Dharma-Vorträge – Einzelne Vorträge bei Tagesretreats

Diese Seite enthält eine Auswahl von überarbeiteten Dharma-Vorträgen (Teishos), die Agetsu Kudo Wydler Haduch bei Tagesretreats des Zentrums für Zen-Buddhismus Zürich gehalten hat. Die thematische Gruppierung dient als Wegweiser, um die Themen, die einen interessieren, direkt zu finden. Die Serien der Vorträge in den jährlichen Wochenretreats sind unter Vorträge in Meditationswochen aufgeführt.

Grundlagen der Lehre und Praxis

In diesem Dharma‑Vortrag geht es um ein zentrales Konzept der buddhistischen Lehre und Praxis: nämlich um Gleichmut. Es ist uns zum Beispiel bekannt aus der Fürbitte, mit der wir jeweils unsere Praxistage beenden. Er lautet: «Mögen wir alle in Gleichmut leben, im Wissen, dass alles eins ist

Selbstvertrauen gehört zu den zentralen Kernthemen von Buddhas Lehre. Gemeint ist das Vertrauen in die Weisheit des eigenen Geistes. Die Überlieferung bietet zahlreiche Texte dazu; im Zen ist besonders das Lied vom Vertrauen in den Geist – Shinjinmei – bekannt.

Im 17. Jahrhundert lebte in Japan ein Zen- Meister namens Bankei Eitaku (1622-1693). Dieser hatte es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das praktische Zen auf verständliche Art in den  Alltag der ganz gewöhnlichen Menschen zu bringen. Seine Unterweisungen gingen als Die Lehre vom Ungeborenen in die Geschichte ein. 

Die Meditationsschulen des Buddhismus (Chan, Zen, Vipassana) sind dafür bekannt oder nehmen für sich in Anspruch, einen sehr direkten Weg zur Selbsterkenntnis und einer bewussten Lebensführung zu zeigen. Sie berufen sich dabei auf Shakyamuni Buddha, der in der Kontemplation das Wesen und die Bedingungen der menschlichen Existenz bis ins letzte Detail studiert hat. Er kam zum Schluss, dass die fundamentale Unwissenheit (Skrt. avidya) in Bezug auf das eigene wahre Wesen die Ursache für das Chaos und das Leid des menschlichen Lebens ist.

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Das Kalenderblatt für den Monat Juni illustriert einen Ausspruch vom berühmten Zen-Meister Ikklyū Sōyun (1394-1481): „Um zu werden, was wir waren, muss man aufhören, zu werden.“ – Vermutlich kann man nicht auf Anhieb verstehen, was hier gesagt wird. Der Schlüssel liegt in der Bedeutung des Wortes «werden».

Allein-sein und Bei-sich-selber-sein sind zwei fundamentale Eigenschaften, die jeder Mensch braucht, um dem buddhistischen Lebensweg folgen zu können. Doch es gilt, dieses „Allein“ nicht negativ zu verstehen. Denn ich spreche nicht von seelischer Einsamkeit oder Verlorenheit, sondern vom allumfassenden Eins-Sein mit der ganzen Existenz. Das ist ein Zustand, der sich nur in der Stille des Geistes offenbaren kann und nicht im Tohuwabohu und Lärm der Geschäftigkeit, in der jeder Einzelne um seinen Platz in der Masse kämpft. Es ist der Urzustand unseres Geistes.

Meditationspraxis

Das Wesen der buddhistischen Meditation wird oft umschrieben als „friedvolles Verweilen in der Stille“ oder „Ruhen im reinen Gewahrsein“. In der Zen-Tradition verwendet man dafür die Begriffe Shikantaza (wörtl. Nur sitzen) oder gegenstandslose Meditation. Diese Praxis fördert die Ruhe und Stabilität des Geistes, was für die Erkenntnis und Einsicht in die Natur der Dinge unumgänglich ist.

Die Grundlage der Zen-Praxis ist das Leben selbst. Und die Grundlage des Lebens ist der Atem. Doch was heisst Praxis, was heisst praktizieren? Praxis bedeutet gewöhnlich, etwas Gelerntes anzuwenden, in die Tat umzusetzen. Was wollen wir in einem Meditationsretreat «lernen»; was wollen wir praktizieren?

Die Einheit von Atem, Körper, Geist ist das primäre, grundlegende Prinzip der Sitzmeditation (Zazen).

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Ist Meditation eine Flucht? – Manchmal, wenn eine Gruppe von Leuten gemeinsam in einem Raum meditiert, stellt sich eine starke Energie und intensive, fast körperlich spürbare Stille ein. Damit verbunden ist eine tiefe Freude. Eine Freude ohne Grund, ohne Aufhänger, ohne «weil». Gleichzeitig toben in der Welt Kriege, Menschen leiden, sterben und sind auf der Flucht. Mache ich mir etwas vor? Ist das, was ich erlebe, auch bloss eine Flucht?»

