Der rote Faden des Dharma

TN-DrFdD

Der rote Faden des Dharmas
Worte und Taten der alten Meditationsmeister

Agetsu Wydler Haduch
ISBN 978-3-9524846-2-3
Kosten des gebundenen Buches: 12.00 CHF/€

Der rote Faden des Dharma – Das Buch, das Sie in den Händen halten, ist neu und sehr alt zugleich. Alt ist es insofern, als dass es schon vor mehr als zwanzig Jahren unter dem Titel Als Zen noch nicht Zen war geschrieben wurde. Sehr alt ist es insofern, als dass sich sein Inhalt auf die Epoche zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bezieht. Neu ist es insofern, als dass es total überarbeitet ist, ergänzt und aktualisiert, und den neuen Titel Der rote Faden des Dharma bekommen hat. Oder anders gesagt: Der (zeitlose) Inhalt wird ins (zeitlose) Licht gestellt und neu beleuchtet

Inhalt

Einleitung 9

BODHIDHARMA
(Bodaidaruma)

  1. Die Legende 19
    Der rotbärtige Barbar 19
    Reifezeit 22
  2. Bodhidharmas Erbe 24
    Überlieferung ausserhalb der Schriften 24
    Unabhängig von Worten und Symbolen 26
    Kein Gewinn – kein Zweck – kein Ich 27
    Die zwei Eingangstore zum Tao 32
    Das Tor des Verstandes 33
    Das Tor der Praxis 38
  3. Die Essenz 48

HUI-K’O
(Huike, Eka)

  1. Fakten und Legende 53
    Ein taoistischer Gelehrter 53
    Legendäre Geburt 53
    Suche nach Geistesfrieden 54
    Empfang des Dharma-Siegels 58
  2. Hui-k’os Erbe 62
    Grundlagen der Meditation 62

SENG-TS’AN
(Sengcan, Sōsan)

  1. Alles ist Geist 71
    Was ist Sünde? 71
    Wer ist krank? 73
  2. Seng-ts’ans Erbe 76
    Die Meisselschrift vom Glauben an den Geist 76

TAO-HSIN
(Daoxin, Dōshin)

  1. Einheit von Lehre und Praxis 87
    Wer hat dich gefesselt? 87
    Klostergemeinschaften 88
  2. Tao-shins Erbe 91
    Die fünf Tore 91
    Meditation für alle 95

HUNG-JEN
(Hongren, Kōnin)

  1. Das eine Bewusstsein 101
    Legende der zweimaligen Geburt 101
    Der wahre Name 103
  2. Hung-jens Erbe 105
    Neuerungen 105
    Jenseits von Himmel und Erde 106

HUI-NENG
(Huineng, Enō)

  1. Spontanes Erwachen 111
    Das Diamant-Sutra 112
    Das Fundament des Erwachens 115
  2. Die Blüte öffnet sich 121
    Barbar aus dem Süden 121
    Ursprüngliches Nicht-Sein 121
    Empfang des Dharma-Siegels 125
  3. Hui-nengs Erbe 128
    Öffentliche Lehrtätigkeit 141
  4. Der Stamm verzweigt sich 147
    Südschule und Nordschule 147
    Fünf Äste 151
    Zusammenfassung 153
    Traditionslinie 158
    Anmerkungen

Einleitung

Vorgeschichte

Die Einleitung zum 1999 verfassten Buch Als Zen noch nicht Zen war begann mit folgenden Worten: 

«In den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts fand in der kulturellen Entwicklung Europas eine enorme Öffnung gegenüber fernöstlichen Weisheitslehren statt. Vor allem der Buddhismus stiess auf grosses Interesse. Während Experten verschiedener Religionen auf hohem Niveau interreligiöse Dialoge führten, suchten viele Menschen nach einer spirituellen Praxis, die ihnen bei der Bewältigung ihrer Alltagsschwierigkeiten helfen sollte. Diesem Zeitgeist entsprechend gründeten viele Vertreter von östlichen Religionen in der westlichen Welt Zentren oder Filialen ihrer Tempel. Es gab eine immer grössere Auswahl an Angeboten von spirituellen Wegen und Lebenshilfen. Es ist, als ob man unter zahlreichen fremden Gerichten dasjenige auswählen könnte, das am verlockendsten klingt und das – nach einer Kostprobe – am besten schmeckt. 

Auf dieser «spirituellen Speisekarte» steht auch Zen. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts trat dieses fremde Gericht hauptsächlich in seiner japanischen Form in Erscheinung. Inzwischen, knapp hundert Jahre später, ist es in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen zu haben. Es gibt die chinesische, vietnamesische, japanische, koreanische, amerikanische, christliche Variation davon. Doch wie immer, wenn eine Sache in verschiedenen bunten Variationen angeboten wird, droht die Gefahr, dass man es bei oberflächlichen Kostproben bewenden lässt und den wahren Gehalt der Speise niemals erfährt, sich aber trotzdem ein Werturteil erlaubt oder sich gar als Experte in der Sache sieht. Oder man lässt sich durch die verschiedenen Erscheinungsbilder verwirren und spielt die eine Form gegen die andere aus, in der Hoffnung, in den Besitz des einzigen, richtigen Produktes zu gelangen.»

