Wer war Meister Sokei-an?

Shigetsu Sasaki Sokei-an (1882 -1945) war der erste japanische Zen-Meister, der sich in Amerika niederliess, um das Wesen und die Praxis des Zen-Buddhismus durch Wort und Tat in der westlichen Welt bekannt zu machen. Nie zuvor wurden die einschlägigen Texte des Zen-Buddhismus in die englische Sprache übersetzt und in dieser Sprache erklärt. Und nie zuvor hatten Frauen und Männer in Amerika die Gelegenheit gehabt, die Zen-Lehre aus erster Hand von einem authentischen Meister zu empfangen, ohne eine lange Reise in ein fernöstliches Land zu unternehmen.

Zen kommt nach Amerika

Im Jahre 1893 kam Zen erstmals nach Amerika in der Person von Soyen Shaku (1859-1919). Soyen Shaku war ein führender Vertreter der Rinzai-Zen-Schule und Abt eines Zen-Klosters. In dieser Funktion sprach er als erster Zen-Buddhist und Zen-Meister am Weltkongress der Religionen in Chicago. 1906 sandte er eine Gruppe von japanischen Laienbuddhisten mit ihrem Lehrer Tetsudo Sokatsu nach Amerika mit dem Auftrag, ein Zen-Zentrum für Laien aufzubauen.. Doch dieser Plan misslang. Die Japaner kehrten in ihre Heimat zurück mit Ausnahme des Kunststudenten Shigetsu Sasaki, der in Tokio viele Jahre lang Zen praktiziert hatte.

Wanderjahre

Shigetsu Sasaki blieb allein in Amerika und begann, Land und Leute kennenzulernen. Er kehrte nur zweimal nach Japan zurück, zuletzt, um sein Zen-Training zu vollenden und die Meisterwürde zu empfangen. Der Name Sokei-an, der ihm bei der Anerkennungszeremonie seiner Zen-Meisterschaft als Roshi verliehen wurde, weist auf seine tiefe geistige Beziehung zu dem Sechsten Patriarchen des Zen in China, Hui-Neng .Dieser lebte im 7. Jahrhundert im Tal namens Sokei.

Nach seiner Rückkehr aus Japan zog Sokei-an noch einige Jahre weiterhin lernend durch Amerika. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Restaurator von Holzfiguren in Tempeln der japanischen Einwanderer und Verfasser von Satiren in japanischen Zeitschriften. Denn er besass sowohl im Holzschnitzen als auch im sprachlichen und darstellerischen Bereich grosses künstlerisches Talent. Erst 1930 begann er in seiner kleinen Wohnung in New York Zen zu lehren und gründete das First Zen Institute of America.

Lehrtätigkeit

Zu dieser Zeit war Zen in Amerika noch weitgehend unbekannt, und was man vom Buddhismus wusste, betraf in der Regel die Richtung des Ur-Buddhismus (Theravada-Schule). Deshalb übersetzte Sokei-an in seiner kleinen Wohnung viele Texte des Zen- und späteren Mahayana-Buddhismus selber aus dem Chinesischen ins Englische.

Auf diese Weise wurde seine kleine Wohnung zum Tempel und Zendo, wo er eine kleine Schar von interessierten Menschen in die Lehre und Praxis des Zen-Buddhismus einführte.

Die Teilnahme an seinen Vorträgen, die zweimal wöchentlich stattfanden, war für seine Schüler obligatorisch. Wer dies ein Jahr lang getan hatte und gut im Zazen (Sitzmeditation) verwurzelt war, konnte anfangen, mit einem Koan zu arbeiten. In Bezug auf Koan-Arbeit war Sokei-an sehr strickt und traditionell. Das heisst, es gab keine Erklärungen, keine Kompromisse und keine persönlichen Rücksichten. Jeder Schüler und jede Schülerin musste, wie es der Rinzai-Zen-Tradition entspricht, selber mit dieser schwierigen Aufgabe zurechtkommen. Sokei-an hatte grosses Vertrauen in die Mentalität und geistige Kraft der Amerikaner jener Zeit. Sein Motto lautete:

