Taoismus – Die Lehre vom Tao

Grundlagen des Taoismus

Die Prinzipien

Die zentralen Begriffe des Taoismus sind Tao und Te. Wörtlich bedeutet Tao „Weg“. Es kann aber auch als „Lehre“ übersetzt werden. Der zweite Hauptbegriff, Te, steht für die Wirkkraft des Tao und wird als „Leben“ oder „Tugend“ übersetzt. Aus Tao und Te entspringen die beiden Kräfte Yin und Yang, welche zusammen in ständiger Wandlung den ganzen Kosmos hervorbringen. Die Harmonie zwischen Yin und Yang beruht auf der Urenergie Ch’i. Ch’i manifestiert sich als Vitalenergie und wird durch den Atem erzeugt und aufrechterhalten.

Die Heimat des Taoismus ist China, doch seine Lehre ist universal. Sie beruht auf der Kontemplation zeitloser Naturgesetze und deren Übertragung auf die Menschenwelt. Das Ziel der Taoisten ist pragmatisch und menschennah: Ein Leben in grösstmöglicher Harmonie mit der Natur, welche ein Spiegel für das Tao ist. 

Die Harmonie mit dem Tao wird angestrebt, indem man das Wesen des Tao studiert und nachahmt. Die Frucht ist ein Leben in Gelassenheit und innerem Frieden. Man lässt die Dinge geschehen, statt alles selber tun zu wollen. Diese Haltung kommt im Begriff Wu-Wei zum Ausdruck. Wu bedeutet „nicht“ Wei bedeutet „Tun, Handeln“; Wu-Wei bedeutet demnach „Nicht-Handeln“ oder „Nicht-Tun.“ 

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Zusammengefasst ist der Taoismus die Lehre vom richtigen menschlichen Verhalten im Einklang mit der grossen Natur. Wie die Natur soll der Mensch über allen Gegensätzen stehen. Am Beispiel der Natur soll er erkennen, dass Geburt und Tod die Einheit des Lebens ausmachen, und wie die Natur soll er dem Lauf der Dinge folgen ohne an der Illusion eines Ichs zu hängen. Das Ideal ist der „Mensch des Tao“ oder der „Wahre Mensch“. Dieser ist gekennzeichnet durch Zurückhaltung und Bescheidenheit. Frei von egozentrischen Bestrebungen folgt er unauffällig dem Weg. Er kümmert sich nicht um öffentliches Ansehen oder um öffentliche Ämter. Er wirkt im Verborgenen zum Wohle aller Wesen. Seine Weisheit wird verglichen mit der eines Kindes oder eines rohen Steins, seine Gleichmut erinnert an tote Asche oder totes Holz.

In China umfasste der Taoismus zwei grosse Strömungen: den sogenannten religiösen Taoismus (Tao-chiao) und den sogenannten philosophischen Taoismus (Tao-chia). Während es im philosophischen Taoismus in erster Linie um die Vereinigung mit dem Tao im alltäglichen Leben geht, befasst sich der religiöse Taoismus mit Fragen der Lebensverlängerung und der Unsterblichkeit. Der religiöse Taoismus ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Riten und Zeremonien, auch Alchemie und Sexualpraktiken spielen dabei eine wichtige Rolle. Da es in der vorliegenden Zeitschrift hauptsächlich darum geht, die taoistischen Wurzeln des Zen-Weges zu ergründen, genügt es, sich auf den philosophischen Taoismus zu beschränken und die Kultaspekte ausser Acht zu lassen. 

Die Quellen

So, wie es für die meisten westlichen Menschen ganz normal ist, mit dem Begriff „Gott“ aufzuwachsen, so gehört für chinesische Menschen der Begriff „Tao“ ganz natürlich zum Leben. Wie das Wort „Gott“ so lässt auch das Wort „Tao“ aber viel Raum für Vorstellungen und Spekulationen. Niemand kann definieren, was Gott bzw. Tao ist. Entsprechend umfangreich ist die philosophische Literatur und das Spektrum der Praktiken. Doch die Aussagen und Anwendungen des Taoismus gelten nur dann als authentisch, wenn sie sich glaubwürdig auf die zwei Hauptvertreter Lao-tzu und Chuang-tzu berufen. Lao-tzu ist der legendäre Autor der Spruchsammlung Tao Te King, Chuang-tzu wird die Sammlung von Texten in Das wahre Buch vom südlichen Blütenland zugeschrieben. 