Entstanden war das Buch aus dem Wunsch, im Dschungel der spirituellen Angebote eine gewisse Orientierungshilfe zu bieten. Es sollte aufzeigen, was das Wesen und die Ausrichtung der buddhistischen Überlieferung war, die in China unter dem Namen Chan (Zen) entstand und sich in der ganzen Welt ausbreitete. Es liegt in der Natur jeder Überlieferung dass sie unzähligen kulturell und zeitlich bedingten Einflüssen unterliegt. Doch je weiter sie sich vom Ursprung entfernt, desto anfälliger wird sie für Verfälschung und Ausdünnung ihrer ursprünglichen Kraft. Aus diesem Grund ist es nötig, sich immer wieder auf ihre Wurzeln zu besinnen. Die überlieferten Worte und Taten der frühen Meditationsmeister sind für das Verständnis der heutigen Praxis von grosser Bedeutung und sollten entsprechend gewürdigt werden. 

Als Zen noch nicht Zen war ist inzwischen vergriffen. Doch das Angebot an «spirituellen Wegen» hat sich in den mehr als zwanzig Jahren seit seinem Erscheinen um ein Vielfaches erhöht. Es gibt kaum einen buddhistischen Begriff, der in dem Ausmass popularisiert und z.T. zweckentfremdet wurde wie das Wort «Zen». Und das Bedürfnis nach Orientierung ist gross. Aus diesem Grund habe ich den Inhalt von Als Zen noch nicht Zen war neu überarbeitet und aktualisiert. Es geht dabei nicht um das Propagieren der Zen- oder einer anderen Meditationsschule. Das Ziel ist es, eine zeitlose Quelle der Weisheit freizulegen, die über den ganze Erdball verteilt zahlreichen Menschen Nahrung gibt, so wie es einer der ersten deutschsprachigen Historiker der Entwicklungsgeschichte des Zen-Buddhismus formulierte:

«Die Geschichte einer Tradition zu studieren bedeutet, mit ihren Urahnen in Kontakt zu kommen. Mit den Urahnen in Kontakt zu kommen bedeutet, etwas über sich selbst zu erfahren. Denn die geistige Quelle, die die Urahnen inspirierte, ist dieselbe, die ihre Nachkommen ernährt.»H. Dumoulin

Hintergrund

Für die Verfassung des Textes stütze ich mich zuerst natürlich auf die Erfahrungen, die ich im direkten Kontakt und der Schulung durch meinen Lehrer H. Platov machen durfte. Dieser war sowohl mit dem Gedankengut der westlichen Naturwissenschaften als auch mit den östlichen Geisteswissenschaften sehr vertraut. Beruflich wirkte er als Arzt und Psychiater, betrieb Hata- und Raja-Yoga und studierte die diversen geistigen Strömungen jener Zeit. In seinem Herzen allerdings lag ihm der Taoismus am nächsten. Das Studium des Zen-Buddhismus unter Meister Sokei-an bildeten den krönende Abschluss seines langen geistigen Weges. Alle, die in den Genuss kamen, H. Platov zum Lehrer zu haben, konnten von diesem reichhaltigen Schatz profitieren. 

Für die historisch-geisteswissenschaftlichen Hintergründe stützte ich mich auf das umfangreiche Werk von Heinrich Dumoulin Geschichte des Zen-Buddhismus. Der erste Band zeichnet die Entwicklung der buddhistischen Meditationsschulen von ihren Anfängen in Indien bis zu ihrer Blüte in Japan im 13. Jahrhundert nach. 

Die Grundlage dieser Geschichte bildet der Geisteszustand, in dem der Buddha, völlig selbstvergessen unter dem Bodhibaum sitzend, zur vollkommenen Einsicht in das Wesen aller Lebenserscheinungen kam. Es ist der fundamentalen Bewusstseinszustand des reinen Gewahrseins wie er in der Meditation erfahren werden kann. Dieses Bewusstseins übersteigt die Gedankenwelt von Subjekt und Objekt mit ihren mentalen und körperlichen Aktivitäten und der daraus resultierenden Ichhaftigkeit. Die buddhistischen Geisteswissenschaftler münzten dafür den Begriff Dhyāna. Im Zuge der Verbreitung des Buddhismus ausserhalb Indiens wurde Dhyāna zumgenerellenSynonym für den von Buddha übermittelte Meditationszustand der absoluten Geistesstille und Selbstvergessenheit. Das chinesische Wort Chan (oder Channa) und das japanische Wort Zen entwickelten sich beide aus dem Wort Dhyāna

Eine weitere Literaturquelle war das Buch Transmission of Light (Denkō-Roku) von Zen-Meister Keizan Zenji (1268-1325).Es enthält eine Chronik aller sogenannten Dharma-Erben von Buddha in Indien, China und Japan bis zum bekannten Zen-Meister Eihei Dogen (1200-1253) und dessen Schüler Koun Ejo (1198-1280).

