Sein und werden

Eine zentrale Unterweisung der Zen-Schule lautet: „Kehre zurück zu deiner Wurzel.“ Oder etwas anders gesagt: „Kehre zurück zum ursprünglichen Geist.“

Diese Betonung beruht auf der grundlegenden Erkenntnis, dass der ursprüngliche Geist aller Menschen von Natur aus offen und klar ist. Doch im Laufe der Entwicklung eines Neugeborenen zum Erwachsenen wird der Geist durch die Einflüsse der Außenwelt getrübt und verwirrt.

In den überlieferten Texten gibt es zahlreiche Beispiele für die Art und Weise, wie diese „Rückkehr zum Ursprung“ erklärt oder demonstriert wurde. – Heute stelle ich euch einen Satz des berühmten Zen-Meister Ikkyu Sojun (1394-1481) vor. Er lautet:

Um zu werden, was wir waren, müssen wir aufhören, zu werden.

Lasst euch diesen Satz auf der Zunge zergehen: „Um zu werden, was wir waren, müssen wir aufhören, zu werden.“

Vermutlich kann man nicht auf Anhieb verstehen, was hier gesagt wird. Mein Gehirn jedenfalls war einen Moment lang still, bevor es mir die Tür zum Verständnis öffnete. Der Schlüssel zu einem besseren Verständnis liegt in der Bedeutung des Wortes „werden“.

Werden als Lebensprozess

Der Wunsch oder der Drang, etwas zu werden, begleitet uns durch das ganze Leben, nicht wahr? Kinder wollen großwerden und träumen vielleicht davon, Pilot oder Tänzerin zu werden; Frauen wollen Mütter werden; Männer wollen Väter werden; einige wollen berühmt werden; andere wollen erleuchtet werden. Das Wünschen und Verlangen kennt kein Ende.

Wir wissen aber auch, dass „Werden“ ein natürlicher Prozess des Lebens ist. Nichts bleibt, was es ist. Alles verändert sich ständig. Wir wissen dies zwar intellektuell, aber wir können es nicht direkt erleben. Denn man sieht seine Wirksamkeit immer erst im Vergleich mit etwas, das einmal war und jetzt nicht mehr ist.

In meinen Augen bieten die Worte von Ikkyu eine gute Gelegenheit, um einmal über das Prinzip des Werdens nachzudenken. Zu diesem Zweck möchte ich nun Ikkyus Aussage mit euch zusammen befragen: Kann man werden, was man war? Kann man aufhören zu werden? Kann man überhaupt wissen, was man war?

Werden als Vorstellung

Das Werden, von dem Ikkyu spricht, zielt auf den ersten Blick auf den psychologischen Aspekt des menschlichen Daseins. Wir sehen uns als unabhängige Subjekte auf einer Zeitachse, auf der wir uns scheinbar willentlich vorwärts und rückwärts bewegen können. Daraus entsteht die Vorstellung, dass wir unsere Zukunft planen können, indem wir uns ein Ziel setzen: „Ich weiß, was ich werden will.“ Gleichzeitig betrachten wir unsere Erinnerungen als faktische und fixe Punkte auf der Zeitachse – „Ich weiß, was ich war.“ Und daraus wächst oft das Verlangen, dorthin zurückzukehren und zu werden, was ich einmal war.

Aus dieser Sicht ist die Aussage von Ikkyu völlig absurd, nicht wahr? Denn:

  1. Kann man werden, was man war? – Kann man das Rad des Lebens zurückdrehen?
  2. Wie soll man aufhören zu werden? – Das wäre ja dasselbe wie aufhören zu leben.
  3. Kann man wissen, was man war? – Wissen wir denn, was wir jetzt sind?

Gewöhnlich denken wir doch, wir seien das Produkt unserer Eltern, unserer Kultur, Erziehung oder Prägung. Doch der Buddha sowie seine Vordenker und Nachfolger, die die menschliche Erlebenswelt sorgfältig analysiert und studiert haben, kamen zur Erkenntnis, dass dies zu kurz gedacht ist. Aus ihrer erleuchteten Sicht sind wir nicht unschuldige Opfer unseres Schicksals, sondern in erster Linie das Produkt unseres eigenen Denkens.

