Alles aufgeben – Liebe Weggefährten, weder in dieser Welt noch in der transzendentalen Welt gibt es einen Buddha oder ein Dharma; sie verhüllen oder offenbaren sich auch nicht. Selbst wenn es solche Dinge gäbe, sie wären nichts als Worte und Namen, die man als Hilfsmittel für kleine Kinder oder als Medizin gegen Krankheiten benutzt. Mehr noch: Worte und Sätze haben in sich selbst keine Bedeutung; es ist das Eine Helle und Klare in euch selbst, das sieht und hört und alles beleuchtet, das die Worte und Namen schafft.“

Der Meister fuhr fort: „Gebt restlos alles auf, dann könnt ihr Befreiung erlangen.“
Jemand fragte: „Was bedeutet alles restlos aufgeben?“ Der Meister antwortete: „den Vater aufgeben, die Mutter aufgeben, den Buddha aufgeben, die Sangha aufgeben und heilige Bilder und Schriften aufgeben.“

„Der Vagter ist Unwissenheit (Avidyā). Wenn du in einem intensiven Moment nach dem Ort des Entstehens und Vergehens eines einzigen Gedankens in dir suchst und erkennst, dass es keinen solchen Ort gibt, und es für dich nichts mehr zu suchen gibt, das nenne ich, ‚den Vater aufgeben.“

Die Mutter ist Begierde ist. Wenn du in einem intensiven Moment einen Wunsch verfolgst und erkennst, dass alle Dinge leere Formen sind und du an rein gar nichts mehr hängst, was auch geschehen mag, das bedeutet ‚die Mutter töten.‘“

„Was bedeutet ‚Das Blut eines Buddhas zu vergiessen‘?“ Der Meister antwortete: „Wenn du mitten in der wesenhaften Welt (Dharmadhatu) keinen einzigen Gedanken und kein Konzept aufkommen lässt und in schierer Leere weilst, wo auch immer du bist, das nenne ich‚ ‚das Blut eines Buddhas vergiessen‘.“

„Und was bedeutet‚ ‚die Harmonie der Sangha zu zerstören‘?“ Der Meister sagte: „Wenn du in einem geistigen Akt wahrhaftig erkennst, dass alle deine Leidenschaften und Nöte vollkommen leer sind wie der leere Raum und es nichts gibt, worauf du angewiesen bist, das bedeutet ‚die Harmonie der Sangha zu zerstören‘.“

Und was bedeutet: ‚heilige Bilder und Schriften zerstören‘?“ Der Meister sagte: „Wenn du siehst, dass alle bedingten Beziehungen ohne Substanz sind, dass der Geist und die Erscheinungsformen keinen Wesenskern haben und du nur noch den einen Gedanken hast, mit vollkommener Entschlossenheit die ganze Existenz zu transzendieren und friedfertig zu sein, und es in der Folge davon nichts mehr zu tun gibt, dann nenne ich dies ‚alle heiligen Bilder und Schriften zerstören‘.“

„Liebe Weggefährten, vollbringt dies und ihr seid frei von allen Hindernissen, die Begriffe wie ‚heilig‘ oder ‚gewöhnlich‘ darstellen. Aber ihr schafft mit euren Gedanken Realität aus leeren Fäusten und ausgestreckten Zeigefingern und knetet sinnlos Formen aus dem Teig eurer Wahrnehmungen und Umstände.“

In dieser Ansprache lehnt sich Lin-chi an die buddhistische Doktrin der fünf Kardinalvergehen an, aber seine Interpretation ist ganz anders als die traditionelle Betrachtungsweise. Ihm geht es hier um den unnötigen mentalen Überbau des menschlichen Geistes. Er will aufzeigen, dass man den wahren geistigen Boden nur dann findet, wenn man die unnötigen mentalen Strukturen niederreisst. Der Geist der meisten Menschen lebt in den Büschen von Gedanken und Emotionen. Schneidet diese Geistesbüsche ab und ihr werdet verstehen, wie sie aus eurem eigenen Geist wachsen. So werdet ihr das wahre Zuhause von Geist, Körper und Leben finden. Wenn ihr diese wesentliche Lehre erfasst, ist der Buddhismus sehr einfach.