Als Buddha den ältesten Schüler Mahakasyapa zu seinem Dharma-Erben erklärte, gab er sozusagen offiziell bekannt, dass sich sein Geist und seine Erleuchtung in nichts vom Geist und der Erleuchtung von Mahakasyapa unterschied. Es war dasselbe, wie wenn er ein Siegel auf ein Dokument gedrückt hätte. In der Zen-Tradition wird grossen Wert gelegt auf diese direkte Art der Nachfolge. Die Übertragung muss immer authentisch sein; niemand nennt sich Zen-Meister, wenn seine Erkenntnis nicht von seinem Lehrer oder einem anderen beglaubigten Meister anerkannt wurde.

Der rote Faden des Dharma ist jedoch keine historische Abhandlung. Es ist die Nacherzählung der Entwicklungsgeschichte der buddhistischen Weisheitslehre aus dem Standpunkt der Praxis im täglichen Leben. Das Augenmerk ruht auf den Worten und Taten der Meditationsmeister, deren buddhistisches Gedankengut in China eine Verbindung mit dem Gedankengut der taoistischen Weisheitslehre einging. Dabei kam es zu einer gegenseitigen Befruchtung, die schliesslich in den Schulen des Chan- und Zen-Buddhismus ihre charakteristische Ausprägung fand.

Die Urahnen    

Die Erzählung erstreckt sich über eine Zeitspanne von etwa zweihundert Jahren. Ihre Protagonisten zeichneten sich aus durch einen ausserordentlich freien Geist, der ihnen erlaubte, die Grenzen von Glaubenssystemen, Konventionen und anderen Fesseln zu sprengen. Dies war umso bemerkenswerter, als die Gesellschaft damals allgemein von rigiden Gesetzen und Normen geprägt war und sich immer wieder politischen Umwälzungen anpassen musste. Die traditionelle Überlieferung kennt sechs namentlich erwähnte Meditationsmeister, die als die sechs chinesischen Gründungsväter oder Patriarchen der später entstandenen Chan- und Zen-Schule des Buddhismus in die Geschichte eingegangen sind. Ihre Namen lauten: 

  • Bodhidharma 
  • Hui-k’o 
  • Seng-ts’an 
  • Tao-shin 
  • Hung-jen 
  • Hui-neng

Es wäre falsch, diese Persönlichkeiten als die Gründer einer neuen Religion zu verstehen. Was sie verbindet, ist eine Art geistiger Erbfolge, vergleichbar mit dem Stammbaum einer grossen Familie. Alle authentischen Vertreter der Chan- und Zen-Tradition berufen sich auf sie als ihre gemeinsame Wurzel. Es wird grosser Wert darauf gelegt, das Erbe der Ahnen zu ehren, zu schützen und unverdorben weiterzugeben. Die Erbfolge galt und gilt als Garant für die nahtlose Übertragung des Buddha-Dharma. Bodhidharma spielte dabei eine Schlüsselrolle. Er vereinigte in sich die Stellung des achtundzwanzigsten indischen Patriarchen und des ersten chinesischen Patriarchen. 

Die verbindenden Elemente aller Protagonisten sind die Abwendung von jeglichem Schriftgelehrtentum und die Betonung der eigenen Erfahrung – das «Schauen des wahren Wesens» – durch Introspektion und Meditation. Gemeinsam etablierten sie die sogenannte «Überlieferung ausserhalb der Schriften, unabhängig von Worten und Symbolen». Diese war gewissermassen ihr «Markenzeichen». 

Die Lektüre kann wie eine Art Landkarte oder geistiges Reisemanual genutzt werden. Anhand der Worte und Taten der alten Meister wird gezeigt, wie jeder der sechs Stammväter seinen eigenen Beitrag zur Ausgestaltung dieses geistigen Weges erbrachte. Möge sie mithelfen, den Geist der Freiheit mit Weisheit und Mitgefühl wachzuhalten. Er kann in keinem Begriff, in keiner Religion und in keinem –ismus eingefangen werden. Er muss und kann nur in jedem Einzelmenschen selbst geweckt werden. 

Schreibweise

Für die Schreibweise der chinesischen Namen und Begriffe hielt ich mich an das Standardwerk von H. Dumoulin. Für japanische Namen und Fachbegriffe entschied ich, die phonetischen Hinweise beizubehalten (z.B. ā ō) Bei Sanskritworten, die in die deutschsprachigen Literatur eingegangen sind, habe ich die phonetischen Zeichen weggelassen (z.B. Koan statt Kōan; Soto statt Sōtō).

Zitate aus bereits erwähnten Texten stehen grundsätzlich in Schrägschrift. 

Hervorgehobene Abschnitte in dieser Schrift enthalten ergänzende Anmerkungen der Autorin. Sie dienen der Veranschaulichung oder Vertiefung eine Sachverhaltes, sind jedoch im Hinblick auf den Gesamtinhalt des Buches eher zweitrangig.   

Dank

Grosser Dank gilt meinem Ehemann Robert, der als Koleiter des Zentrum für Zen-Buddhismus stets an meiner Seite steht und massgeblich an der Entstehung der Bücher aus der Reihe Der Springende Punkt beteiligt ist. Die Gestaltung des Buchumschlags ist wiederum sein Werk. 

