Dieser Vortrag fand 1997 auf dem Kongress der Deutschen Buddhistischen Union statt. Unter dem Gesamttitel „Buddhistische Meditation“ wurden die Lehre und Praxis der verschiedenen buddhistischen Schulen vorgestellt, die sich auch in der westlichen Welt etabliert haben. Alle diese Vorträge und mehr finden sich im Buch Stiller Geist – Klarer Geist (Hrsg. Alfred Weil). (Die Zwischentitel sind nachträglich eingeführt. worden.)
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Einleitung
Der Begriff Meditation ist heutzutage in der westlichen Welt weit verbreitet. Das Spektrum derjenigen Tätigkeiten, die als Meditation bezeichnet werden, reicht von hingebungsvollem Tun (Tanzen, Nähen, Malen), über das Lauschen auf besinnliche Musik bis zur religiös motivierten Versenkung. Der vorliegende Artikel befasst sich mit einer Form der Meditation, die am ehesten im letztgenannten Bereich anzusiedeln ist, wobei vorwegzunehmen ist, dass sie an keine bestimmte Religion gebunden ist.
Besondere Merkmale der Zen-Meditation
Das japanische Wort Zen geht zurück auf den chinesischen Begriff Chan. Dieser wiederum entspricht dem Sanskritausdruck Dhyāna. Ursprünglich stammt das Wort Dhyana aus der indischen Yoga-Philosophie. Dort bezeichnet es den tiefen Meditationszustand von Samadhi. Dieser ist durch absolute Geistesstille gekennzeichnet, in der die Grenzen von Subjekt und Objekt aufgehoben sind. In den Texten der einzelnen Traditionen finden sich zahlreiche Beschreibungen von Stufen, Stadien und Techniken zum Erlangen von Samadhi.
Samadhi = Geistesstille jenseits von mentalen Aktivitäten
Im Zen-Buddhismus bedeutet Samadhi nicht bloß ein Zustand tiefer Versunkenheit in der Meditation, sondern die ich-lose, völlig wache Gegenwärtigkeit sowohl in der Sitzmeditation als auch im alltäglichen Handeln – ein Zustand nicht-dualer, wahlfreier Achtsamkeit, in dem man vollkommen eins mit dem gegenwärtigen Moment ist, egal ob man still sitzt oder eine alltägliche Arbeit verrichtet. Müsste man die Definition von Samadhi im Zen-Buddhismus auf einen einzigen Ausdruck verdichten, wäre es „Alltagsgeist“ –
Die Praxis des Zen hat demnach zwei Ausrichtungen. Im Zazen – wörtlich: sitzendes Zen – übermannt man sich im „Nur-Sitzen, (jap. Shikantaza) der sogenannten gegenstandslosen Meditation und taucht in die Stille jenseits von Gedanken und Sorgen ein.
Diese Stille, dieses Samadhi, ist allerdings keine „tote“ Stille; sie ist voller Klarheit und schöpferischer Energie. In ihr reifen die Einsichten und Erkenntnisse, welche die Sicht auf die Welt und das eigene Sein vollständig verändern können.
Die zweite Ausrichtung gilt der Aktualisierung des Samadhis im Alltag, wenn man vom Meditationskissen aufgestanden ist. Dies äußert sich in spontanem, vollkommen angemessenem Handeln in der Welt, frei von konzeptuellem Denken, Angst oder Selbstzweifeln.
Ruhe und Gelassenheit
Eine grundlegende Betonung der Zen-Meditation ist das Erlangen von körperlicher und geistiger Stabilität.
Dazu setzt man sich auf den Boden, kreuzt die Beine im Halblotus oder Lotussitz, legt die Hände über der Leibesmitte (Hara) zusammen, richtet das Becken leicht nach vorn, so dass die Wirbelsäule ihre natürliche aufrechte Lage beibehält.
Wer nicht in dieser Art auf dem Boden sitzen kann, kann auch eine Sitzbank oder einen Stuhl benutzen (die Zen-Meditation ist nicht von der Haltung abhängig). Die Schultern und der Kopf befinden sich möglichst entspannt in ihrer natürlichen Position. Man findet diese Haltung in vielen fernöstlichen Buddhafiguren nachgebildet; sie ist gekennzeichnet durch die Ausstrahlung von großer Ruhe und Gelassenheit.
