn Sie sich dessen bewusst sind, dass Sie verzeihen, dann sündigen Sie. Wenn Sie wissen, dass Sie tolerant sind, dann sind Sie intolerant. Wenn Ihnen bewusst ist, dass Sie schweigen, dann ist da kein Schweigen. Wenn Sie vorsätzlich darangehen, zu lieben, dann ist es gewaltsam. Solange ein Beobachter da ist, der sagt, »ich bin« oder »ich bin nicht«, kann Liebe nicht da sein.

Fragender: Welchen Platz hat die Furcht in der Liebe?

Krishnamurti: Wie können Sie eine solche Frage stellen? Wo das eine ist, ist das andere nicht. Wenn Liebe da ist, können Sie tun, was Sie wollen.

Quelle: Frei Sein Kapitel 15

Der Edle Achtfache Pfad

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