Werden als Denkprozess

Das Studium des menschlichen Denkens nimmt im Buddhismus gewissermaßen eine Schlüsselstellung ein. In der Sammlung der prägnanten Aussagen Buddhas, dem Dhammapada, heißt es gleich zu Beginn:

lAles, was wir sind, ist das Ergebnis unserer Gedanken. Es gründet auf unseren Gedanken, es besteht aus unseren Gedanken.

Lange vor der modernen Neurologie haben indische Geisteswissenschaftler erkannt, dass wir uns die Welt sozusagen selbst erschaffen. In unserem Gehirn entstehen aus bloßen Sinneseindrücken nämlich unbewusste Reaktionsketten aus Gefühlen und Interpretationen, die sich auf das Wahrgenommene beziehen.

Die Augen nehmen zum Beispiel eine Form wahr – etwa die einer „Blume“, eines „Menschen“ oder eines beliebigen Objekts. Innerhalb von Millisekunden stellt sich ein Gefühl ein: angenehm, unangenehm, sympathisch, unsympathisch oder neutral. Aus diesem Gefühl entsteht ein Gedanke – schön, hässlich, begehrenswert oder abstoßend. Diesem ersten Gedanken folgen weitere, die sich zu einem Konglomerat von Vorstellungen verdichten: Wir fällen ein Urteil über das Wahrgenommene. Wir wollen es besitzen und behalten, ablehnen und loswerden, verändern, ausschmücken oder auf andere Weise kontrollieren.

So betrachten wir alles aus unserer ganz persönlichen Perspektive und identifizieren uns damit. Wir gehen davon aus, dass das, was unsere Augen sehen und was wir fühlen und denken, die unumstößliche Wahrheit ist. Dabei übersehen wir leider oft, dass jeder Mensch die Welt auf seine eigene Art und Weise sieht und interpretiert.

Eins entsteht aus dem anderen

Der Buddha erklärte, dass der irreführende Denkprozess darauf beruht, dass wir die wirkliche Grundlage unseres Lebens nicht kennen. Weil wir aus dieser Unwissenheit handeln, machen wir viele Fehler und führen ein Leben voller Konflikte und Leiden. Wir machen uns von der Welt der Sinne falsche Bilder und konstruieren daraus ein Ich, das sich als getrennt und unabhängig von der Außenwelt versteht.

In Wirklichkeit ist alles Leben ein fortlaufender Prozess von Entstehen und Vergehen. Die Natur bringt laufend Lebensformen hervor, die sich entwickeln und wieder verschwinden. Aus der Sicht der fernöstlichen Weisen betrifft dies nicht nur das Leben, das mit der Geburt eines individuellen Körpers anfängt und mit dem Tod dieses Körpers endet. Das ganze Universum ist ein ständiger Prozess von Sterben und Werden. Über einen Anfang oder ein Ende dieses Prozesses können wir Menschen nur spekulieren.

Sei es im grobstofflichen oder geistigen Bereich und egal wann und wo, ob vor Millionen von Äonen oder gerade jetzt in dieser Minute: Alles, was einmal entstanden ist, wandelt und verändert sich gemäß bestimmter Gesetzmäßigkeiten.

So wie die heutigen Naturwissenschaftler erklärte auch der Buddha, dass die Entstehung aller Lebensformen dem Gesetz von Ursache und Wirkung folgt. Er formulierte Erkenntnis ist in der sogenannten Lehre des bedingten Entstehens, auch Lehre des abhängigen Entstehens genannt. Zusammengefasst besagt sie „Wenn dieses entsteht, entsteht jenes.“ (Wenn A entsteht, entsteht B, entsteht C, entsteht D. Eines wird vom anderen bedingt.)