„Liebe Weggefährten, begeht die fünf Todsünden! Dann könnt ihr Befreiung erlangen.“ Gemäss der buddhistischen Leere, wird jemand, der die fünf Todsünden begeht, schrecklichen Höllenqualen anheimgegeben. Es ist schiere Pein. Aber diese Pein hat keine wirkliche Grundlage, keinen Raum, keine Zeit, keine Ursache, keine Folgen. Lin-chi sagt, nur wer diese Verbrechen begehe und in die Hölle falle, könne vollständige Befreiung finden. Das ist sehr seltsam. Er benutzt diese Doktrin auf eine Art und Weise, die nicht leicht zu verstehen ist. Im Folgenden will ich versuchen, seine Worte zu erklären.

„Was meinen Sie mit ‚Vater‘?“ Der Meister sagte: „Unwissenheit (Avidyā) ist der Vater. Wenn du in einen intensiven geistigen Moment nach dem Ort des Entstehens und Vergehens eines einzigen Gedankens in dir suchst und erkennst, dass es keinen solchen Ort gibt, …“ Es gibt faktisch keinen Ort, an dem die Gedanken entstehen und zu dem sie zurückkehren, denn Geist ist ständig im Fluss. Man realisiert dies in der Meditation, wenn man plötzlich „weg“ war und aus dem Nicht-Sein wieder heraustritt.

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Es ist wie die Oberfläche des Wassers, durch die man ins Wasser eintaucht und wieder auftaucht. In der Meditation ist man vielleicht versucht, diese Oberfläche zu finden, aber das gelingt nicht, weil es keine Grenzlinie gibt zwischen bewusst und unbewusst. Wenn man eintaucht, weiss man nichts davon; aber wenn man auftaucht, erkennt man, dass man drin war. Man kann also keinen Horizont im Geist festmachen, an dem das Licht des Bewusstseins auf- und untergeht.

„ …wie bei einem Klang, der im Raum nachhallt.“ Im Universum gibt es kein Hindernis für die Vibrationen eines Klangs. Diese durchlässige Leere ist der grundlegende geistige Zustand, in dem es nichts gibt, das man als Form, Klang oder sonst eine Eigenschaft unterscheiden kann. Das ist das erste Gesetz der Geistesnatur. Die Buddhisten nennen diesen Aspekt der Existenz Dharmakāya (wörtl. Dharmakörper). Lin-chi bezeichnet ihn hier als den Vater. Im Urzustand von Dharmakāya ist es wie bei einem Radiosender, die Wellen breiten sich in alle Richtungen aus. Ebenso verhält es sich mit dem menschlichen Geist. Bewusstsein ist nicht dreidimensional, es dehnt sich in unzählige Richtungen gleichzeitig aus. In den buddhistischen Ländern wird dies in Darstellungen von vielköpfigen und vielarmigen Buddhas symbolisch dargestellt.

Während die absolute Leere für uns weder erfass- noch beschreibbar ist, ist die Wirkung oder Manifestation der Leere in unserer Seele für unser Leben ausschlaggebend. Im Tao Te Ching wird die Wirkungsweise des universalen Gesetzes an Hand der sich gegenseitig bedingenden Kräften von Yin und Yang beschrieben Es ist die natürliche Funktion unseres Bewusstseins, alle Erscheinungsformen, die aus der Leere auftauchen und wieder verschwinden, ohne Widerstand widerzuspiegeln.

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Das ist das zweite Gesetz bzw. der zweite Aspekt des Geistes. Die Buddhisten nennen ihn Sambhogakāya (wörtl. Seinskörper). Wir können ihn sehr gut bei Kleinkindern beobachten, denn bei diesen ist Offenheit und geistige Freiheit noch nicht durch die Körperwahrnehmung limitiert und noch nicht von den menschlichen Gesetzen beherrscht.

Unser Bewusstsein existiert, es „kommt“ und „geht“, aber wenn man versucht, ein Zentrum des Bewusstseins in sich selbst zu finden, gelingt dies nicht. Merkwürdig, nicht wahr? Das bedeutet für Lin-chi, „den Vater zu töten“.

