Heute will ich euch eine Aussage des berühmten Zen-Meisters Dogen Eihei Kigen (1200 – 1252) vorstellen. Dogen war der Mitbegründer und eine prägende Gestalt der Soto-Zen-Schule. Sie lautet:
„Von allen Dingen erleuchtet zu werden heißt, die Schranke zwischen dem eigenen Ich und allen anderen einzureißen.“

Lasst uns dieses Zitat im Zusammenhang mit Dogens Verständnis der Zen-Praxis betrachten.
Dogen Zenji und die Essenz des Zen
Dogen trat im Alter von 13 Jahren in ein Zen-Kloster ein. Die dort vorherrschende intellektuelle Spitzfindigkeit befriedigte seinen fragenden Geist jedoch nicht. Deshalb reiste er im Alter von 23 Jahren nach China, ins Ursprungsland des Zen. Nach längerem Suchen traf er auf den Soto-Meister Ju-ching (jap. Nyojo) aus der Übertragungslinie von Hui-neng. UUnter dessen Führung fand Dogen seine Buddha-Natur. Nach zwei Jahren kehrte er als ein von Ju-ching anerkannter Zen-Meister nach Japan zurück. Dies gilt als der Beginn der japanischen Soto-Zen-Schule.
Danach folgten sehr fruchtbare Jahre in verschiedenen Zen-Klöstern. Er betätigte sich als Lehrer und Verfasser vieler Texte. Sein berühmtestes Werk ist das Shobogenzo Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges). Es ist die Sammlung seiner Vorträge und Aufsätze, an denen er mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete.
Mit 43 Jahren gründete Dogen das Kloster Eihei-ji („Tempel des ewigen Friedens“), das auch Laien offenstand. Dieses existiert bis heute als eines der Hauptklöster der Soto-Schule.
Von allen Dingen erleuchtet …
„Von allen Dingen erleuchtet zu werden, heißt, die Schranke zwischen dem eigenen Ich und allen anderen einzureißen.“
Dieser Satz ist eine Art Kurzfassung einer Aussage, in der Dogen seine berühmte Definition für den von Buddha vorgegebenen Meditationsweg gibt. Sie lautet:
„Den Buddha-Weg studieren bedeutet, das Selbst studieren. Das Selbst studieren bedeutet, das Selbst vergessen. Das Selbst vergessen bedeutet, von abertausend Dingen belebt zu werden. Wenn von abertausend Dingen belebt [wird], fallen der eigene Körper und Geist sowie der Körper und Geist anderer weg. Keine Spur von Erkenntnis bleibt, und diese Nicht-Spur zieht sich endlos hin.“
Diese Worte von Dogen sind sehr berühmt. Sie enthalten gewissermaßen in einer Nussschale die Essenz der Sitzmeditation (Zazen). Hier sind einige Hinweise auf ihre Bedeutung:
- Der Buddha-Weg: Ein Weg zum inneren Frieden. Dieser Frieden entsteht nicht dadurch, dass man sich von den Problemen und Konflikten der Menschheit abwendet und in eine esoterische Scheinwelt flüchtet. Er ist die Frucht der Auseinandersetzung mit den grundlegenden Ursachen aller menschlichen Probleme und Konflikte. Diese werden in der Lehre der Vier Edlen Wahrheiten ausführlich beschrieben. Der Buddha-Weg ist unabhängig von historischen Umständen, philosophischen und religiösen Lehrmeinungen.
- Das Selbst studieren: Der Buddha-Weg beginnt immer bei sich selbst. Denn alles Leiden und alles Glück hängt letztlich von einem selbst ab – von der Einstellung, die man den wechselnden und unabänderlichen Lebensgegebenheiten entgegenbringt.
- Studieren: Im Buddhismus bedeutet Studieren nicht das Ansammeln von intellektuellem Wissen, sondern Introspektion und Meditation auf der Basis der eigenen, angeborenen Erkenntniskraft, Prajna. Prajna kann nur intuitiv und unmittelbar erfahren werden, wenn die Vorstellung der Trennung von Subjekt und Objekt aufgelöst wird. Die Meditationsform der Versenkung in die Stille und Loslösung von allen mentalen Inhalten – Gedanken, Erinnerungen, Bildern usw. – ist im Buddhismus bekannt als Prajnaparamita.Ihre Auswirkung wird im Herz-Sutra beschrieben.