Grosser Dank geht auch an Anne Paul-Blezinger für die Durchsicht und Korrektur des Manuskripts. 

Agetsu Wydler Haduch, 

Zürich, Oktober 2020

Die Legende

Der rotbärtige Barbar

Niemand, der sich mit der Verbreitung und der Praxis der buddhistischen Meditationsschulen befasst, kommt an der Gestalt von Bodhidharma (gest. 525 od. 532) vorbei. In Japan und China kennt ihn jedes Kind. Er gilt als der Urvater der in China entstanden Meditationsschule des Chan- und Zen-Buddhismus und als Begründer der Kampfkunst Kung Fu, die er als Meister des berühmten Tempels Shaolin entwickelt haben soll. In den künstlerischen Darstellungen erkennt man ihn sofort an seinen weit offenen Augen mit dem starren Blick und seinem mächtigen Vollbart.

Diese Merkmale machen ihn unverwechselbar. Gemäss einem der wenigen historischen Berichte soll der Bart rot gewesen sein. Deshalb wird Bodhidharma in der Literatur auch «der rotbärtige Barbar» genannt. Die rote Haarfarbe und der Vollbart charakterisierten ihn als Fremden, denn in China war und ist ein derartig starker Bartwuchs selten und die Haarfarbe allgemein schwarz. Männer mit starkem Haarwuchs galten in den Augen der besseren Gesellschaft Chinas als Barbaren.

Bodhidharma ist zweifellos eine legendäre Gestalt. Die legendenhafte Ausschmückung seiner Biographie ist sehr reich. Sie stellt ihn dar als einen indischen Mönch von nobler Abstammung, der schon in jungen Jahren über tiefgründige Weisheit verfügte. Er hielt nichts vom Gelehrtentum der buddhistischen Priester mit ihrem Monopol auf geistige Führung. Er betonte und förderte, wie der Buddha, die jedem Menschen innewohnende Geisteskraft, mit deren Hilfe man sich selbst von den alltäglichen Leiden erlösen kann.

Als ihm die Stelle eines spirituellen Lehrers am Hof von Kaiser Wu im Süden Chinas angeboten wurde, lehnte er ab, obgleich ihm diese zu hohem Ansehen im ganzen Reich verholfen hätte. Stattdessen überquerte er – angeblich auf einem Schilfrohr – den wasserreichen Yangtse-Fluss und setzte sich in den Norden Chinas ab. Er liess sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Klosters Shao-lin in einer Höhlenklause nieder. Dort soll er – je nach Chronik sieben oder neun Jahre lang – einer Wand zugekehrt intensive Sitzmeditation betrieben haben. Dies trug seiner Meditationsform den Namen «Wandschau» ein. 

Eine Anekdote besagt, dass sich Bodhidharma eines Tages die Augenlider abgerissen hat, um bei der Meditation nicht einzuschlafen. Bald darauf grünten an der Stelle, wo die abgerissenen Lider zu Boden gefallen waren, zwei Teepflanzen. Seither trinken die Zen-Mönche grünen Tee, wenn sie nächtelang in Meditation sitzen. 

Selbst Bodhidharmas Sterben ist mit Legenden verbunden. In einer davon heisst es, er habe sich mehreren Giftanschlägen durch Wunderkraft entzogen. Denn seine Lehrmethode stiess auf wenig Verständnis und die orthodoxen Mönche und Priester waren nicht gut auf ihn zu sprechen. Im hohen Alter von über hundert Jahren habe er sich dann bewusst einem todbringenden Giftanschlag ergeben. Doch an diesem Tag wurde er von einem chinesischen Beamten weit entfernt in Mittelasien mit einer Sandale in der Hand gesehen. Als man nach der Rückkehr des Beamten das Grab in China öffnete, fand man bloss die andere Sandale darin. Gemäss anderen Versionen ist Bodhidharma nicht in China gestorben, sondern nach Indien zurückgekehrt oder mit einem Boot nach Japan gefahren. 

Historisch gibt es einige wenige Hinweise auf die Existenz eines Dhyāna-Meisters namens Bodhidharma. Dass es sich dabei um einen aus Indien eingewanderten buddhistischen Mönch handelt, der wie viele andere Wandermönche durch China zog, das Dharma predigte und sich ganz der Meditation widmete, bezweifeln die Historiker nicht. Über die Lebensdaten dieses Mönchs liegen allerdings keine gesicherten Angaben vor. Die Historiker haben sich für das Jahr 532 als vermutliches Todesdatum entschieden. Die wenigen Daten stammen hauptsächlich aus drei Berichten aus dem sechsten und siebten Jahrhundert, die sich in Stil und Aussagen aber sehr voneinander unterscheiden. Gemäss einer dieser Chroniken stammte Bodhidharma ursprünglich aus Persien. Dies würde den roten Bart erklären. 