Eine andere Hauptquelle, aus welcher der Taoismus schöpft, ist das Buch der Wandlungen, I Ching. Es handelt von den beiden Kräften Yin und Yang und ist Urquelle der chinesischen Weisheitslehren und Wissenschaften schlechthin. Nicht nur der Taoismus ist davon geprägt. 

Weitere Schriften zum ursprünglichen Taoismus, welche in westliche Sprachen übersetzt vorliegen, sind: Wen-tzu, eine Sammlung von Gesprächen, die ein Schüler mit Lao-tzu geführt haben soll; Das wahre Buch vom quellenden Urgrund von Lie-tzu und ein oft zitiertes Werk namens Huai-nantzu ohne einen bestimmten Autor. 

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Lao-tzu (auch Lao-tse geschrieben) soll im 6. Jh. v. Chr. gelebt haben und ein Zeitgenosse von Shakyamuni Buddha und von Konfuzius gewesen sein (s. S.3). Lao-tzu bedeutet wörtlich „Alter Meister“. Um ihn spinnen sich, ähnlich wie um andere alte chinesische Meister, zahlreiche Legenden. Er ist auch unter den Namen Lao Tan und Lao Erh bekannt. Gemäss historischen Aufzeichnungen war er Archivar am Hof von König Chou. Eines Tages beschloss er, diesen Posten aufzugeben und nach Westen auszuwandern. Auf dem Weg über einen Pass traf er den Grenzwächter Yin Hsi. Dieser bat den Wanderer, ihm seine Lehre kundzutun, worauf Lao-tzu 5000 Zeichen malte und darin die ganze Weisheit des Tao Te King niederschrieb. Danach soll er für immer verschwunden sein. Eine chinesische Version besagt, er sei nach Indien gegangen, habe dort den Buddha getroffen, und dieser sei sein Schüler geworden. 

Auch wenn moderne Historiker darin übereinstimmen, dass das Tao Te King nicht von Lao-tzu persönlich verfasst wurde und später entstanden ist, erfreut sich die Vorstellung vom weisen Alten, der einem einfachen Grenzwächter einen der grössten geistigen Schätze der Menschheit überreichte, bis heute grosser Beliebtheit, nicht nur in China, sondern überall dort, wo das Tao Te King gelesen wird. 

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Chuang-tzu (auch Dschuang Dsi und Chuang Chou geschrieben, ca. 369 – 286 v. Chr.) gilt zusammen mit Lao-tzu als Begründer des Taoismus. Im Gegensatz zu Lao-tzu handelt es sich um eine nachweisbar historische Gestalt. Seine Abhandlungen knüpfen am Tao Te King an, nehmen aber deutlicher Bezug zu den gesellschaftlichen Fragen seiner Zeit, welche gekennzeichnet war durch Kriege und Umwälzungen. Ebenso wie Laotzu galt Chuang-tzu als ein Kritiker des Konfuzianismus. Der von Konfuzius geprägten Staatsform warfen die Taoisten vor, sie pervertiere die von ihr propagierten Werte der „Menschlichkeit“ und „Sittlichkeit“ so, dass sie zur Künstlichkeit und zum rituellen Dogmatismus verkämen.

Das Ideal der Taoisten war dem höfisch geprägten Ideal der Konfuzianer diametral entgegengesetzt, es bestand darin, ein ganz natürlicher und bescheidener Mensch zu sein. Während sich das Tao Te King auf knappe Verse beschränkt, besteht das Werk von Chuang-tzu aus mehreren Büchern mit fiktiven Dialogen, Gleichnissen und Fabeln, die ihn als grossen Denker und Wissenschaftler aber auch als feinfühligen Poeten offenbaren. 

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Ob Wen-tzu ein Pseudonym ist und ob dahinter tatsächlich ein Schüler von Lao-tzu steckt. darüber sind sich die Forscher nicht ganz einig. Die Schrift mit diesem Namen ist eine Art Fortführung des Tao Te King und gehört zweifellos in die Tradition der klassischen Schriften des Taoismus. Ihre Enstehungsgeschichte liegt im Dunkeln, die Historiker ordnen sie dem letzten Jahrhundert vor der Zeitwende zu. Der Inhalt des Went-zu, das auch unter dem Titel Das Verstehen des Geheimnisses bekannt ist, könnte auch als die Quintessenz der Lehren von Lao-tzu und Chuang-tzu verstanden werden. In ihm konsolidieren sich die Ideen der Taoisten und der Konfuzianer zu einer Philosophie mit deutlich menschlichem Bezug. 

