Oktober 2019
Vorbemerkung
Wenn jemand das Gefühl hat, dass das, was heute gesagt wird, schon oft gesagt wurde, dann ist das richtig. Dharmavorträge drehen sich immer mehr oder weniger um dasselbe. Unsere Retreats, egal ob 1- oder mehrtägig, haben immer dieselbe Ausrichtung: Erstes das Besinnen, worum es eigentlich bei der Zen-Meditation geht, und zweitens das Einüben und
Vertiefen einer möglichst nachhaltigen Praxis und ihre Anwendung im täglichen Leben. Denn wenn wir die
Zeit auf dem Sitzkissen nicht einfach verplempern wollen, dann braucht es rechtes Verstehen und rechtes
Tun.
Rechtes Verstehen geht einher mit rechter Sicht. Wenn man kein rechtes Verstehen bzw. keine rechte Sicht
hat von der Realität des menschlichen Daseins hat, dann verkommt die Sitzmeditation schnell zu einem
Religionsersatz, einer spirituellen Modeerscheinung, wie z.B. das zurzeit in gewissen Kreisen propagierte Schokoladen-Yoga und Ziegen-Yoga. Das ist kein Witz, solche Sachen gibt es! – oder zu einem Instrument für die sogenannten Selbstoptimierung.
Ursprung der Zen-Meditation
Wir berufen uns auf die tiefgreifenden Erfahrungen und Erklärungen Buddhas sowie der alten Zen-Meister, die in eigener Verantwortung ihren Geist durch konsequente Introspektion untersucht haben. Dabei sahen sie sich gezwungen, sämtliche Begriffe und alles angelernte Wissen aufzugeben, um das zu erfassen, was ihnen die Stille ihres Geistes offenbarte.
Dieses wortfreie, alle Gedanken transzendierende, tief eindringende Schauen des eigenen Geistes bildet das Fundament der Zen-Meditation.
Es gibt einen berühmten legendären indischen Mönche namens Bodhidharma, der als erster die buddhistische Praxis der Innenschau in China bekannt machte. die Sitzmeditation als das fundamentale Prinzip der buddhistischen Lebensführung in China eingeführt. Zwar gab es zu jener Zeit bereits Universitäten und Zentren, in denen Gelehrte die Schriften des Buddhismus studieren und kommentierten.
Doch Bodhidharma gehörte einer aufkommenden Strömung an, in der Meditation und die Verwirklichung von Buddhas Erkenntnis im Alltag wichtiger wurden als das bloße Studium seiner Schriften oder ein streng reglementiertes Klosterleben. Ziel war es, das grundlegende Buddha-Wesen durch eigenes Bemühen in sich selbst zu entdecken und im gegenwärtigen Leben zu verwirklichen. Bodhidharma tat dies, indem er sich von der Außenwelt abwandte, sich vor eine kahle Felswand setzte und seinen Geist vollständig entleerte. Was bedeutet „den Geist entleern“?
Den Geist entleeren
„Entleeren des Geistes“ beginnt damit, dass man aufhört, körperlich oder mental in der Weltgeschichte herumzurennen, und stattdessen den Blick nach innen richtet—in das eigene Gemüt.
Das ist jedoch nicht so einfach, wie man vielleicht denkt. Denn unser Gemüt ist immer in einem mehr oder weniger chaotischen Zustand. Gedanken fliegen wild durcheinander. Gefühle und Emotionen wechseln sich ab; Ruhe gibt es selten. Ständig ist etwas los.
Das Dumme oder Lästige daran ist: Man kann dadurch nie wirklich bei der Sache sein, mit der man gerade beschäftigt ist—und wenn doch, dann nur begrenzt, mit eingeschränkter und flüchtiger Aufmerksamkeit. Man merkt das meistens gar nicht, solange man nicht irgendwann anfängt, sich selbst beim Denken und Fühlen zuzuschauen.
Was man dann allenfalls bemerkt, sind Stress, Stimmungsschwankungen, eine unerklärliche Traurigkeit oder Unzufriedenheit mit dem Leben. Wir Menschen versuchen jedoch, dauernd glücklich zu sein—oder zumindest das Unglücklichsein zu vermeiden, zu übertönen oder wegzuleugnen. Deshalb erhoffen sich viele von Zen-Meditation eine Art Heilmittel gegen den allgegenwärtigen Stress in ihrem geschäftigen, unermüdlich nach etwas strebenden Dasein. Sie stellen sich Meditation vor wie einen Knopf, der alle Gedanken abschaltet.
Echte Meditation hat nichts mit Abschalten zu tun. Wenn man abschalten will, geht man vielleicht besser auf eine Bergtour oder joggt, setzt sich in die Badewanne oder trinkt ein paar Gläser Wein—also etwas, das den Geist benebelt. Mit Meditation hat das jedoch nichts zu tun. Echte Meditation ist eine geistige Aktivität; abgeschaltet wird dabei nicht „der Geist“, sondern die Aktivität des Ichs—genauer: die Aktivität des gewöhnlichen, ichbezogenen Denkens.