- Das Selbst vergessen: Der Zustand der Selbstvergessenheit, Samadhi, ist ohne Ich-Bewusstsein, ohne Körperbewusstsein und ohne Bewusstsein der Außenwelt. Dieser Geisteszustand bringt alle Grenzen zwischen den Dingen, sprich Einzelwesen, zum Verschwinden. – Man beachte: Es sind nicht die Dinge/Einzelwesen, die verschwinden, sondern nur das sich abgrenzende Ich.
- Von allen Dingen erleuchtet: Jedes Einzelwesen oder Ding manifestiert das ganze Leben. Und das Leben spiegelt sich in jedem Einzelwesen.
Schöne Worte …
Solche Worte klingen so gut und schön, dass man sie leicht schlucken kann – und dann auch leicht vergisst. Meine Erfahrung sagt mir, dass wohl die Meisten, die regelmäßig Zen-Vorträge hören oder lesen, glauben, sie „irgendwie“ zu verstehen und befassen sich nicht weiter damit.
Aber vor dieser bequemen Gläubigkeit hat schon der Buddha seine Anhänger gewarnt: Schlucke nicht einfach, was du hörst oder was dir gesagt wird, und sei es noch so schön und einleuchtend.
Echte Erleuchtung, echte Erkenntnis ist nicht in den Worten zu finden, sondern – wenn überhaupt – in ihrer Essenz. Das gilt auch für Dogens Worte. Sie sind Wegweiser, die uns die Richtung zu echter Erkenntnis zeigen.
… sind nicht wahr
Man sollte immer daran denken, dass uns die überlieferten Worte der frühen Zen-Meister nur als Übersetzungen zur Verfügung stehen. Das heißt, wir können nicht wissen, was Dogen wirklich gesagt hat. Wir haben nur seine Schriften. Und diese sind ursprünglich in chinesischen Schriftzeichen verfasst.
Chinesische Schriftzeichen repräsentieren eine Art Bildsprache, die der westlichen linearen Sprache völlig fremd ist. Daher übermitteln übersetzte Zen-Texte prinzipiell eher die von den Übersetzern intuitiv empfundene Sinnhaftigkeit von Wort und Bild als eine direkte, linguistische Übereinstimmung von Worten.
Der Ursprung von Worten liegt immer jenseits von Sprache und Schrift. Ihre Quelle ist ein aktuelles Erleben eines Menschen, das in dessen Bewusstsein einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.
Vom Wort zum Sinn
Worte zeigen also nie die Wirklichkeit. Warum benutzen wir dann aber auch auf dem Zen-Weg so viel davon?
Die Antwort ist ganz einfach: Unsere Ahnen haben uns durchaus etwas zu sagen. Gerade weil wir heutigen Menschen im Grunde unseres Wesens kein bisschen anders sind als sie, können ihre Worte unseren Geist zum Schwingen bringen und unsere eigene Erkenntniskraft stimulieren.
Dies ist aber nur dann möglich, wenn man versteht, dass die Worte die Verpackung von etwas sind, das aus sich selbst heraus und unabhängig von Zeit und Raum existiert. Dieses Etwas zeigt sich nur in der Stille – wenn der Geist nicht mit Worten, sprich Gedanken, beschäftigt ist.
Wenn zum Beispiel ein Mensch in absichtsloser Meditation sich selbst und seine Umgebung vergessen hat, ist sein Geist still und klar, aber wach. Die Sinneswahrnehmung ist nicht wie üblich auf die verschiedenen Teilbereiche – Hören, Sehen, Tasten usw. – verteilt; es besteht stattdessen das Gefühl einer größtmöglichen geistigen Sammlung, in der Körper, Geist und Wahrnehmung vollkommen miteinander verschmelzen. In dieser Sammlung existiert nur das reine Gewahrsein; man ist vollkommen präsent im Hier und Jetzt.
In dieser wachen Stille der Selbstvergessenheit – ohne Gedanken, ohne Ich – kann es geschehen, dass sich dem inneren Auge plötzlich eine neue Sicht eröffnet: Ein „Oh“ entsteht. Man sieht oder versteht den Sinn einer Sache klar und ohne Zweifel, aber ohne Worte. Dieses wortlose Verstehen, diese Intelligenz, ist die Weisheit des natürlichen, universalen Geistes.
