Das Karussell

Neulich besuchte ich eine Herbstmesse und schaute den Kindern beim Karussellfahren zu.

Wir sind als Kinder sicher alle schon einmal auf einem Karussell gesessen und beobachten heute als Erwachsene andere Kinder darauf. Das Karussell dreht sich von selbst und spielt Musik – das wirkt vergnüglich. Karussells gibt es weltweit; überall ziehen sie die Menschen wie magisch in ihren Bann.

Die Kinder sitzen einzeln auf einem Pferd, einem Elefanten oder einem anderen Tier oder zu zweit in einer Kutsche, Sänfte oder in einem Auto. Manche wirken versunken und genießen die Fahrt; andere blicken mit leuchtenden Augen auf die vorbeiziehende Szenerie. Entdecken sie unter den Zuschauern ihre Eltern, freuen sie sich und winken. Einigen scheint die Fahrt unheimlich zu sein; sie klammern sich am Sitzhalter fest, ihr Gesichtsausdruck verrät Unbehagen oder Angst. Wieder andere wirken teilnahmslos: Ihre Körpersprache zeigt weder Behagen noch Unbehagen.

Angenehm, Unangenehm, neutral

Erinnert ihr euch an euer eigenes Karussellfahren aus der Kinderzeit? War es ein Vergnügen oder eher etwas Unheimliches?

Schaut man den glücklichen Kindern zu – also jenen, die sichtbar Vergnügen haben –, dann sieht man offene, wache Augen und bewegliche Körper, die vor Lebensfreude strotzen. Sie scheinen Halt in sich selbst zu haben: Sie staunen, lachen und wollen gar nicht genug bekommen. Manche zeigen großes Interesse an den Details des Karussells, andere strecken die Nase in den Wind und lassen sich treiben.

Die unglücklichen Kinder hingegen – also jene, die an der Fahrt kaum Gefallen finden – wirken unsicher. Das Unbehagen ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie suchen Halt außerhalb ihrer selbst. Ihre Hände umklammern den Haltegriff, und ihre Augen suchen die Eltern – ohne diese unter den vorbeiziehenden Zuschauern klar ausmachen zu können.

Die scheinbar Unbeteiligten sind in sich gekehrt. Ihr Körper wirkt schlaff, ihr Blick ist nicht fokussiert. Man sieht ihnen nicht an, was sie empfinden.

In seiner Lehre vom Bedingten Entstehen (Pali: Paticcasamuppada) zeigte der Buddha, dass angenehme, unangenehme und neutrale Empfindungen die zentralen Auslöser für unser Verhalten sind. Aus ihnen entstehen Anziehung und Abneigung, Liebe und Hass, die letztlich das Wohl und Weh der gesamten Menschheit bestimmen.

Das Karussell von Freud und Leid

Man könnte sich nun fragen: Wie ist das bei mir? Heute? Wie sitze ich in meinem Karussell? Wie begegne ich der Welt? Denn sitzen wir nicht alle in einem Karussell des Lebens?

Die Szenerie wechselt ständig, es geht rund und rund. Ich bin ein Reisender unter vielen, und meine Beziehung zur Außenwelt ist sehr selektiv. Wenn ich gesehen werde und mir jemand zuwinkt, bin ich erfreut. Das gibt mir die Bestätigung meiner Existenz, das gibt mir Halt: Das Leben ist schön, das Leben ist ein Vergnügen!

Oder: Ich sitze im Karussell und habe keine Ahnung, was vor sich geht. Ohne mein Zutun werde ich in Bewegung gesetzt. Vor meinen Augen rasen Formen und Farben vorbei, zu schnell, um Details zu erkennen. Ich fühle mich allein und verlassen: Das Leben ist voller Ungewissheit, ich habe Angst. Verkrampft halte ich mich an dem Gefährt fest, auf dem ich sitze.

Oder: Ich sitze im Karussell des Lebens und weiß nichts davon. Man hat mich auf eine Bahn gesetzt, und da drehe ich nun meine Runden. Ich bemerke weder, dass es „außen“ andere Menschen gibt, noch dass es „innen“ eigene Gefühle gibt. Ich sitze nur da und warte, bis es vorbei ist.

Kennen wir diese Facetten unseres Daseins nicht aus eigener Erfahrung?