Es ist das Merkmal von Legenden, dass sie ihre Helden idealisieren und deren Taten als etwas ganz Besonderes hinstellen. Warum haben sich die Legenden von Bodhidharma wohl bis in unsere Zeit erhalten? Dafür gibt es hauptsächlich zwei Gründe: Erstens charakterisiert die Figur des Bodhidharma das Wesen der neuen buddhistischen Schule, die sich in China zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert formiert hat und später unter dem Namen Chan bekannt wurde. Zweitens steht Bodhidharma für die nahtlose geistige Übertragung des Buddha-Dharma von Indien nach China. Alle heute noch existierenden Schulen des Zen leiten ihre Authentizität und Legitimität von dieser gemeinsamen Wurzel ab. 

Noch heute sind in Japan die Stehaufmännchen in der Gestalt des Bodhidharma weit verbreitet. Man kann sie drehen und wenden, hinlegen und auf den Kopf stellen, sie kommen immer wieder in die aufrechte Lage zu stehen. Wer, wie Bodhidharma, unerschütterlich im Gravitationszentrum der eigenen Mitte (jap. Hara) ruht, kann nicht zu Fall kommen. Auf diesem Prinzip beruhen sämtliche fernöstliche Kampfsportarten und die hohe Kunst der Akrobatik, für welche die Chinesen noch heute weltberühmt sind; aber auch die Philosophie der geistigen Unerschütterlichkeit ist ein Ausdruck davon. Mag einen das Leben rütteln und schütteln und tausendmal umstossen, wer im Zentrum verankert ist, kann nicht aus dem inneren Gleichgewicht geworfen werden. 

Reifezeit

Die Chronik Denkō-Roku porträtiert Bodhidharma als einen Angehörigen der Krieger-Kaste. Er war der dritte Sohn eines Königs im südlichen Indien; sein Taufname war Bodhitara. Prajnatara, der Siebenundzwanzigste Patriarch, hatte das Amt des Hauslehrers der drei Prinzen inne. Um die Weisheit seiner Schützlinge zu prüfen, präsentierte er eines Tages einen Edelstein, den er vom König als Bezahlung empfangen hatte, und fragte: «Gibt es irgendetwas, das dieses Juwel an Wert übertreffen könnte?» Die zwei ersten Söhne antworteten, der Edelstein sei ohne seinesgleichen.

Es gebe sicherlich keinen besseren. Niemand ausser ihrem verehrten Lehrer sei es würdig, ein solches Juwel zu empfangen. Der dritte Sohn, Bodhitara, hingegen erklärte, ein weltliches Juwel könne nicht als das höchste Gut betrachtet werden. Von allen Juwelen sei das Juwel der Weisheit das wertvollste. Ein weltlicher Edelstein könne nicht aus sich selbst heraus funkeln, es brauche das Licht der Erkenntnis eines Menschen, um sein Funkeln wahrzunehmen. Dieses Juwel habe keinen Wert als solchen, erst das Juwel der Erleuchtung gebe ihm seinen Wert.

Obwohl sich die Weisheit des Prinzen in solchen Gesprächen deutlich offenbarte, wartete Prajnatara ab und gab dem Geist seines Schülers Gelegenheit zu reifen. Als der König starb und der ganze Hof jammerte und klagte, sass Bodhitara vor dem Sarg und weilte sieben Tage lang in tiefer Versenkung. Danach bat er um die Mönchsweihe. Nun erst erhielt er formelle Einweihung in die Lehre Buddhas und Unterweisung in die subtilen Prinzipien der Meditation. Prajnatara sagte «Du hast bereits ein tiefes Verstehen des Dharma. Deshalb sollst du von jetzt an Bodhidharma heissen.

Doch obwohl du die Wahrheit erkannt hast, sollst du vorläufig bei mir bleiben. Siebenundsechzig Jahre nach meinem Tod wirst du nach China gehen und diejenigen lehren, die das Zeug dazu haben.» Also diente Bodhidharma viele Jahre lang seinem Lehrer. Erst als mehr als sechzig Jahre nach dessen Tod vergangen waren, schien die Zeit für seine Reise nach China gekommen zu sein. Diese Zeitrechnung und das hohe Alter sind wohl der legendenhaften Ausschmückung seiner Biographie geschuldet.

Auch wenn wir es mit einer Legende zu tun haben, sie verweist trotzdem auf ein grundlegendes Gesetz in Bezug auf die allen Menschen innewohnende Buddha-Weisheit. Nämlich: Selbst wenn jemand in jungen Jahren spontane Einsicht in das Wesen des Lebens manifestiert, so braucht es meistens Jahre des Reifens und der Geduld, bis der Geist zur vollen Blüte kommt und man Meisterschaft erlangt. Alles hat seine Zeit.

Als Bodhitaras Weisheit zur Blüte gekommen war, ernannte ihn Prajnatara zu seinem Dharma-Erbe. Als äusseres Zeichen der Anerkennung überreichte er ihm traditionsgemäss eine Almosenschale und eine Robe. Diese symbolisierten den Geist und die Autorität Buddhas. Denn als der Buddha seinen Jünger Mahakashyapa zum ersten Dharma-Erben ernannte, schenkte er ihm als Zeichen der geistigen Ebenbürtigkeit sein äusseres Gewand und eine seiner Essschalen. Von da an galten Schale und Robe als die Insignien der authentischen Nachfolge Buddhas. Nachdem Shakyamuni sie Mahakashyapa überreicht hatte, gelangten sie zu Ananda und immer weiter durch die 28 Generationen von indischen Patriarchen bis hin zu Bodhidharma, der sie als erster nach China brachte.