Um zum ursprünglichen Sinn von Worten zu gelangen, ist es also notwendig, sich zuerst vom Wort zu lösen, indem man alles vermeintliche Wissen darüber aufgibt und es völlig nicht-wissend betrachtet. Man übergibt sich selbst und das Wort sozusagen der inneren, wortlosen Weisheit.
Vom Sinn zum Wort
Kehrt die Aufmerksamkeit des Menschen aus der wortlosen Stille wieder zu seinem persönlichen Bewusstsein zurück, findet sich dort vielleicht eine Spur der in der Meditation erlebten Einsicht. Wenn das zutrifft – und nur dann – kann die Einsicht im Nachhinein zu einer in Worte gefassten Erkenntnis werden. Es kann aber auch sein, dass das Bewusstsein das Erlebte nicht registriert. In diesem Fall bleibt die Erkenntnis als Potenz im Geist erhalten und wartet sozusagen auf die nächste Gelegenheit, sich im Bewusstsein zu manifestieren.
Wenn ein Mensch eine erinnerte Erkenntnis nicht für sich selbst behalten will, sondern an andere weitergeben möchte – sei es, weil er gefragt wird oder aus einem feinen inneren Bedürfnis heraus –, dann verpackt er sie wieder in Worte. Diese werden dann in geschriebener Form auf Papier oder in einem anderen entsprechenden Medium gespeichert.
Sitzt nun irgendwo ein anderer Mensch, dessen Geist mit dem Geist des Verfassers im Einklang ist, ergeben diese Worte für ihn einen Sinn. Und die Lehre geht weiter. Da der fundamentale, überpersönliche Geist in allen Menschen gegenwärtig ist, ist es grundsätzlich möglich, dass jeder irgendwann und irgendwo Botschaften der Wahrheit empfangen kann.
Nehmen wir als Beispiel ein Bild aus der Radiotechnik: Eine Radiostation sendet Worte oder Klänge in Form von nicht-hörbaren Schwingungen in den leeren Raum. Eine Empfangsstation irgendwo im Raum kann so eingestellt werden, dass sie auf diese spezifischen Wort- oder Klangwellen anspricht und sie wieder in hörbare Worte und Klänge umwandelt.
Die Wellen der geistigen Aktivität sind immer im Universum enthalten, und zwar alle: sowohl die sogenannten heilsamen als auch die unheilsamen. Ob man sie empfängt oder nicht, hängt nur davon ab, ob eine Empfangsstation vorhanden ist oder nicht. In diesem Sinn ist es zu verstehen, wenn der Urvater des Zen-Buddhismus, Bodhidharma, sagt:
„Das Buddha-Dharma ist eine Überlieferung außerhalb der Schriften, unabhängig von Wort und Buchstaben. Sie zeigt unmittelbar auf das Herz des Menschen und lässt ihn in die (eigene) Natur schauen und die Buddhaschaft erfahren.“
Keine Schranken
„Das Selbst vergessen bedeutet, von abertausend Dingen belebt zu werden. Wenn von abertausend Dingen belebt [wird], fallen der eigene Körper und Geist sowie der Körper und Geist anderer weg.“
Ob sie in Worten umschrieben, in Klängen besungen oder in Farben gemalt wird, ändert nichts an der Wirklichkeit. Das Leben ist und bleibt das, was es ist und schon immer war: nämlich das aktuelle Entstehen und Vergehen von zahllosen „Dingen“ in diesem gegenwärtigen, formlosen Geist, hier und jetzt. Der lebendige, formlose Geist bedarf keiner Worte, noch kann er durch Worte verfälscht oder verunreinigt werden.
Es müssen also keine Schranken gewaltsam niedergerissen werden. Das Einzige, was es für uns Menschen braucht, um unseren freien, grenzenlosen Geist, den wir mit allen Dingen teilen, zu realisieren, ist die Loslösung von falschen Ideen und Vorstellungen über unsere wahre Existenz. Und die größte aller falschen Vorstellungen ist die von einem „Ich“.
Dieses Hindernis der Ich-Identität gilt es allerdings zu überwinden. Und das bedarf einer gewissen inneren Kraft – nämlich der Kraft der Entschlossenheit, sich um ein fundiertes Verstehen des eigenen Denkens und Handelns zu bemühen und den eigenen Geist entsprechend zu disziplinieren.