Es geht also nicht um Selbstverbesserung, Selbstoptimierung oder irgendeinen Wunschtraum unserer Person. Entscheidend ist vielmehr die Entwicklung der Erkenntnisfähigkeit, die uns allen von Natur aus gegeben ist—und die uns unterscheiden lässt zwischen dem, was im Leben wirklich echt ist, und dem, was wir uns nur einbilden und fälschlich für ebenso real halten.
Ehrlich sein mit sich selbst
Viele Anfänger – und nicht nur sie – meinen nämlich, man könne «Zen machen», wenn man einfach tut, was in Büchern steht: zum Beispiel Atem- und andere Übungen, so und so viele Minuten oder Stunden sitzen und möglichst viele Zen-Texte lesen. Das ist alles schön und gut – aber die Frustration ist vorprogrammiert. Denn man verwechselt die Rübe am Stecken mit der Wirklichkeit. Man schnappt immer nach einem Köder, kann ihn aber nie fassen und wird niemals satt.
Ein weiteres Missverständnis ist, zu glauben, den Geist zu entleeren bedeute, nichts zu fühlen, nichts zu sehen, nichts zu hören und vor allem nichts zu denken. Man erwartet von diesem leeren Zustand das Glück, von dem der Buddha spricht. Auch dieser gewaltige Irrtum kann nur durch eigene Erfahrung überwunden werden.
Um das zu erfahren, ist es allerdings nötig, sich der Übung unvoreingenommen zu stellen: bereit, die eigenen Vorurteile aufzugeben und sich der eigenen Erfahrung zu öffnen. Man muss bereit sein, zu akzeptieren, wenn etwas völlig anders ist, als man es gedacht hat – und dann nicht gleich aufzugeben, sondern dabei zu bleiben.
Denn wenn es eines gibt, das sicher ist, dann dies: Die Dinge sind nie genau das oder so, wie wir denken. Die Wirklichkeit ist immer anders, als wir meinen. Unser Denken gibt uns nie die ganze Wahrheit. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist es äußerst wichtig, dass wir unser Denken kennen.
Der Buddha sagte:
„Alles geschieht unter der Führung unseres Denkens.
Wer mit unlauterem Geist redet oder handelt,
den verfolgt das Unglück wie der Wagen dem Schwanz des Zugpferdes.
Wer mit lautem Geist redet oder handelt,
dem folgt das Glück, wie ein Schatten, der einem niemals von der Seite weicht.“ – (Dhammapada)
Gemäß dieser Aussage gibt es zwei Arten von Denken: ein unlauteres und ein lauteres. «Lauter» ist ein altes deutsches Wort mit Synonymen wie klar, echt, gradlinig, pur.
«Gewöhnliches» Denken
Das Denken, das der Buddha als unlauter bezeichnet, ist das gewöhnliche Denken, das wir ganz allgemein für unser Denken halten. Es ist die mentale Aktivität, welche die spontanen Sinneseindrücke objektiviert, benennt, kategorisiert und bewertet. Dieses Denken basiert auf dem Ich als Subjekt. Das Subjekt betrachtet sich als von den Dingen der Welt getrennt und macht alle Dinge zu Objekten.
Es stellt sich vielleicht jemand die Frage: «Warum soll mein gewöhnliches Denken unlauter sein? Es ist ja nicht so, dass ich bewusst lüge oder betrüge oder schlechte Absichten habe.» – Es mag ja sein, dass man nicht bewusst lügt, betrügt oder schmutzige Absichten hat, aber das heisst noch lange nicht, dass man deshalb die Wahrheit sagt oder denkt.
Vielleicht stellt sich die Frage: «Warum soll mein gewöhnliches Denken unlauter sein? Ich lüge oder betrüge ja nicht bewusst. Ich habe auch keine schlechten Absichten.»
Es mag sein, dass man nicht bewusst lügt, betrügt oder schmutzige Absichten hat. Aber das heisst noch lange nicht, dass man deshalb die Wahrheit sagt oder denkt.
Das «Unlautere» an gewöhnlichem Denken liegt viel tiefer: Im Ich-Standpunkt werden die Lebenserscheinungen zu Gegenständen. Sie stehen mir gegenüber und werden von meinem persönlichen, bedingten Standpunkt aus beurteilt und behandelt. Mein Denken wird zur Brille, die jede Wahrnehmung trübt, verzerrt und gewissermassen verunreinigt: «Ich denke, ich fühle, meine Gedanken, meine Gefühle, mein Leben … ich … ich … ich … mein … mein … mein.»
Da jeder Mensch seinen eigenen Standpunkt hat, führt dieses Denken unweigerlich zu Täuschungen, Missverständnissen, Leiden und Schmerz. Das ist so sicher wie der «Wagen, der dem Zugpferd folgt, an das er gebunden ist».
Gemäss Buddhas logisch aufgebauter Lehre kann man daraus schliessen: Wenn das unlautere Denken ich- und bedingungsgebunden ist, müsste das lautere Denken ein Denken ohne Ich sein. Aber gibt es so etwas überhaupt? Kann ich denn denken, ohne ein Ich? … Merkt ihr, wie sich unser gewöhnliches Denken in den Schwanz beisst? Natürlich kann ich nicht nicht denken, ohne dass ich es bin, der denkt!