„Wenn du in einem intensiven geistigen Moment einen Wunsch verfolgst und erkennst, dass alle Dinge leere Formen sind und du an rein gar nichts mehr hängst, was auch geschehen mag, das bedeutet ‚die Mutter töten‘.“ Jetzt kommen wir zum dritten Aspekt der Existenz, dem dritten Gesetz des Geistes oder dem dritten Körper, Buddhas, Nirmanakāya genannt. Alle diese Begriffe sind nur Hilfsmittel im Versuch, die Wirkungsweise unseres Geistes innerhalb unserer Existenz zu erklären. Wie wir gesehen haben, operiert das zweite Gesetz in Tausenden von Richtungen gleichzeitig, das dritte aber kennt immer nur eine Richtung. Es ist das Gesetz der Erscheinungsformen, der „zehntausend Dinge“, wie es im Tao Te Ching heisst. Im Nirmanakāya (wörtl. Körper der Verwandlungen), gibt es unendlich viele Formen. Es ist der Aspekt der Transformationen. Das ist die natürliche, materielle Welt, in der wir Menschen leben.

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Wegen der Vergänglichkeit und Flüchtigkeit dieser Welt leiden wir und versuchen, in die Welt des reinen Seins zu flüchten. Aber wir müssen die Idee von einer anderen Welt aufgeben und uns vollkommen mit der natürlichen Welt der Wechselhaftigkeit verbinden. Ein grosser Mensch kämpft nicht gegen die Natur, während ein kleiner Mensch sich dagegen wehrt und dagegen ankämpft. Da alles eine Einheit ist, kann man nicht dagegen kämpfen; man muss mitgehen, wie eine Wolke. Aber man sollte nicht blind gehen – man solltet das zweite Gesetz kennen und das dritte nutzen. Diese Theorie wird im Tao Te Ching klar illustriert. Lin-chi sagt also, wer die Welt der Dinge durchschaut und sich an keine Formen mehr bindet, ist frei von Verlangen und folglich frei von Leiden. Dies nennt er das ‚Töten der Mutter‘.

„Wenn du mitten in der wesenhaften Welt (Dharmadhatu) keinen einzigen Gedanken und kein Konzept aufkommen lässt und in schierer Dunkelheit weilst, wo auch immer du bist, das nenne ich ‚das Blut eines Buddhas vergiessen‘.“ Hier geht es um das erste Gesetz, den reinen formlosen Zustand aller Existenz. Das ist der schwierigste Punkt im Buddhismus. Wenn man ihn verstehen will, kommt man nicht um das zweite und dritte Gesetz herum. Die reine, essentielle Welt, Dharmadhatu, ist auch der Kern des im Zen grundlegenden Koans: Vor Vater und Mutter, wer bist du?

Von „schierer Dunkelheit“ zu sprechen, ist nicht gut. Es gibt nichts dergleichen in diesem Zustand. Wenn man „dunkel“ sagt, postuliert man auch „hell“. Es ist eine sehr schlechte Wortwahl, Lin-chi muss wirklich in grosser Verlegenheit gewesen sein, um solche Worte zu machen.

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Aber das ist der Eingang zum Zen. Ein Koan sagt: „In pechschwarzer Nacht singt ein hölzerner Mann ein Lied und eine steinerne Frau tanzt.“ Wer diese Barriere durchschreitet, erfasst das zweite und dritte Gesetz. Nun wird er vom Lehrer zum Anfang (vor Vater und Mutter) zurückgeführt. Beim zweiten Mal ist es schon schwieriger zu erfassen. Deshalb nennt Lin-chi es „das Blut eines Buddhas vergiessen“. Es gibt überhaupt nichts mehr, an dem man sich festhalten kann.

„Und was bedeutet ‚die Harmonie der Sangha zu zerstören‘?“ Die Sangha des Buddha kann nicht zerstört werden, aber die Sangha eures Geistes muss zerstört werden. In Buddhas Sangha leben viele Mönche und Nonnen, die die Harmonie in sich selbst und in der Gemeinschaft bewahren. Aber hier, in diesem Zendo, gibt es viele „Mönche“ und „Nonnen“, die in einer Sangha mit ihren eigenen Gedanken leben. Jedes „Mitglied“ dieser Sangha ist ein Gedanke und diese Gedanken gleichen einem Regenbogen am Himmel. Der Regenbogen schwebt in der Luft wie eine Brücke, eine Brücke ohne Boden auf dem sie feststehen kann.