Wenn diese Kraft zum Einsatz kommt und die Begrenzungen der persönlichen Befindlichkeit sprengt, fallen die vermeintlichen Schranken zwischen „Ich“ und den Dingen von selbst ab. Denn sie existieren ausschließlich in unserer persönlichen Befindlichkeit und nur da.
Leider sind wir Menschen so felsenfest davon überzeugt, dass jeder Einzelne ein wahrhaft existierendes Wesen sei, mit „richtigen“ und „falschen“ Eigenschaften, und dass er für diese Überzeugungen kämpfen muss. Dieser Irrtum und diese Unwissenheit in Bezug auf das wahre Leben sind die Geburtshelfer von Gier und Hass und allem Unfrieden in dieser Welt.
Keine Spur von Erkenntnis
Sobald ein Mensch seinen fundamentalen Irrtum erkennt, gibt es keine Grenzen und keine wesenhaften Unterschiede mehr zwischen ihm und den anderen Lebewesen. Wenn man dieses Einsein mit dem Ganzen einmal wahrhaftig erlebt, dann kann man gar nicht anders, als freudvoll und liebevoll zu sein. Denn nun geht es nicht mehr um „mein“ Glück, „meine“ Liebe, sondern um das Wohlergehen aller.
Aus diesem Grund bezweifle ich, ob Dogen wirklich gesagt hat, man müsse „die Schranke … einreißen“, um die Einheit mit allen Dingen zu erleben. Ich vermute eher, dass es sich bei dieser Wortwahl um die Idee eines Übersetzers handelt, der den ursprünglichen Text vielleicht sprachlich durchaus korrekt übersetzt hat, dessen wahren Gehalt er jedoch nicht verstanden hat.
Andererseits hat Dogen sich vielleicht mit Absicht so geäußert – in der Hoffnung, dass wir selbst darauf kommen, dass es keine Schranken einzureißen gibt. Sie fallen von selbst, wenn man aufhört, sich dauernd mit sich selbst zu beschäftigen.
Um es noch einmal zu sagen: Im ursprünglichen, reinen Geist gibt es keine Zeit und kein Ich. Also auch keine Erinnerung und damit auch keine Erkenntnis. Im Zustand der Selbstvergessenheit bleibt nichts haften. Die innewohnende Weisheit des Lebens ist ebenfalls ohne Zeit, das heißt, sie ist immer neu, immer spontan und ohne Ende. Deswegen gibt es im reinen Geist keine Spur von Erkenntnis.
Was wir als geistige Erkenntnis bezeichnen und in Worte fassen, ist eine Manifestation unseres denkenden Geistes und nicht das ursprüngliche Erlebnis. Doch ihre Quelle ist der fundamentale, wortlose Geist. Wir sollten Erkenntnisse deshalb nicht von vornherein geringschätzen oder als bloße Fantasie abtun. Ihr Wahrheitsgehalt muss sich jedoch in unserem alltäglichen Denken und Handeln beweisen. Geschieht dies nicht, dann haben wir es tatsächlich mit Wunschdenken oder Strohfeuern zu tun.
Im Einklang mit der Ganzheit
Der reine Geist ermöglicht es uns tatsächlich, uns in jedem Ding zu verkörpern – und sei es noch so winzig und „nutzlos“ –, und damit ganze Welten und Universen zu erschaffen. Wir sind wie kleine Kinder: Die Dinge werden zu Monstern, Feen, Wolken und Regen. Wir segeln über Ozeane, fliegen in den Himmel, reden mit Käfern und Tannenzapfen … Ist das Spiel zu Ende, lassen wir alles fallen und liegen, wie und wo es ist, und wenden uns dem nächsten Abenteuer zu.
Und als sogenannte erwachsene, vernünftige Menschen können wir, wenn wir selbstlos sind, den Dingen vor unseren Augen ungehindert zuwenden und das tun, was zu tun ist, ohne uns in unnötige Gedanken darüber zu verstricken.
Dann sind wir, wie Dogen sagt, im Einklang mit der Ganzheit aller Dinge und brauchen Unvollkommenheiten (des Daseins) nicht zu fürchten.