Die Dharma-Vorträge und unsere Retreats, egal ob 1- oder mehrtägig, haben immer dieselbe Ausrichtung, doch das Verstehen im aktuellen Leben ist immer neu. Wir sollten uns immer neu darauf besinnen, worum es bei der Meditation geht, und uns um eine möglichst nachhaltigen Praxis im täglichen Leben bemühen. Denn wenn wir die Zeit auf dem Sitzkissen nicht einfach verplempern wollen, dann braucht es rechtes Verstehen und rechtes Tun.

Von allen Dingen erleuchtet zu werden heisst, die Schranke zwischen dem eigenen Ich und allen anderen einzureissen. – Dieses Zitat stammt vom berühmten Ze-Meister Dōgen Kigen (1200 – 12529 auch Eihei genannt. Dieser war der Mitbegründer und eine prägende Grösse der Sōtō-Zen-Schule.

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Es kommt nicht selten vor, dass mir Menschen berichten, sie hätten plötzlich ganz klar gespürt, etwas getan zu haben, das von selbst geschah. Sie waren nicht in Gedanken verstrickt, sondern erlebten staunend, wie sich «einfach eine Energie bewegte». Dieses Erlebnis ist für sie meist von großer Bedeutung: Sie fühlen sich frei und glücklich, als hätten sie im Lotto gewonnen.

Geist – Bewusstsein – Urnatur

An einem frühen Morgen, als ich selber an einem Retreat teilnahm, fiel mein Blick auf eine Buddha-Figur in der Ecke des Meditationsraums. Sie stand direkt neben einem Fenster; im schwachen Dämmerlicht glaubte ich, einen dünnen Vorhang zu sehen, der den sitzenden Buddha verhüllte. Die Kontur der Figur hob sich sanft aus der Dunkelheit ab, und die Stille um sie herum erfüllte den ganzen Raum.

Zen ist ein Zweig des Buddhismus, in dem die direkte Erfahrung der Wirklichkeit ohne das Dazwischenfunken des Intellektes, d.h. jenseits von Sprache und Symbolen, angestrebt wird. Sinnbilder dienen dabei als Brücke vom gedanklichen, konzeptuellen «Verstehen» zur unmittelbaren Erfassen einer Wahrheit. Im Zen-Buddhismus ist der Spiegel ein Sinnbild für das reine Bewusstsein, das frei von Gedanken ist.

Vergänglichkeit & Tod

Das Thema von Leben und Sterben umfasst ein sehr grosses Feld und kann aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Ich möchte hier einige grundlegende Gedanken äussern, in der Hoffnung, dass sich daraus einige Impulse für die eigene Meditation und Selbsterforschung ergeben. 

Sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, nicht wegen jeder Kleinigkeit die Fassung zu verlieren, auch im grössten Unglück die Ruhe zu bewahren – selbst angesichts des eigenen oder eines fremden Sterbens –, das sind Tugenden, die einen reifen Menschen, der mit sich in Frieden ist, auszeichnen. Ich nehme an, wir alle stimmen mit dieser Auffassung überein und wünschen uns mehr oder weniger heimlich, so ein Mensch zu sein.

Der 8. März ist für mich immer ein spezieller Erinnerungstag. Heute ist es genau 35 Jahre her, seit mein Lehrer H. Platov im Alter von 85 Jahren starb. Jener Tag ist mir noch heute in lebendiger Erinnerung. Auch ihr habt wohl manche Erinnerungen an geliebte verstorbene Menschen. Doch welche Bedeutung haben Erinnerungen überhaupt für unser Leben?

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Es ist jetzt genau ein Monat her, dass wir zum ersten Mal einen Tagesretreat kurzfristig absagen mussten, weil Robert und ich beide krank waren. Ich möchte euch kurz schildern, welche Auswirkungen dieser Einschnitt auf unser gewohntes Leben hatte und welche allgemeinen Überlegungen zum Kranksein er in mir angestossen hat.

Bei vielen von euch und anderen Menschen in meinem Umfeld haben die vergangenen Monate viele Sorgen und Unannehmlichkeiten mitgebracht: Verluste von geliebten zwei- oder vierbeinigen Gefährten, erschöpfende Erkrankungen, Unfälle oder persönliche Krisen und Konflikte. Die Gefangenschaft in den Unsicherheiten und Verwirrungen des Lebens kann mit dem Aufenthalt in einem Spiegelkabinett verglichen werden, wo es gilt, den scheinbar unmöglichen, verborgenen Ausgang selber zu finden.

Praxis im Alltag – Sinnbilder aus der Natur

Blumen und Blüten spielen in der buddhistischen Überlieferung eine große Rolle. Sie sind nicht nur Sinnbild für die vollendete Erleuchtung des Geistes — etwa durch die geöffneten Blätter der Lotusblume —, sondern erscheinen auch in zahlreichen anderen Darstellungen geistiger Prozesse.