Ebenso haben Gedanken keine feste Grundlage. Wenn es keine Gedanken gibt, gibt es auch keine damit verflochtenen Kümmernisse. Der wahre Boden eures Geistes ist wie der Himmel ohne Wolken und ohne Regenbogen. Ihr müsst die Gedanken-Sangha in eurem Geist eliminieren, um den wahren Geistesboden zu sehen. Wie Lin-chi sagte: „Wenn du in einem geistigen Akt wahrhaftig erkennst, dass alle deine Leidenschaften und Nöte vollkommen leer sind wie der leere Raum und es nichts gibt, worauf du angewiesen bist, das bedeutet‚ die Harmonie der Sangha zu zerstören‘.“

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„Wenn du siehst, dass alle bedingten Beziehungen ohne Substanz sind, dass der Geist und die Erscheinungsformen keinen Wesenskern haben und du nur noch den einen Gedanken hast, mit vollkommener Entschlossenheit die ganze Existenz zu transzendieren und friedfertig zu sein, und es in der Folge davon nichts mehr zu tun gibt, dann nenne ich dies ‚alle heiligen Bilder und Schriften zerstören.“ Ihr braucht also keine Tempel in eurem Gehirn, keine Bücher, keine Symbole, keine Wörter. Verbrennt sie im Feuer, damit ihr den wahren Geistesgrund finden könnte.

„Liebe Weggefährten, vollbringt dies und ihr seid frei von allen Hindernissen, die Begriffe wie ‚heilig‘ oder ‚gewöhnlich‘ darstellen.“ Diese Begriffe benutzt man nur, bevor man die Realität sieht.

„Aber ihr schafft mit euren Gedanken Realität aus leeren Fäusten und ausgestreckten Zeigefingern und knetet sinnlos Formen aus dem Teig eurer Wahrnehmungen und Umstände.“ Ihr seid so sehr von der Aussenwelt eingenommen, habt so viele Sinneseindrücke, mit denen ihr euch beschäftigt. Ihr nehmt all dies ernst und fabriziert alle möglichen Illusionen daraus, obgleich es völlig unwesentlich ist Spült all diese Geistesinhalte weg und benutzt euer Gehirn wie einen Blitz! Dann – in einem Augenblick, ah – seht ihr den Tathāgata[efn_note]Tathāgata: Bezeichnet einerseits den klaren Buddha-Geist, andererseits das So-Sein aller Dinge.[/efn_note]! Ohne diesen scharfen Geist kann man Zen im Alltag nicht anwenden.

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Der Meister fuhr fort:

„Euch selbst herabsetzend sagt ihr: ‚Ich bin gewöhnlich, er ist heilig.‘ Blinde Idioten, warum krächzt ihr wie Schakale, wo ihr doch Löwen seid? Ihr seid resolute Menschen, aber ihr atmet nicht wie resolute Menschen. Unfähig an das zu glauben, was euch bereits mit der Geburt gegeben ist, schaut ihr nur nach aussen und richtet euch nach den nutzlosen Worten der Alten. Ihr glaubt an negativ und positiv und könnt nichts aus euch selbst heraus erreichen. Ihr identifiziert euch mit den Umständen und haltet an den Geistesinhalten fest. Immer seid ihr im Zweifel. Ihr habt keinen echten Standard für euer Urteil.“

Wer seine eigene wahre Bedeutung kennt, braucht keinen Teig aus den Sinneseindrücken zu kneten. Ihr seid gelangweilt, weil ihr nicht wisst, was ihr mit euch selbst anfangen sollt, da ihr den wahren Sinn des Lebens nicht erfassen könnt. Ihr bildet euch ein, ihr selbst seid bloss gewöhnliche Menschen, während andere heilig oder sonst etwas Besonderes seien. Das ist ein Fehlschluss. In Wirklichkeit gibt weder „Buddha“, „Heilige“ noch „gewöhnliche“ Menschen.