Die Basis bildet die Vorstellung, dass die Menschheit ihre uranfängliche Reinheit bereits in vorgeschichtlicher Zeit verloren hat und wieder gewinnen soll. Auch das Wen-tzu betont, dass dies nur durch die Rückkehr zur Natur gelingen kann und dadurch, dass sich der Mensch von allem Künstlichen befreit. Wenn man den Lokalkolorit entfernt und nur auf den Inhalt achtet, klingen einige Ideen und Ansätze erstaunlich vertraut und geradezu modern. 

Das Wen-tzu fordert deutlich die Unterordnung des Menschen unter das Gesetz des Geistes. Dies sei wichtiger als der Besitz materieller Güter. Wenn innerhalb des Individuums Einheit von Körper und Geist bestehen, dann auch innerhalb der Gesellschaft. Mit der Botschaft, dass sich Individuelle und soziale Gesundheit gegenseitig bedingen, steht das Wen-tzu tatsächlich in direkter Verwandtschaft mit Lao-tzu und Chuang-tzu. 

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Lie-tzu (auch Liä Dsi) gilt als der Verfasser von Das wahre Buch vom quellenden Urgrund. Das Werk entstand aber vermutlich im 2. Jh v. Chr., als Lie-tzu bereits nicht mehr am Leben war und hat verschiedene Autoren. Seinen hohen Stellenwert innerhalb der klassischen taoistischen Literatur verdankt das Buch u.a. der reichhaltigen Verwendung von Volkssagen und Mythen, um das taoistische Gedankengut zu veranschaulichen. Ein Hauptmerkmal von Lie-tzu ist ausserdem die Auffassung der mechanischen Gesetzmässigkeit der Natur: Niemand kann die Wirkung der Natur durchschauen und im voraus wissen. Aus diesem Grund gab es in der Ansicht von Lie-tzu keinen Platz für einen freien Willen (s. S. 10). Das Beste, was der Mensch tun kann, ist, die Gesetze der Natur zu studieren und anzuwenden. Lie-tzu selbst soll es in der Anwendung der taoistischen Prinzipien sehr weit gebracht haben. Es wird berichtet, dass er nach neun Jahren taoistischer Praxis auf dem Wind geritten sei. 

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Das Huai-nan-tzu ist die jüngste der erwähnten Schriften (vermutl. 2. Jh. v.Chr.). Es ist eine Sammlung von Abhandlungen. Die Schwerpunkte bilden Theorien zur Entstehung des Kosmos und die Lehre der Fünf Elemente, die den Ablauf der Naturerscheinungen regeln. 

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K’ung-tzu, (Konfuzius, 551-479) ist der Begründer des Konfuzianismus, der alles bestimmenden Staatsdoktrin von China. In ihr verbanden sich philosophische, religiöse, und sozialpolitische Aspekte zu einer übergreifenden Lehre. K’ung-tzu fühlte sich berufen, die verlorene Reinheit und Harmonie der Alten wiederherzustellen. Auch er berief sich auf das Tao. Zentrale Begriffe seiner Lehre waren „Menschlichkeit“ und „Sittlichkeit“, das Ideal war der „fürstliche“ bzw. der „königliche“ Mensch. Dieser zeichnete sich durch Güte und vollkommenes Verhalten aus. Ob die Güte eine naturgegebene Eigenschaft des Menschen sei oder ob der Mensch erst dazu erzogen werden müsse, war Gegenstand diverser Streitgespräche.

K’ung-tzu basierte seine politische Haltung auf der Vorstellung, dass alles bei seinem „richtigen Namen“ genannt werden müsse, damit Ordnung herrschte, d.h. Ordnung herrscht dann, wenn alles seinem Namen entspricht: Ein König muss ein König sein, ein Fürst muss ein Fürst sein. Diese Auffassung erfordert zwangsläufig eine Menge Vorschriften und ausgeklügelte Definitionen. Die Exponenten und Garanten des „rechten Lebenswandels“ waren die Herrscher und deren Beamten. Das Leben des Volkes wurde durch zahlreiche Riten und Dogmen bestimmt. 

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Der Taoismus bildete eine Art Gegenbewegung zu dieser Staatsgläubigkeit. 

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