Heute möchte ich noch einmal auf Zen-Meister Hakuin zurückkommen, von dem schon im letzten Dharma-Vortrag die Rede war und mit dessen Zitaten der Kalender 2024 endete.Wie damals erwähnt, galt Hakuin als ein sehr strenger Zen-Lehrer, der zu einer Zeit lebte, als die Zen-Praxis ziemlich kraftlos geworden war. Was heisst das, wenn es in einer Praxis kaum noch Leben gibt?

Diesem Monat illustriert der ZZB-Kalender das folgende Zitat von Meister Hakuin: «Wenn du dich selbst vergisst, wirst du das Universum.» – Im gängigen Sprachgebrauch ist «das Universum» ein Sammelbegriff für alles, was wir ausserhalb von uns selbst sehen, hören, riechen schmecken usw. Damit ist das Universum ist, kurz gesagt, alles, was aus uin unserer Wahnehmung auf der Erde und im Himmel existiert.

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Als ich heute Morgens die Rollläden hochzog, erinnerte mich die unerwartet zauberhafte Schneelandschaft unmittelbar an eine Episode in einem der Zen-Klöster, wo ich eine Zeitlang zu Gast sein durfte. Der Roshi erzählte von dem in der Zen-Tradition recht bekannten Laien P’ang. Dieser wanderte viele Jahre lang von Kloster zu Kloster, im Bestreben, sein bereits tiefes Verständnis der Realität im Dialog mit unterschiedlichen Chan (Zen)-Meistern zu testen und zu vertiefen. Eine dieser Geschichten handelt von Schneeflocken

„In jedem Frosch steckt ein Prinz, in jedem Prinz steckt ein Frosch. Es ist alles eine Frage der Perspektive.“ Die Verbindung von Frosch und Prinz ist eine Anspielung auf das bekannte Märchen vom Froschkönig. In diesem sind Weisheiten versteckt, die und auf humorvolle Art und Weise Einblicke und Einsichten in das ganz gewöhnliches Denken und Handeln der Menschheit offerieren und eine direkte Verbindung zu den Weisheiten des Zen herstellen.

Im Schatten eines Schiffssteges, nahe am Ufer, hatten sich einige Enten zum Mittagsschlaf zusammengefunden. Doch eine davon befand sich offensichtlich in einer leichten Strömung, denn wir bemerkten, dass sie ganz langsam vom Schiffssteg weggetrieben wurde. Nach einigen Metern geriet ihr Körper aus dem Schatten ins Sonnenlicht. Kaum trafen die hellen Strahlen auf ihr Gefieder, hob sie ihren Kopf und paddelte schnurstracks zum Ausgangspunkt im Schatten zurück…

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Der Lebensbaum ist ein Symbol für die Ganzheit unseres Daseins. Ihr habt alle schon ein gewisses Verstehen, dass es in der Lehre des Buddha, dem sogenannten Buddha-Dharma und im Zen um diese Ganzheit geht.

Gesellschaftliches

Es gibt wohl kaum einen Ausdruck, der heutzutage so oft benutzt wird wie «Globale Unsicherheit». Auf allen Ebenen unseres Lebens spukt dieses Phantom umher. Dazu möchte ich einige Gedanken äußern, die natürlich nicht neu sind, aber unter der schweren Decke der kollektiven Betrübnis allzu leicht vergessen gehen. Nämlich, dass die sogenannte globale Unsicherheit unserer Zeit weder neu noch wirklich ist. Es ist alles eine Frage der Perspektive!

Im März 2000 hat die menschliche Gesellschaft einen Stein vor die Füsse geworfen bekommen. Zack! Da war etwas, das uns in unserem gewohnten Treiben stoppte. Das Phänomen bekam den Namen Corona-Epidemie oder Covid-19-Pandemie. Die Regierung rief: «Bitte bleiben Sie zu Hause – Alle!» Und in der Tat : Man blieb zu Hause – die sogenannten nicht-systemrelevanten Geschäfte wurden geschlossen, alle kulturellen Aktivitäten abgesagt.

Wir sind als Kinder sicher alle schon einmal auf einem Karussell gesessen und beobachten heute als Erwachsene andere Kinder darauf. Das Karussell dreht sich von selbst und spielt Musik — das wirkt vergnüglich. Karussells gibt es weltweit; überall ziehen sie die Menschen wie magisch in ihren Bann.

Die Feiertage sind vorbei und schon ist wieder alles „beim Alten“, wie man so schön sagt. Was ist jetzt mit all den guten Wünschen, die zum Jahreswechsel ausgetauscht und in der ganzen Welt verschickt wurden? — Schall und Rauch? Wie soll man, wie kann man so viel gewünschtes Glück, Gelassenheit, Frieden, Humor und Gesundheit verwirklichen?

Dharma-Vorträge – Einzelne Vorträge bei Tagesretreats
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