Bodhidharmas Erbe

Bodhidharma gilt als der erste Vertreter eines Buddhismus der Tat im Gegensatz zum Buddhismus der Philosophie. Als er in China wirkte, war der Buddhismus im grossen Reich bereits bekannt und etabliert. Es gab staatlich geförderte Zentren, in denen Sutras und andere Texte übersetzt und eifrig studiert wurden. Zahlreiche Wandermönche durchzogen das Land und predigten das Buddha-Dharma. Mönche und Gelehrte hielten im Auftrag der lokalen Herrscher Vorlesungen über den Buddhismus. Vielleicht war es ähnlich wie heute hier in Europa: Der Buddhismus ist als Idee nicht mehr unbekannt und in einigen Kreisen ist es sogar «in», buddhistisch angehaucht zu sein. Doch was den Buddhismus wirklich ausmacht, das wissen immer noch die Wenigsten.

Viele Menschen sind daran interessiert, weil sie erstens etwas Neues lernen möchten und zweitens erwarten, dass dieses Neue besser ist als das Alte, ganz egal, was das Alte ist. Sie besuchen Vorträge und Diskussionen in der Erwartung, gleich die reifen Früchte zu erhalten. Doch für die Lehre Buddhas gilt dasselbe wie für alle anderen Weisheitslehren: Nur was man selbst erkennt und praktiziert, kann etwas bewirken. Man mag noch so viel Buddhismus studieren, noch so viele Vorträge von spirituellen Lehrern besuchen, noch so viele Initiationen empfangen, wenn man die Weisheit nicht anzuwenden weiss, bleibt alles beim Alten. Deshalb verlegte sich Bodhidharma nicht auf das Predigen, sondern auf das Tun. Während andere Mönche das Dharma durch Textauslegungen lehrten, zeigte er es durch Sitzmeditation und Weisheit im spontanen Umgang mit den Menschen.

Überlieferung ausserhalb der Schriften …

Es gibt einen Bodhidharma zugeschriebenen Ausspruch, der das Wesen seines Weges definiert als:

«Eine besondere Überlieferung ausserhalb der Schriften, unabhängig von Worten und Symbolen. Sie zeigt unmittelbar auf das Herz des Menschen und lässt ihn die (eigene) Natur schauen und die Buddhaschaft erlangen.»

Unter Überlieferung ausserhalb der Schriften versteht man das unvermittelte Erwachen zur Essenz des Buddha-Dharma und der daraus resultierenden allumfassenden Klarsicht, das in der Regel durch irgendeinen Kotakt mit der Wirklichkeit ausgelöst wird. Sei es durch ein spontanes Erleben der Natur oder durch einen Klang, sei es durch eine Geste oder einen Blick des Meisters, wahrhaftige Erkenntnis blitzt immer ganz plötzlich im eigenen Herzen auf. Es genügt nicht, bloss die richtigen Worte zu kennen. Man kann die Wahrheit tausendmal gesagt bekommen, wenn sie nicht im eigenen Körper erfahren wird, bleibt sie graue Theorie. 

«Sie zeigt unmittelbar auf das Herz des Menschen …» Mit Herz ist hier nicht das Körperorgan gemeint, auch nicht das psychologische Symbol der sentimentalen Liebe oder die sprichwörtliche «Mördergrube». Herz ist hier synonym mit Geist, und zwar mit dem nicht-rationalen, intuitiven, mitfühlenden Aspekt des Geistes. Die chinesische Sprache verwendet für beide dasselbe Wort (hsin).

«… und lässt ihn die (eigene) Natur schauen und die Buddhaschaft erlangen.» Die «Übertragung von Herz zu Herz» steht ganz am Anfang der Verbreitung des authentischen Buddhismus. Denn als der Buddha in einem Augenblick der wortlosen Übereinstimmung mit seinem langjährigen Schüler Mahakashyapa bekannt gab, dass dessen Dharma-Sicht der seinigen ebenbürtig war, tat er es mit folgenden Worten: 

«Ich bin im Besitz der Dharma-Sicht, dem wunderbaren Geist von Nirvana, der unvergleichlichen Lehre der formlosen Form. Beides ist unabhängig von Worten und Symbolen. Ich übergebe sie nun Mahakashyapa.»

Unabhängig von Worten und Symbolen

Die «wahre Dharma-Sicht» und der «wunderbare Geist von Nirvana» kann nicht durch Worte übermittelt werden, sondern nur im direkten Kontakt mit gegenwärtigen und bewussten Menschen. Aus diesem Grund haben Belehrungen durch Erklärungen und Auslegungen des buddhistischen Kanons (Tripitaka) im Chan und Zen einen wesentlich geringeren Stellenwert als in anderen buddhistischen Schulen. Das bedeutet aber nicht, dass das Studium der Schriften verachtet wird. Die Formel der wortlosen Übertragung wird leider häufig in diesem Sinne interpretiert.