Eine Frage der Perspektive

Das Karussell als Ganzes hat einen Drehpunkt in der Mitte. Die Geschwindigkeit, mit der es sich dreht, ist für alle Mitfahrenden dieselbe. Die Außenwelt, d. h. das, was sich im Vergleich zum Karussell nicht dreht, ist auch für alle dieselbe. Und trotzdem wird die Fahrt ganz unterschiedlich erlebt. Warum ist dem so, wie kommen diese verschiedenen Befindlichkeiten zustande?

Die Antwort liegt in der Perspektive. Unser Lebensgefühl hängt davon ab, wie und worum sich unser persönliches Karussell dreht und worin man einen Halt findet bzw. woran man sich festhält. Lasst uns dies etwas genauer betrachten.

Gewöhnlich sehen wir das Leben nicht als das Große Ganze, das es in Wirklichkeit ist. Wir bewegen uns nicht mit dem großen, natürlichen Kreislauf mit. Wir sitzen in einem virtuellen Zentrum eines virtuellen Ichs und schauen von da in eine virtuelle Welt hinein. Je nach Umständen empfinden wir dies als angenehm und lustig oder als unangenehm und beängstigend. Unser Geistesradius ist sehr klein und eng. Wir sind nicht Teil des Ganzen, sondern fühlen uns umzingelt von virtuellen Wänden und Hindernissen und finden keine Ruhe. Mal sind wir happy, mal zu Tode betrübt. Und fast immer sind wir unzufrieden und suchen die Schuld dafür bei anderen oder bei uns selbst. Mea culpa!

Der Buddha und die anderen Weisen dieser Welt haben entdeckt, dass die Befreiung aus dem dauernden Auf und Ab von Freude, Vergnügen, Angst, Unsicherheit, Wut, Liebe, Hass usw. – das ohnmächtige Ausgeliefertsein auf dem Karussell – ein Ende haben kann. Das ist aber nicht das Ende des Lebens, nicht das Ende des „Er-lebens“. Es bedeutet nicht den Tod, den wir so sehr fürchten. Im Gegenteil: Es öffnet die Türen zu einer Lebensfreude einer anderen Art. Diese Freude basiert, im Gegensatz zum Ritt auf einem Karussell, nicht auf dem kindlichen Vergnügen der Sinnlichkeit.

Ich will aussteigen

Theoretisch kann man natürlich sagen: „Steig einfach aus vom Karussell!“ So wie es der Titel eines Theaterstücks war: „Halt die Welt an, ich will aussteigen.“ Aber die Erfahrung lehrt: So geht das nicht. Wir können nicht aussteigen. Wir sind nun einmal da! In dieser Welt, in diesem Universum, in diesem Leben.

Die Lösung, die die Weisen dieser Welt vorleben, steht der Flucht aus dem Leben diametral entgegen. Statt sich vom Leben abzusondern und vom Karussell auszusteigen oder sich sonst irgendwie selbst zu retten, geht man mitten ins Leben hinein. Statt sich vom Sturm mitreißen und täuschen zu lassen, begibt man sich in das Auge des Hurrikans.

Was bedeutet das?

Im Auge des Hurrikans

Über die Natur des Geistes nachzudenken in der Hoffnung, sie zu finden, führt in die Irre. Es ist heute Allgemeinwissen, dass das menschliche Auge nur ein sehr begrenztes Spektrum der im Universum vorhandenen Lichtwellen sehen kann. Was jedoch noch immer nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen ist, ist die Erkenntnis, dass auch das menschliche Denken nur ein sehr begrenztes Spektrum der Wirklichkeit erfassen kann. Dieses fehlende Wissen wird durch Glauben kaschiert: Was mir das Wissen nicht gibt, das soll mir der Glaube an etwas ersetzen.

Man kann die Wirklichkeit also nicht erdenken, aber man kann sie bis zu einem gewissen Grad erfahren. Dazu ist es nötig, sich ihr experimentell zu stellen. Was heißt das? Mit „experimentell“ meine ich, den Versuch zu wagen, das Undenkbare zu tun, ohne zu wissen, was dabei herauskommt.

Wir können dies beispielsweise in der Sitzmeditation erproben. Wenn man die gewohnten Gedanken – die man für die eigenen hält – und den Glauben daran loslässt, wenn man sich mit großer Entschlossenheit, Mut und Ausdauer darauf einlässt, nichts zu wissen und nichts zu glauben, ohne Erwartungen und ohne Bedingungen, dann ist dies in meinen Augen ein Experiment. Man erforscht den eigenen Geist auf der Basis von unmittelbarer Erfahrung und nicht von angelerntem Wissen. Das ist das Wesen von Zazen.