„Blinde Idioten, warum krächzt ihr wie Schakale, wo ihr doch Löwen seid?“ Was gibt es so Wichtiges zu tun von morgens bis abends? Ihr rennt irgendetwas hinterher, um euch selbst zu finden, rennt eurem eigenen Schatten, eurer eigenen Denken hinterher. Euer Gehirn ist schlauer als ihr selbst. Es findet die Antworten ohne euer Denken. Bevor ihr ein logisches System aufstellen könnt, weiss das Gehirn die Antwort bereits.

In der Haut Gottes lebend gebt einen menschlichen Schrei! Wenn ihr diese wunderbare Kraft des (intuitiven) Wissens kennt, wisst ihr, dass es der einzige wahre Schatz ist in der ganzen Welt. Die Erde ist wunderschön, aber sie hat keine Erkenntniskraft. Die menschliche Person ist klug, hat aber wenig Selbsterkenntniskraft. Wir haben die vollkommene und vollständige Kraft des Wissens in uns, und zwar schon immer, aber es ist nicht die Kraft des menschlichen Einzelwesens. Wir benutzen ein wenig davon, doch wegen der vielen Hindernisse und schicksalhaften Bedingungen sind wir nicht in der Lage, die ganze Kraft zu nutzen. Deshalb tönen wir wie Hyänen in einem Löwenfell.

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„Unfähig an das zu glauben, was euch bereits mit der Geburt gegeben ist, schaut ihr nur nach aussen und richtet euch nach den nutzlosen Worten der Alten.“ Wenn Fremde nach Japan kommen, schreien sie entzückt: „Oh wie schön, kein anderes Land hat solche Kunstwerke.“ Ein alter Grossvater sucht alle seine alten Holzdrucke aus dem Keller hervor und die Fremden kaufen sie ihm ab für teures Geld. „Ah, das muss grosse Kunst sein.“ Ihr glaubt nie, dass euer Eigenes gut ist. Ihr sucht in Büchern und praktiziert eine bestimmte Meditation – wie dumm! Die himmlische Trommel erklingt in euch selbst!

Die Alten gebrauchten Millionen Worte, um sich auszudrücken, aber Worte sind Hilfsmittel, wie ein Glasgefäss. Man kann das Hilfsmittel herstellen, aber es ist nichts drin.

„Ihr glaubt an negativ und positiv und könnt nichts aus euch selbst heraus erreichen.“ Im Tao Te Ching heisst das Positive yang und das Negative yin. Alle Gegensätze sind Produkte des menschlichen Geistes, sie existieren nicht wirklich. Vor Vater und Mutter (positiv und negativ), was warst du? Vor der Schöpfung, nach der Schöpfung….Unsinn!

„Ihr identifiziert euch mit den Umständen und haltet an den Geistesinhalten fest. Immer seid ihr im Zweifel. Ihr habt keinen echten Standard für euer Urteil.“ Der echte Standard für das Urteilen hat die wirkliche Erde zur Grundlage. Für den Bauer ist das Feld das Kriterium: er sät den Samen und das Feld antwortet darauf. Natürlich muss er den Boden pflegen und nähren.

Zen-Schüler sollten auf ihren eigenen Geistesgrund stolz sein. Aber wenn dieser wie eine leblose Wüste ist, muss er kultiviert und gestaltet werden. Diesen Boden zu finden und zu nutzen ist echte Religion. Philosophie und Kunst können darauf wachsen, aber der religiöse Mensch muss darauf leben, dann kann er sich an allem, was aus diesem Boden wächst, erfreuen.