Das ist ein fatales Missverständnis. Eine Praxis, die nicht in den Schriften verwurzelt ist, tendiert leicht dazu, willkürlich und oberflächlich zu werden. Wenn eine Erfahrung jenseits der Worte echt ist, kann sie auch in den Worten wiedererkannt werden. Die Erkenntniskraft durch das Studium zu schärfen, durch Meditation zu vertiefen und in die Tat umzusetzen, gehört in der Chan- und Zen-Praxis zusammen. Die Sutras und überlieferten Worte der Alten sind eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration; sie können jedoch zu einem Gefängnis werden, nämlich dann, wenn sie nicht durch Erfahrung zum Leben erweckt werden.

Wenn ich in Meditations-Kursen die Leute gelegentlich frage, was sie hören, bekomme ich meistens Antworten wie: «Vogelgezwitscher», «Strassenlärm», «Stimmen» oder andere Namen für Geräusche. Das sind aber bloss Beschreibungen bzw. Umschreibungen von etwas, das im Hörbereich des Gehirns analysiert wurde. Sie sagen nichts über das Hörerlebnis selbst aus. Es ist, als ob man die Schablone «Vogelgezwitscher» oder «Autolärm» über das Erlebte stülpt, wodurch man sich vom direkten Erlebnis selbst distanziert. Dies geschieht so schnell, dass man das direkte Erleben nicht mehr wahrnimmt und sich stattdessen mit einem Wort zufrieden gibt. Ebenso verhält es sich mit Begriffen wie «Liebe», «Natur» und vielen anderen. Man lebt nicht in der aktuellen Wirklichkeit, sondern in der Scheinwelt, die von Gedanken und Worte geschaffen wird und nur in der Vorstellung existiert. Die Wirklichkeit wird durch die Worte ersetzt.

Die meisten von uns betrachten ihr Bewusstsein wie einen statischen Raum, der mit Inhalten aus Worten, Gedanken, Gefühlen oder Erinnerungen möbliert ist. In Wirklichkeit ist Bewusstsein ein grenzenloses «Nichts», in dem sich Gedanken und Empfindungen wie Rauchschwaden oder Wolken am Himmel formieren und wieder vergehen, ohne stabile Strukturen, ohne Kern – kurz: ohne fassbare Inhalte. Es lässt sich kein gezielt handelndes Selbst, kein übergeordnetes Agens, ne unabhängige Wirkungskraft darin finden. Daher besteht der erste Schritt zur Befreiung vom schablonenartigen Denken und Empfinden darin, die Unwirklichkeit der so wirklich scheinenden Bewusstseinsinhalte zu erkennen.

Universale Wahrheiten mit den Lippen auszusprechen und gedanklich zu bekräftigen, bedeutet nicht, sie auch wirklich realisiert zu haben. Solange man die lebendige, schöpferische Wirklichkeit nicht in sich selbst entdeckt, produziert man bloss leeres Geschwätz. Deshalb vertreten die Chan- und Zen-Meister konsequent die Auffassung, man könne den Geist Buddhas nicht in den Sutras oder den klösterlichen Ordensregeln finden. Nach ihrer Erfahrung genügt es auch nicht, allein an Buddhas Lehre zu glauben. Nur die unmittelbare Erfahrung in der eigenen Körperlichkeit hat befreiende Wirkung. Die befreiende Wirkung eines spontanen Aha-Erlebnisses und der damit verbundene innere Frieden, ist das Mass, mit dem die Lehrer die Erkenntnis ihrer Schülerschaft beurteilen. Diese unumstössliche, aus sich selbst heraus geborene Befreiung wird von den Meistern auf alle möglichen Arten provoziert, nur nicht durch erklärende Worte.

Kein Gewinn – kein Zweck – kein Ich

Bodhidharma wird als äusserst direkter und strikter Lehrmeister beschrieben. Es lag ihm nichts daran, seine Sichtweise ausführlich zu erklären: Entweder sah sein Gegenüber die Realität oder es sah sie nicht. Es scharten sich nur wenige Schüler um ihn und er selbst zog es vor, in der Abgeschiedenheit zu leben. Das Leben eines Schützlings an einem königlichen Hof, wie es damals für buddhistische Priester und Lehrer gang und gäbe war, lockte ihn nicht.

Die Überlieferung berichtet von einem berühmt gewordenen Dialog zwischen dem Kaiser Wu aus der Liang-Dynastie und Bodhidharma. Dieser Wortwechsel charakterisiert das schlichte Wesen von Bodhidharmas Lehrweise gut: 

Wu: «Welches Verdienst habe ich dadurch erworben, dass ich seit meiner Thronbesteigung zahllose Tempel bauen, Sutren abschreiben und Mönche weihen liess?» 

Bodhidharma: «Gar keinen Verdienst.» 

Wu (verwundert): «Weshalb gar keinen Verdienst?»

Bodhidharma: «Offene Weite, nichts Heiliges.» 

Wu (zweifelnd): «Zu welchem Zweck seid Ihr denn nach China gekommen?» 

Bodhidharma: «Zu gar keinem Zweck.» 