„Erkenne die wahre Essenz deiner Existenz. Das Wissen ist in dir.“

Im Übrigen hielt er sich nur wenig an die überlieferten Formen. Da seine Wohnung sehr klein war, sass man nicht auf Sitzkissen auf dem Boden, sondern auf Stühlen. Er lehnte alles Zur-Schau-Stellen ab und lebte wenig bekannt und auf sich selbst gestellt in der Millionenstadt New York, die er sehr liebte. Stundenlang durchwanderte er ihre Straßen und Plätze. Hier lebten seine Schüler und Schülerinnen, mitten im oft hektischen Leben, nicht als Mönche und Nonnen, sondern eingebettet in Beruf und Familie. Für sie wollte er lehren, ihnen wollte er das Wesen des Zen nahebringen, also teilte er ihre Welt so gut es ging. Doch die Weltpolitik holte auch ihn ein.

Letzte Lebensjahre

Nach der Bombardierung von Pearl Harbor durch die Japaner (Dez. 1941) wurde Sokei-an, wie viele seiner in Amerika lebenden Landsleute, als potentieller Feind in ein Lager gebracht. Dort verbrachte er zwei Jahre in Gefangenschaft, bis es seinen Schülern gelang, ihn frei zu bekommen. Um seinen Aufenthalt in New York zu sichern, heiratete er seine langjährige Schülerin Ruth Fuller Everett (Mutter von Allan Watts aus erster Erster).

Die Entbehrungen und Strapazen der Internierung hatte gravierende gesundheitliche Folgen. Trotzdem empfing und unterwies er seine Schüler bis zum Schluss. Am 14. Mai 1945 erlag er im Alter von 62 Jahren einer Niereninsuffizienz. Er wurde, wie er es gewünscht hatte, als erster Zen-Meister in der Erde von Amerika beerdigt.

Sein Vermächtnis

Ruth Fuller Sasaki (1892-1967) hatte vor der Zusammenarbeit mit Sokei-an bereits in Japan tiefe Zen-Einsichten erlangt. Nach Sokei-ans Tod im Jahre 1945 kehrte sie in Japan zurück und vertiefte ihr Verständnis unter der Führung von Zen-Meister Goto Zuigan. Obwohl sie von diesem bald selber als Zen-Meisterin (Roshi) anerkannt worden war, verzichtete sie darauf, eigene Schüler zu unterrichten. Stattdessen widmete sie sich bis an ihr Lebensende der englischen Herausgabe von authentischen Zen-Texten und führte in ihrem Haus in Kyoto ein Zendo für Ausländer, die bei Zuigan Roshi studierten. Ihre Schriften sind auch in der heutigen Zeit, rund 80 Jahre nach Erscheinen, unübertroffen und relevant.

Eine andere Schülerin von Sokei-an, Mary Farkas (1912-1992), sammelte, ordnete, bearbeitete und publizierte in jahrelanger Arbeit Sokei-ans Ansprachen und Vorträge. Ihr ist es zu verdanken, dass dieser Schatz bis heute zugänglich ist. Ein wesentlicher Anteil davon wurde von Agetsu Wydler Haduch in Deutsch übersetzt und ist auf dieser Webseite zu finden.

Dr. Henry Platov (1904-1990) war ein deutschstämmige Schüler. Auch er vollendete seine formelle Zen-Ausbildung bei Goto Zuigan. Durch die Initiative eines Schweizer-Schülers kam er 15 Jahre lang regelmässig nach Zürich und gründete die Rinzai-Zen-Gesellschaft der Schweiz. Wie Sokei-an führte auch er in einer kleinen Wohnung eine kleine Schar von interessierten Menschen in die Lehre und Praxis des Zen-Buddhismus ein, ohne dass diese eine fremde Fremdsprache lernen oder in ein fremdes Land reisen mussten. Viele seiner Teishos (Zen-Vorträge) sind online abrufbar und einige wurden unter dem Titel „Der Eremit und andere Zen-Erzählungen“ veröffentlicht.

Heutzutage wird dieses Erbe durch H. Platovs Schülerin, ordinierte Zen-Priesterin und autorisierte Zen-Lehrerin Agetsu Kudo Wydler Haduch im Zentrum für Zen-Buddhismus Zürich weiter gepflegt.

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