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Ehrenwerte Weggefährten, übernehmt das, was ich sage, nicht! Warum? Weil solche Worte nicht die wahre Grundlage sind. Es sind in den leeren Himmel gemalte Bilder, wie im Gleichnis der gemalten Figuren.[efn_note]Anspielung auf ein Sinnbild aus dem Lankavatara-Sutra, das besagt, dass weder die Leinwand noch die Farben noch der Pinsel des Malers ursprünglich ein Bild enthalten, sondern nur dazu benutzt werden, um diverse Figuren zu schaffen.[/efn_note]

Betrachtet Buddha nicht als das Absolute! In meinen Augen ist er ein Plumpsklo. Bodhisattvas und Arhats (Heilige) sind Ketten, die uns binden. Aus diesem Grund versuchte Manjushri, den Gautama mit seinem Schwert zu töten und Angulimalya versuchte, Shakyamuni mit seinem Dolch zu verletzen. Es gibt keine Buddhaschaft zu erlangen. Auch die Lehren der drei Fahrzeuge, der fünf Skandhas und der plötzlichen Erleuchtung sind bloss Medizin gegen gewisse Krankheiten. Es gibt kein wahres Dharma. Selbst wenn es etwas gäbe, es wäre bloss eine Andeutung, eine veröfffentlichte Anordnung von Buchstaben und Worten, so wie ich es gerade jetzt auch mache.

Weggefährten, es gibt die gewöhnichen Glatzköpfe, die tief in ihr Inneres graben, um die transzendentale Wahrheit zu finden. Sie machen auch einen grosser Fehler. Wer Buddha sucht, verliert Buddha. Wer den Weg sucht, verliert den Weg. Wer die Patriarchen sucht, verliert die Patriarchen.

Wenn Leute vom Wald reden, denken sie gewöhnlich nur an die Bäume und Büsche, aber nicht an den Boden, die Grundlage selbst. Wenn sie die Wirklichkeit ihres eigenen Wesens zu erfassen versuchen, suchen sie nach Worten und Konzepten. Das sind bloss Büsche. Wie kann man die Wirklichkeit sehen, wenn man sich im Gestrüpp verheddert und verlierer? Ohne Boden, gibt es keinen Wald. Wenn ihr all euer gekauftes Wissen nur in eurem Gehirn aufbewahrt, pflegt ihr bloss eure Einkäufe, nicht den Boden der Weisheit.

Deshalb vergleicht Lin-chi auch seine Worte mit Gemälden im leeren Himmel. Immer wieder versuchen die Menschen, in den vergänglichen Erscheinungen Wahrheit zu finden. Wer aber weiss, dass es Trugbilder und Luftspiegelungen sind, betrachtet lieber den leeren Raum, die einzige wahre Grundlage aller Erscheinungen.

„Betrachtet Buddha nicht als das Absolute!“ Auf Sanskrit bedeutet „Buddha“ der „Wissende“, abgeleitet von „bodhi“, „wissen“. Buddha ist eine Repräsentation dieses grossen Wissens.

„In meinen Augen ist er ein Plumpsklo.“ Lin-chi braucht oft solche Ausdrücke. Aber lasst euch nicht täuschen, das bedeutet nicht, dass er die Sittlichkeit verletzen will. Er will damit nur zeigen, dass rein und unrein nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

„Bodhisattvas und Arhats (Heilige) sind Ketten, die uns binden.“ Könnt ihr in der Natur ein Selbst (Atman) finden? Schaut genau hin! Nur wir Menschen haben ein Selbstgefühl. Es ist das Ich, das Karma erfährt, das Taten als Sünde beurteilt, das die Sünden begeht und Strafe oder Belohnung empfängt.

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„Aus diesem Grund versuchte Manjushri, den Gautama mit seinem Schwert zu töten und Angulimalya versuchte, Shakyamuni mit seinem Dolch zu verletzen.“ Dies sind Anspielungen an buddhistische Legenden und Parabeln. So heisst es in einer, dass der Buddha seine Anhänger dazu bringen wollte, alles unterscheidende Denken aufzugeben und ohne Zweifel zu erkennen, dass nichts geschaffen wird, worauf Manjushri ihn mit seinem Schwert der Erkenntnis anzugreifen versuchte. Angulimalya war ein berüchtigter Dieb und Mörder, der nach einem erfolglosen Versuch, den Buddha zu verletzen, ein überzeugter Schüler wurde.

Shakyamuni Gautama steht hier für die im Fleisch verkörperte Erkenntniskraft. Diese Kraft ist das der ganzen Existenz innewohnende Prinzip; sie ist das Schwert, das den Vorhang der Illusionen durchtrennt. Wir alle besitzen dieses Schwert. Ihr nennt es Intuition. Es ermöglicht uns, im Alltag zu handeln ohne zu zögern!