Das Ende ist der Anfang
Nun stecken wir fest … oder etwa nicht? Hier kommen wir nicht weiter. Denn von etwas, das nicht Ich ist, wissen wir rein gar nichts. Das ist das Ende unseres Lateins.
An diesem Ende des vertrauten Denkens beginnt der Zen-Weg. Nun betreten wir Neuland. Da ist eine Grenze, an der wir unser gewöhnliches Denken, unser Ich, abgeben müssten, um völlig nackt in das Land der Unwissenheit zu treten. Das ist das unsichtbare Tor, von dem die Zen-Meister sagen, man könne es nur in der Meditation durchschreiten. Da es jedoch keine greifbare Wirklichkeit ist – oder sieht jemand ein wahrhaftiges Tor? – nennen sie es das „torlose Tor“ (jap. Mumon; mu = kein; mon = Tor).
Diese Erfahrung der Zen-Praktizierenden enthält eine fundamentale Erkenntnis: Um die Welt mit klarem Blick zu sehen und zu verstehen, muss man bis ans Ende des gewöhnlichen Denkens gehen und dann loslassen. Dann kann sich das lautere, klare Denken zeigen, das von keinen Ich-Trübungen verzerrt ist. Für uns Ich-Menschen handelt es sich dabei gewissermassen um ein Nicht-Denken: Es ist ein Denken, das nicht gewöhnliches Denken ist und das man nicht mit den Mitteln des Denkens erfassen kann.
Das ist die gute Nachricht: Es ist möglich, die Wirklichkeit jenseits von Worten in unserem Dasein zu erfahren und sogar in ihr zu leben. Denn das, was so mysteriös tönt oder so schwierig zu tun scheint, ist viel näher und aktueller, als wir denken. Die ganze Natur, alle Lebewesen – einschließlich wir selbst – leben fortwährend in dieser Wirklichkeit. Es ist das, was wir im Grunde sind. Wir sind ich-lose Wesen! Unser wahres Wesen hat kein Ich. Aber es lebt.
In unserem gegenwärtigen Ich-Zustand erfahren wir dies vermutlich nur punktuell, ab und zu. Aber ist das nicht schon der Beweis, dass es diesen Nicht-Ich-Zustand gibt?
Erfahren = Handeln = Erfahren
Die zweite gute Nachricht ist die: Es ist nicht nur theoretisch möglich, es gibt auch einen gehbaren Weg, der uns in den ich-losen oder ich-freien Zustand führen kann. Der Buddha nannte ihn den Edlen Achtfachen Pfad.
Einer der acht Aspekte ist rechte Meditation. Rechte Meditation ist verbunden mit rechter Sicht. Rechte Sicht ist verbunden mit rechtem Verstehen. Rechtes Verstehen ist verbunden mit rechter Meditation. Rechte Meditation ist verbunden mit rechtem Bemühen. Alle diese Aspekte sind verbunden mit rechter Motivation und rechtem Lebenswandel. Damit man auf diesem Weg vorankommt braucht es rechte Achtsamkeit. Rechte Achtsamkeit ist die Voraussetzung für rechtes Verstehen und rechtes Tun.
Man kann es sich also nicht leisten, einfach zu warten, zu hoffen und so weiterzumachen, wie gewohnt, wenn man nicht bis in alle Ewigkeit das immer gleiche Unglück mit sich ziehen will, wie das Pferd den Wagen.
In Bezug auf einen Retreat brauchen wir vor allem Rechte Motivation, Rechtes Bemühen und rechte Meditation. Rechte Meditation basiert auf Rechter Achtsamkeit und Rechtem Tun.
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Was heisst das konkret:
Rechtes Tun beinhaltet eine aufrechte, entspannte Körperhaltung und eine freundliche inneren Gesinnung ohne Ja und Nein.
Rechte Motivation und rechtes Bemühen beinhalten den klaren Vorsatz, sich nicht von den üblichen trivialen Dingen und Gewohnheiten beherrschen zu lassen, wie den momentanen Sorgen, Ängsten, Stimmungen oder was auch immer man sonst für wichtig hält. All diesem wende man den Rücken zu! Nichts, aber auch gar nichts ist wichtig!
Rechte Meditation beinhaltet das Hineinschauen in den eigenen Geist, ohne an irgendeinem Inhalt, irgendeinem Gedanken, Bild, Gefühl usw. hängen zu bleiben. Kein Seufzen, kein Schwanken, kein „Wenn und Aber“. Fest verankert, aufrecht und wach – mit unparteiischem Gewahrsein sitzen, nach innen horchen und schauen, was sich im Spiegel des Bewusstseins abspielt, bis es einen nicht mehr interessiert – und dann … hier machen erklärende Worte keinen Sinn mehr.
Es ist mein grösster Wunsch, dass all das, was ihr schon oft – und auch heute wieder – über Zen gehört habt, zu eurer eigenen, immer neuen Erfahrung wird.