Wu (leicht verärgert): «Wer ist es denn, der vor mir steht und solches sagt?» 

Bodhidharma: «Ich weiss es nicht.»

In der traditionellen Zen-Schulung wird dieser Dialog als Koan benutzt. Koan bedeutet wörtlich öffentlicher Fall. So wie in der Rechtsprechung frühere Fälle als Entscheidungshilfe und Beispiele herangezogen werden, so benutzen Zen-Meister überlieferte Fälle, wenn sie den geistigen Zustand ihrer Schülerinnen gezielt fördern wollen oder begutachten müssen. Ein Koan besteht in der Regel aus einer Frage oder einer Problemstellung, die nicht so ohne weiteres durchschaubar ist. Die Studierenden sollen zur essentiellen Bedeutung des Falls vorstossen und den zeitlosen Wahrheitsgehalt hinter den Worten herausschälen und manifestieren. Sie stehen sozusagen vor der Schranke in einem öffentlichen Gericht. Die Schranke befindet sich im eigenen Geist und ist dazu da, überwunden zu werden. Wird der Dialog zwischen Kaiser Wu und Bodhidharma als Koan benutzt, geht es darum, den unvoreingenommenen, offenen Geist von Bodhidharma in sich selbst zu erwecken und zu verwirklichen. 

Die Frage nach Gewinn, Lohn und Zweck des eigenen Tuns kennen wohl alle erwachsenen Menschen. Wenn man sich einer guten Sache widmet und Wohltätigkeit ausübt, dann erwartet man doch – mehr oder weniger ausgesprochen – eine Belohnung. Aber Bodhidharma sagte, es gibt keinen Gewinn. Bedeutet dies, dass alles Bemühen umsonst ist? Vertritt Zen eine derart pessimistische Ansicht? Ist dem Buddhismus eine alles verneinende Grundhaltung zu eigen, wie manche westlichen Philosophen so gerne behaupten? Zugegeben, aus der Sicht des sogenannten gesunden Menschenverstandes und der üblichen karitativen Überzeugungen könnte man Bodhidharmas Worte negativ auffassen Sie stimmen nicht mit unserer emotionalen Wirklichkeit überein. Im Leben eines erwachsenen Menschen muss doch alles Sinn und Zweck haben, ansonsten hat seine Existenz keinen Wert.

Ist die Frage «Was habe ich davon?» nicht in allem Tun versteckt? Erwartet man nicht auch von der Meditation oder von einem geistigen Weg, dass «es etwas bringt»? Ist man nicht immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob es sich lohnt, am Morgen eine Stunde früher aufzustehen, um zu meditieren, oder eine Woche Ferien zu nehmen, um an einer Meditationswoche teilzunehmen, oder regelmässig einen gewissen Beitrag an ein Zen-Zentrum oder eine andere religiöse Einrichtung zu bezahlen? Und denkt man nicht schnell einmal, wenn man keine greifbaren Resultate sieht, es habe ja alles keinen Zweck? 

Wie ist Bodhidharmas «Offene Weite, nichts Heiliges» als Antwort auf die Frage nach einem Gewinn zu verstehen? Da wurden und werden weltweit Tempel und Klöster als heilige Orte gebaut, doch Bodhidharma, der selber ein Mönch und Priester war, sagte, es gebe nichts Heiliges. War er ein Zyniker? Nein! – Im grossen Universum kann man nicht zwischen weltlich und heilig unterscheiden. Der universale Geist ist naturgemäss frei von Gewinn und Zweck. Gewinn und Zweck existieren nur im menschlichen Denken. Die offene Weite ist die Natur aller Dinge, einschliesslich des Geistes.

Auch auf die Frage nach dem Zweck seines Kommens antwortete Bodhidharma mit einer Verneinung. Gemäss einer weniger bekannten Version des Dialoges fügte er hinzu: «Der Baum im Garten.» Was ist der Zweck eines Baumes im Garten? Man könnte gerade so gut fragen: Zu welchem Zweck ist ein Eichhörnchen geboren? Wozu rauscht das Wasser vom Gletscher zu Tal und fliesst bis ins grosse Meer? Auch hier manifestiert Bodhidharma sein Einssein mit der grossen Natur. Kümmert sich eine Blume wohl um den Zweck ihres Daseins? Macht sich eine Katze Sorgen, ob es einen Zweck hat, Mäuse zu fangen? Hat in der Natur nicht alles seinen Sinn aus sich selbst heraus? Braucht es einen zusätzlichen Zweck des Daseins, einen Gewinn? Wenn der Geist vom ichbezüglichen Denken befreit ist, sieht man den absoluten Wert allen Daseins und kann daher von Kein-Gewinn und Kein-Zweck sprechen. 

Die Ehrfurcht vor dem erhabenen Meister Bodhidharma und die unbedarfte Begeisterung für Zen verleiten Anfänger leicht dazu, allzu schnell zuzustimmen und selbst zu verkünden, es gäbe keinen Gewinn und keinen Zweck. Doch eine angelernte Wahrheit mit Worten zu bekräftigen und sie durch Verstehen zu verwirklichen, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. …..

BODHIDHARMA

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Der rote Faden des Dharma

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