Um bei unserem Thema zu bleiben: Wenn ich mir in meinem falschen Ich-Zentrum eine falsche Welt vorgaukle – zum Beispiel ein Karussell mit allem Drum und Dran –, dann lautet die Devise: Gib die Idee von einem Zentrum, von einem Karussell und all seinem Trubel auf.

Keine Angst

Schrecke nicht zurück, wenn sich die virtuellen Begrenzungen deines virtuellen Ichs aufzulösen beginnen. Hab den Mut, dies zuzulassen. Bleib offen und wach. Im modernen Sprachgebrauch heißt das: Wage es, deine Komfortzone zu verlassen, dein Schneckenhaus, dein Gedankengebäude, in dem du dich so gemütlich eingerichtet hast, das dir aber auch zum Gefängnis wird.

Keine Angst, du wirst nicht tot umfallen, du wirst kein anderer Mensch werden. Aber du wirst mit großer Wahrscheinlichkeit einmal erfahren, was hinter dem Begriff „reines Gewahrsein“ steckt. Denn wenn der Geist nicht mehr in Begriffen wie „Ich und …“ gefangen ist, dann zeigt sich seine wahre Natur. „Reines Gewahrsein“ ist nur ein Name dafür. Die Buddhisten nennen es „Buddha-Natur“, andere „ursprünglicher Geist“ oder „Universalgeist“.

Als Siddhartha Gautama nach langer Meditation im wortlosen, vorstellungslosen Gewahrsein wieder zu seinem körperlichen Dasein zurückkehrte und den Morgenstern am Himmel funkeln sah, geschah genau das! Er sah die Wahrheit und wusste ohne Zweifel, dass alles, was wir zu wissen glauben, was wir meinen und denken über uns und die Welt, von Grund auf illusorisch ist. Das menschliche Bewusstsein von Siddhartha hatte sich in das universale Bewusstsein eines Buddha transformiert.

Gewahrsein

Reines Gewahrsein ist nicht persönlich, ohne Grenzen, weder innerhalb noch außerhalb. Gewahrsein „sieht“ alles, wird aber nicht gesehen. Es ist, im wahrsten Sinne der Worte, allgegenwärtig und allumfassend. Reines Gewahrsein ist das lebendige Wesen der ganzen Existenz, aber nicht in diese verwickelt. Es bringt alle Erscheinungen hervor, ist aber nicht identisch mit den Erscheinungen. Oft wird es verglichen mit dem Mondlicht, das in jedem klaren Wasser – Teich, See, Tümpel, Waschschüssel, Trinkglas – in gleicher Weise leuchtet, vorausgesetzt, es gibt keine Wellen darin.

Um bei unserem Thema zu bleiben: Das reine Gewahrsein ist nicht getrennt vom Karussell und all dessen Mobiliar; es ist nicht getrennt von den Zuschauern, die um das Karussell herumstehen; nicht getrennt von den Häusern und Straßen, die das Karussell umgeben; nicht getrennt von den Bäumen, Bergen und Gewässern, die die Häuser und Straßen umgeben; nicht getrennt vom unermesslichen Raum, in dem sich alles dreht und lebt. Mit anderen Worten: Außerhalb unseres eigenen Gewahrseins gibt es kein Karussell, keine Welt, kein Universum. Das ganze Karussell trägt jeder in sich selbst. – Dies muss man allerdings erst einmal realisieren! Vorstellen kann man sich so etwas nicht! Das ist Erleuchtung.

Was so unglaublich und vielleicht hochgestochen tönt, wenn man es in Worte fasst, ist durchaus möglich. Auch wir können zu dieser Realisation gelangen. Die Möglichkeit ist in jedem Augenblick gegeben, weil sie die allgegenwärtige Wahrheit ist.

Die Schlüssel

Der Schlüssel dazu ist rechte Meditation. Nicht Meditation zu diesem oder jenem Zweck, nicht mit dieser oder jener Absicht. Worte vermögen nicht zu sagen, was Meditation wirklich ist, mögen sie noch so schön, weise oder buddhistisch sein. Sie können jedoch Sprungbretter sein oder Wegweiser, die uns zeigen, wie und wo wir beginnen können. Nämlich bei uns selbst, mit dem eigenen Tun. Wir können durch Innehalten und Schweigen lernen, im passiven Gewahrsein zu verweilen (rechte Meditation) und mit konstanter Achtsamkeit zu leben (rechtes Tun).