Gemäß dieser Sicht ist auch unsere Existenz in der Menschenwelt eine fortlaufende Kette von materiellen und geistigen Ursachen und Wirkungen. Das heißt, sowohl unser Körper als auch unser Denken sind geprägt vom Denken und Handeln anderer Menschen aus der Vorzeit und der Gegenwart. Und unsere gegenwärtigen Handlungen – die heilsamen wie die unheilsamen – sind Ursachen, die sich im Leben anderer Lebewesen auswirken, seien es Pflanzen, Tiere oder Menschen.

Die Macht des Denkens

Da das menschliche Verhalten von Meinungen, Urteilen, Täuschungen, Glaubenssätzen usw. abhängt, die man meistens von anderen übernommen hat, leben wir alle in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander. Nichts und niemand lebt allein aus sich heraus, unabhängig und getrennt vom ganzen Leben.

Es ist aber nicht so, dass damit alles prädestiniert ist und wir das Opfer der Vergangenheit sind.

Denn sobald sich das Bewusstsein eines Neugeborenen entwickelt und zur geistigen Reife heranwächst, gibt es immer auch eine Wahl. So können wir zum Beispiel entscheiden, ob wir im Falle eines Wutanfalls der Tendenz zur Gewaltanwendung folgen wollen oder einen Weg zur Deeskalation einschlagen. Mit anderen Worten: Man kann sich den eigenen Gedanken bewusst werden und die Verantwortung für das eigene Tun übernehmen.

Im Dhammapada heißt es zum Beispiel:

Wer mit unlauteren (unheilsamen) Gedanken redet und handelt, dem folgt das Unglück so wie ein Wagen dem Zugpferd folgt. Wer mit lauteren (heilsamen) Gedanken redet und handelt, dem folgt das Glück so wie der Schatten, der ihm nicht von der Seite weicht.

Jeder Tag unseres Lebens birgt also die Möglichkeit der geistigen Reifung und Erkenntnis. Sich der Verantwortung für das eigene Denken und Handeln im Alltag und deren Konsequenzen bewusst zu werden, ist die Basis aller buddhistischen Geistesschulen.

Ob wir nun bekennende Buddhisten sind oder nicht, wenn wir ernsthaft daran interessiert sind, unserem Leben einen Sinn und eine Ausrichtung zu geben und auf das Wohl aller Lebewesen bedacht sind, dann sollten wir uns mit den grundlegenden Prinzipien des bedingten/abhängigen Entstehens der Vier edlen Wahrheiten und des Achtfachen Pfades vertraut machen.

Im sogenannten Rad des Werdens – Bhavachakra – werden diese auf anschauliche Weise bildhaft dargestellt. Anhand dieser Darstellung erklärte der Buddha, wie und warum die Lebewesen so verschiedene Bewusstseinszustände und Erlebniswelten durchlaufen. Und zwar sowohl innerhalb eines individuellen Lebens hier und jetzt als auch in den Zeiträumen zwischen den einzelnen Lebenszyklen. Da wir diesen Themenkreis in der Vergangenheit schon oft besprochen haben, gehe ich jetzt nicht weiter darauf ein. Diejenigen, die dies zum ersten Mal hören, können auf dieser Webseite und auf allen buddhistischen Plattformen viele Informationen dazu finden.

Besinnung auf den Ursprung

Mit diesem Hintergrundwissen kehren wir nun zu Ikkyus Worten zurück und betrachten diese aus einer anderen Perspektive:

Um zu werden, was wir waren, müssen wir aufhören, zu werden.

Der erste Teil des Satzes – „um zu werden, was wir waren“ – bezieht sich auf die spirituelle Sehnsucht vieler Menschen, den leidvollen Verstrickungen ihres Lebens zu entkommen, indem sie in einen hypothetisch ursprünglichen Seinszustand zurückkehren.

Wie schon erwähnt, ist „was wir waren“ nicht zeitlich zu verstehen. Es geht hier weder um eine Rückkehr in die Vergangenheit noch um eine Flucht in schöne Erinnerungen an die „glückliche Kindheit“ – und auch nicht um die Wiederherstellung vergangener Schönheit um jeden Preis.