„Es gibt keine Buddhaschaft zu erlangen.“ Zu glauben man habe die Buddhanatur erfasst, zeigt bloss eine Aktion des Egos. Wenn die Buddhanatur wahrhaftig verwirklicht ist, dann gibt es kein Zeichen von etwas Erlangtem. Wenn man, wie in der Meditation, ins Samadhi eintritt, gibt es kein Zeichen von Samadhi; man denkt nicht: “Jetzt bin ich in Meditation und im Samadhi.“ Die Abwesenheit solcher Gedanken ist das einzige Zeichen der Buddhaschaft.

„Auch die Lehren der drei Fahrzeuge, der fünf Skandhas und der plötzlichen Erleuchtung sind bloss Medizin gegen gewisse Krankheiten.“ Die sogenannten drei Fahrzeuge symbolisieren drei buddhistische Befreiungswege. Sie heissen Shravakayana, Pratyekayana und Bodhisattvayana. Shravakayana kann als „Weg des Zuhörens“ übersetzt werden. Der Shravaka folgt den Lehren, die der Buddha über die Vier Edlen Wahrheiten und den Achtfachen Pfad gegeben hat.

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Sein Ziel ist es, sich dadurch von den Leidenschaften zu befreien und den Zustand eines Arhat zu erlangen. Er lebt im Zustand der Losgelöstheit (Nirvana) und beobachtet das Gesetz von Ursache und Wirkung – im Frühling blühen die Bäume, im Herbst fallen die Blätter ab – und realisiert so das mysteriöse Gesetz des Universum. Er trägt den Samen der Buddhaschaft in sich und lebt sein Leben in Stille.

Pratyekayana kann übersetzt werden als „der Weg des Einzelgängers“; es bezeichnet jemand, der unabhängig von einem Lehrer und ohne Verbindung zu anderen danach strebt, sich selbst aus den Verstrickungen des Lebens zu befreien.

Der Bodhisattva handelt aus dem Standpunkt des Mitgefühls, er lebt und wirkt zum Wohle aller empfindenden Lebewesen. Er versteht Buddhas Lehre intuitiv und direkt. Er nimmt das Leben eines menschlichen Wesens an und verbreitet die buddhistische Lehre in Wort und Tat.

Diese drei Wege bilden die Grundlage des traditionellen Buddhismus. Ein Meister kann sehen, in welche Richtung ein Schüler oder eine Schülerin tendiert. Er behandelt nicht alle gleich, sondern passt sich den individuellen Tendenzen und Veranlagungen an. Aber Lin-chi sagt, dass alle buddhistischen Methoden bloss Hilfsmittel sind, um die geistigen Irrungen und Krankheiten der Einzelnen zu kurieren. Alle drei Wege sind bloss Rezepte, und nicht die Medizin selbst.

„Weggefährten, es gibt die gewöhnlichen Glatzköpfe, die tief in ihr Inneres graben, um die transzendentale Wahrheit zu finden. Sie machen auch einen grossen Fehler.“ Aha! Sie folgen den Worten und Anleitungen anderer, können aber die Buddhaschaft nicht erfassen. Denn diese widersetzt sich den Worten. In der chinesischen Musik gibt es acht Grundtöne. Stille ist der erste. Sie ist wie die Null – man muss Null wie eine Zahl behandeln. Stille ist eine gute Null.

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„Wer Buddha sucht, verliert Buddha. Wer den Weg sucht, verliert den Weg. Wer die Patriarchen sucht, verliert die Patriarchen.“ Es ist wie bei einer Katze, sie kommt nicht, wenn du es willst. Die Katze kommt aus sich selbst heraus. Deshalb: Vergiss es! Und du wirst plötzlich realisieren, was Buddha ist. Aber wenn du über Weisheit (Bodhi) und Wahrheit (Dharma) nachdenkst, versuchst du einen Schatten einzufangen.

Ich hoffe, ihr werde alle die Gelegenheit haben, Buddha zu begegnen.

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