Reines Gewahrsein manifestiert sich in rechtem Denken, rechter Sicht und rechtem Tun. Konstante Achtsamkeit manifestiert sich im Vermeiden von schädlichen Handlungen und Ablenkungen. Dies ist der Pfad, den der Buddha und unsere Vorfahren vorgespurt haben. Wir brauchen nicht nach Indien, China oder Japan zu reisen, um diesen Weg zu finden. Er ist in uns, ganz egal, wo wir uns in der geografischen Welt gerade aufhalten. Also auch hier und heute. Gerade hier und heute.

Aussteigen

Fassen wir zusammen: Es ist also prinzipiell möglich, vom Karussell, dem sich ewig drehenden Rad von Freud und Leid, Zustimmung und Ablehnung, Gewinn und Verlust usw., abzusteigen und eine bedingungslose Freude in sich zu finden, die jenseits von Worten, Gedanken, Gefühlen und Stimmungen ist. Das ist keine Flucht in irgendein virtuelles Paradies, in eine „andere Welt“ und auch nicht in einen selbsterzeugten Meditationszustand, in dem man sich einbildet, man sei jetzt „draußen“. Es gibt kein Draußen. Es gibt nur Gewahrsein im gegenwärtigen Augenblick.

Alle Lehren, die ein jenseitiges Land, einen jenseitigen Himmel, eine jenseitige Erlösung, einen jenseitigen Bewusstseinszustand propagieren, alle Ideen von richtig und falsch, alle moralischen Überzeugungen, stammen aus uns selbst. Solange wir an sie glauben, ist das Gewahrsein nicht rein, sondern trüb. Wir können die ichlose Wirklichkeit nicht sehen und werden immer alles persönlich nehmen. Mea culpa!

Die Krönung der Schöpfung

Keine Gottheit, kein Ego, nicht Vater, nicht Mutter sind schuld. Wir selbst schaffen das Karussell, in dem wir sitzen, mit unseren eigenen Gedanken. Und zwar immer aufs Neue. Wir sind selbst das Pferd, der Elefant, auf dem wir sitzen und an dem wir uns festhalten. Alle Konzepte, Meinungen und Urteile setzen wir hinein in die leere Welt. Wir sind es, die meinen, das ganze Karussell und die ganze Welt drehe sich um uns – die Krönung der Schöpfung –, und wir sind es, die die Wirklichkeit nicht sehen.

Viele Menschen, die den wackligen Untergrund ihrer Selbstzentriertheit verlassen haben und sich in der bodenlosen Stille der Meditation selbst gefunden hatten, bezeugten in Wort und Tat, dass sie fortan von unerschütterlicher Lebensfreude, Lebensmut und Lebensvertrauen getragen wurden. Weil sie erkannt hatten, dass in Wirklichkeit alles in Ordnung ist, so wie es ist.

Ohne Tam-Tam

Vergeudet keine Zeit mit Zweifeln und Hadern. Seid im Frieden mit dem Karussell, das wir alle gemeinsam drehen. Nehmt es nicht so ernst. Es ist das Produkt unseres „ichigen“ Verlangens nach Abwechslung und Selbstbestätigung, das ständig nach Nachschub schreit. Nicht mehr und nicht weniger. Lasst euch nicht ablenken von der wechselnden Szenerie der Wahrnehmungen. Seid still. Und wenn die Zeit reif ist, dann – ganz für euch allein, ohne Tam-Tam, ja ohne es zu merken –, werdet ihr aufgeben und euch vom Fluss tragen lassen!

Mit diesem Verstehen lasst uns auch heute allem, was auf uns zukommt, mit Gleichmut begegnen. Offene Augen, offene Ohren, offenes Herz und offene Hände. Weder zupacken noch ablehnen. Nichts, aber auch gar nichts festhaltend. Was kommt, wird sich entfalten und vergehen. Was es auch sein mag, atmet es aus, zusammen mit der verbrauchten Luft! Und dann – vielleicht – wird es sich zeigen, dass alle Räder, alle Karusselle der Welt mit allem, was sie tragen und bewirken, einschließlich mir selbst, in Wirklichkeit nichts anderes sind als winzige, kurz aufleuchtende Stäubchen im immensen leeren Raum des Bewusstseins.

Viel Vergnügen!

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