Da Ikkyu ein erfahrener Buddhist war, können wir mit größter Sicherheit annehmen, dass er hier vom ursprünglichen, unvoreingenommenen Seinszustand eines Menschen sprach, der noch nicht vom Ich geprägt ist. Denn wie wir alle wissen, predigte der Buddha im Grunde nichts anderes als die Befreiung vom Leiden durch die Besinnung auf den ursprünglichen Geist.

Er definierte diesen Zustand als den „ursprünglichen, reinen Geist“ – vergleichbar mit dem Geist eines kleinen Kindes, das noch nicht von der Elternwelt geprägt ist. In der Welt eines solchen Kindes ist alles möglich: Es kann sich in alles verwandeln. Es erlebt und durchlebt schöne und unschöne, angenehme und unangenehme Eindrücke und Erlebnisse so, wie sie kommen, ohne sie festzuhalten. Weinen und Lachen folgen frei und ungehemmt aufeinander – so, wie sie sich eben in ihm abspielen. Es sagt noch nicht „Ich“ dazu.

Das ist der Seinszustand eines Menschen, der nicht in den unrealistischen Wünschen und Begehren seines Ichs gefangen ist. Die chinesischen Weisen nannten diesen Zustand das „wahre Wesen“ oder den Geist „vor Vater und Mutter“.

Vor Vater und Mutter

„Vor Vater und Mutter“ bezieht sich nicht auf die leiblichen Vorfahren. Diese waren genauso wie wir von ihrer Zeit und Umgebung geprägt. Sie haben mit ihren persönlichen Gedanken und Handlungen das Lebensrad von Ursache und Wirkung auf ihre Weise gedreht. Ohne sie wären wir nicht auf dieser Welt. Folglich sind unsere Lebensbedingungen auch durch ihre Gedanken und Handlungen bedingt.

Es ist jedoch müssig, sich immer wieder zu wundern oder zu beklagen, was uns die Ahnen eingebrockt und zu Leide getan haben. Ebenso unnütz ist es, die Kindheit oder die gute alte Zeit zu idealisieren und wieder herbeizusehnen.

Der ursprüngliche Seinszustand „vor Vater und Mutter“ ist eine Metapher, ein sprachliches Sinnbild, für das Wesen der Natur. Denn sowohl die Natur, die wir in der Außenwelt erleben, als auch die Natur des Geistes weiß nichts von schön-hässlich, angenehm-unangenehm, Sympathie-Antipathie. Deshalb gibt es in ihr kein Festhalten oder Ablehnen. Die Sonne scheint auf alle Kreaturen gleich und dem Wasser ist es egal, von wem es getrunken wird.

Nur weil wir um diese unsterbliche Natur in uns nicht wissen, machen wir uns die Ansichten unserer Eltern und anderen Autoritätspersonen zu eigen. Wir richten uns in der kollektiven Gedankenwelt häuslich ein und bilden uns ein, sie sei die Wirklichkeit.

„Werden, was wir waren“ bedeutet also nichts anderes, als sich darauf zu besinnen, was man ursprünglich ist. Deshalb ist es besser zu sagen: Um zu werden, was man ist, muss man aufhören, zu werden. Vielleicht hatte Ikkyu es ja auch so gesagt. Wir können nicht wissen, wie der ursprüngliche Text lautet.

Die Illusion des Werdens

Im zweiten Teil des Satzes – „wir müssen aufhören zu werden“ – spricht Ikkyu vom zukunftsgerichteten Werden, das ausschließlich auf das Glück des Einzelnen gerichtet ist. Ist es nicht so, dass wir immer etwas wollen, das unser Leben verbessern soll?

An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich betonen: Es geht keineswegs darum, keine Wünsche oder Zukunftspläne zu haben. Für die meisten Menschen ist es ganz natürlich, sich ein Ziel zu setzen – sei es in Bezug auf materielle, soziale oder geistige Werte.

Etwas zu wünschen oder einem Ziel nachzustreben, ist an und für sich kein Problem. Zum Problem wird es erst, wenn das Werden wichtiger ist als das Sein – und wenn das, was werden soll oder was wir uns wünschen, nicht eintrifft. Wie jeder an sich selbst beobachten kann, werden Wünsche, Zukunftsphantasien und Pläne meist nie ganz erfüllt. Doch statt uns damit abzufinden, versteifen wir uns darauf und kämpfen bis zur Erschöpfung: Es muss doch möglich sein, dieses oder jenes zu werden – besser, liebevoller, erleuchtet. Ich muss mich bloß mehr anstrengen.

Dieses Werden-Wollen und das Kleben am Werden-Wollen – das ist das Problem!

In unserer Verblendung und Unwissenheit merken wir nicht – oder wollen es nicht wahrhaben –, dass wir einem Phantom verfallen sind: einer Ausgeburt unseres Denkens und unserer Ich-Fantasie.

So verwickeln wir uns immer tiefer in unsere Vorstellungen und leiden daran, dass sie sich nicht erfüllen. Nicht selten bezichtigen wir uns selbst des Versagens, mit Gedanken wie: Was mache ich falsch? Warum geht es nicht? Bin ich zu dumm?

Und so verbreiten wir das Gift der Unzufriedenheit und des Neids in der ganzen Welt. Es sollte keine große Anstrengung erfordern zu verstehen, dass wir mit diesem Werden aufhören sollten.

Aber wie macht man das?

Schöpfer von Freud und Leid

Der einzige Weg ist es, über die Realität unseres Daseins nachzudenken und sich des eigenen Verhaltens bewusst zu werden. Das Mittel dazu ist die Meditation. Und zwar sowohl die verweilende Meditation als auch die analytische, erkennende Meditation der Introspektion. Beide basieren auf der Praxis der reinen Achtsamkeit: Man beobachtet alle Aktivitäten und Empfindungen des Körpers – gehen, sitzen, stehen, liegen, denken, fühlen usw. – mit passivem Gewahrsein, d. h. ohne sich einzumischen.

Die verweilende Meditation betont das Ruhen in der Stille mit wachem Geist und passivem Gewahrsein, wobei alle Unterscheidungen zwischen Körper und Geist, Innenwelt und Außenwelt wegfallen. Die analytische Meditation schließt die Kontemplation eines Meditationsinhalts ein – eine Frage, ein Koan, ein Bild. Man denkt so lange über das Meditationsobjekt nach, bis das Denken nicht weiterkommt. Man gibt aber nicht auf und betrachtet das Objekt geduldig weiter. Dann kann es passieren, dass sich der Schleier plötzlich lüftet und man auf einmal wortlos versteht …

Wenn wir mit Hilfe der Meditationspraxis aufhören, dauernd Ausreden zu fabrizieren, und uns darauf einlassen, unser Denken und unser Verhalten objektiv und ehrlich zu beobachten – ohne Scham oder Selbstvorwürfe –, dann gewinnen wir die nötige Distanz, die uns erlaubt, ein zunehmend bewussteres, glücklicheres und friedvolleres Leben zu führen.

Mit dem Werden aufhören

Nachdem der Buddha erklärt hatte, wie alle Lebensformen in einer Kette aus bedingten und abhängigen Ursachen und Wirkungen in Erscheinung treten, hat er auch erklärt, dass durch richtige Meditation, Sicht und richtiges Handeln die Kette an irgendeiner Stelle durchbrochen werden kann.

Zuerst sagte er: „Wir werden, was wir denken.“ – Unser ganzes Leben ist eine Folge von Ursache und Wirkung, nach dem Prinzip: Wenn dieses entsteht, entsteht jenes. Doch dann sagte er: „Wenn dieses nicht entsteht, entsteht jenes nicht.“

Damit ist gesagt: Wenn irgendein Glied der Kettenreaktionen durch einen bewussten Akt der Erkenntnis unterbunden wird, d. h. am Entstehen gehindert wird, dann entstehen auch alle anderen Reaktionen nicht. Dann fällt die Kette auseinander. Das Rad des Werdens steht still.

Am Anfang dieses Vortrages habe ich an einem einfachen Beispiel gezeigt, wie aus einer Sinneswahrnehmung (Blume oder Mensch) innerhalb von Millisekunden ein Gefühl von angenehm, unangenehm, sympathisch oder unsympathisch oder weder noch entsteht und in einer Kettenreaktion von Gedanken zu einer Handlung des Ichs mutiert. Wenn nun in der Meditation dieses Geschehen erkannt wird, dann kann man aktiv eingreifen, indem man sich bewusst darauf konzentriert, ein Gefühl oder einen Gedanken nicht zu ergreifen und weiterzuspinnen, sondern einfach vorbeiziehen zu lassen. Dadurch wird dieses Glied der Kette nicht genährt und stirbt ab. Das ist die befreiende Wirkung von rechter Meditation und rechtem Tun. Die beiden bedingen sich gegenseitig, sie sind Ursache und Wirkung zugleich.

Die buddhistische Tradition ist voll von erprobten und hilfreichen Methoden und Anleitungen, die diese Art von Verständnis fördern. Ein einzelner Mensch kann sie gar nicht alle meistern. Das ist aber auch gar nicht nötig. Wir können uns für heute an Ikkyus Empfehlung halten: Wenn man das sein will, was man eigentlich ist – ein im Ursprung freies und friedvolles Wesen –, dann muss man aufhören, immer etwas werden zu wollen, das den eigenen Vorstellungen von Glück und Frieden entspricht.

Sein ohne Werden

Schauen wir noch einmal zurück auf das Zitat von Ikkyu: „Um zu werden, was wir waren, müssen wir aufhören, zu werden.“

Verstehen wir nun, dass „aufhören zu werden“ dann beginnt, wenn wir ganz einfach sind, was wir schon immer sind? Nämlich ein Wesen, das von Natur aus mit Verstand, Herz und Erkenntniskraft ausgestattet ist und sein Leben selber gestalten kann? Und dass dieses Leben ein dauernder Fluss des Werdens ist?

Denn wenn wir uns mit voller Hingabe dem momentanen Geschehen zuwenden – ohne an die Vergangenheit oder Zukunft zu denken – und uns selbst mit unparteiischem Gewahrsein zuschauen – ohne zu nörgeln oder sich lobend auf die Schultern zu klopfen –, dann kann unsere fühlende und schöpferische Natur zum Durchbruch kommen. Und sie trifft intuitiv die richtigen, den Umständen entsprechenden Entscheidungen.

Fazit

Der Zen-Spruch „Um zu werden, was wir waren, müssen wir aufhören, zu werden“ zielt nicht auf eine zeitliche Rückkehr in die Vergangenheit ab, sondern auf die Rückbesinnung auf unseren ursprünglichen, unvoreingenommenen Geist. Unser Leiden entsteht, weil wir aus reinen Sinneswahrnehmungen unbewusste Gedankenketten spinnen, ein festes „Ich“ konstruieren und uns krampfhaft in Zukunftsphantasien und dem Drang nach Selbstoptimierung verstricken. Wenn wir jedoch durch achtsame Meditation lernen, diese automatischen Reaktionsketten zu unterbrechen und die Dinge einfach geschehen zu lassen, hört das leidvolle „Werden-Wollen“ auf. In dieser völligen Gegenwärtigkeit und Ruhe erkennen wir unser wahres Sein – ein von Natur aus freies, friedvolles Wesen, das nicht erst werden muss, sondern bereits ist.

Zum Schluss noch dies: In einem Sutra heißt es: „Der Buddha Dipankara (der Buddha der Urzeit) meditierte viele Äonen lang und konnte trotzdem kein Buddha werden.“ – Wisst ihr, warum nicht?

Literaturhinweis: Evbeny S. Steiner: Ikkyu Sojun: Der Zen-Mönch „Verrückte Wolke“ und seine Zeit

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