Ruhe und Gelassenheit stellen sich jedoch nicht unmittelbar ein, sobald man den Körper in die entsprechende Sitzhaltung bringt. Im Gegenteil, Anfänger haben oft zu kämpfen mit allerlei Hindernissen wie Unbehagen, Schmerzen und seelischer Unruhe. Nur wer sich davon nicht abhalten lässt und immer wieder geduldig übt, wird feststellen, dass die Stabilität der Körperhaltung gewisse Rückwirkungen auf den Geist hat. Körper und Geist können ja nicht voneinander getrennt werden, deshalb wäre es auch falsch zu denken, Zen-Meditation sei eine rein geistige Angelegenheit.
Es betrifft Körper und Geist gleichermaßen. Die Ruhe des Körpers wirkt auf den Geist beruhigend, während die Ruhe des Geistes wiederum dem Körper zu mehr Ruhe verhilft. Weil dem so ist, übt man sich in der Zen-Meditation sowohl im Stillhalten des Körpers als auch im Stillhalten des Geistes. So, wie sich trübes Wasser klärt, wenn es in Ruhe gelassen wird, so klärt sich der Geist, wenn sein Gefäß nicht geschüttelt oder stark bewegt wird.
Geschehen lassen
Sobald die stabile Körperhaltung etabliert ist, richtet man die Aufmerksamkeit auf den Atem. Meiner Erfahrung gemäss ist es am besten, wenn man dem Ein- und Ausatem zuerst einfach folgt, ohne eine bestimmte Erwartung oder Absicht. In der einschlägigen Literatur ist oft von “Kontrollieren des Atems” die Rede, doch wie ich festgestellt habe, verstehen die Menschen im Westen unter “Kontrolle” meistens einen Willensakt, der eine Art Dominanz über das zu kontrollierende Objekt bedingt. Es liegt aber nicht im Wesen des Zen, irgendetwas zu dominieren, ganz im Gegenteil, man bemüht sich vielmehr, alle Kontrolle des Egos und jeglichen Eigenwillen zu Gunsten eines natürlichen Geschehen-Lassens aufzugeben.
Das Konzept des Geschehen-Lassens, das Vertrauen in die natürliche Funktion von Körper und Geist − indem man sich z.B. sagt: “der Atem weiß schon, was er zu tun hat” −, dieses Vertrauen ist den westlichen Menschen leider weitgehend fremd geworden. Das ist der Grund, warum viele gleich zu Beginn ihrer Meditationspraxis einen enormen inneren Leistungsdruck aufbauen und meinen, Zen-Meditation sei etwas ganz Schwieriges, Außergewöhnliches oder “Esoterisches”.
Zuerst empfiehlt es sich also, den Atem einfach zu beobachten, nicht mit kritischem oder kritisierendem Geist, sondern mit aufmerksamem Gewähren-lassen, so wie eine liebende Mutter ihrem spielenden Kind zuzuschaut. Eine liebevolle Mutter lässt ihr Kind gewähren. Sie gibt ihm Raum, beobachtet und greift nur dann ein, wenn Hilfe angebracht ist. Sie ist achtsam, aber nicht kontrollierend. Eine ängstliche oder selbstherrliche Mutter hat Vorstellungen, wie das Kind sein sollte. Oder sie lässt sich von der Umwelt beeinflussen. Sie wagt es nicht, dem Kind seinen eigenen Raum zu gehen und greift dauernd ein mit „Nein …“, “Pass auf …”, „Lass das!…“, „Tu dies, mach jenes…“ Ebenso verfahren viele Meditierende mit sich selbst und ihrem Atem.
Angeborene Weisheit
Wir alle haben eine liebende und eine kontrollierende “Mutter” in uns. Die liebende Stimme, die Raum lässt und nicht dauernd eingreift, ist die uns angeborene Weisheit, das Urvertrauen, die Buddha-Natur. Die kontrollierende, nörgelnde Stimme ist das erworbene Über-Ich: „Ich muss…“, „ich sollte…“, „Ich darf nicht…“ „Es ist nicht erlaubt…“, usw. Und aus diesem „Ich muss“, wird „man muss“ und „du musst“. Schließlich verstellen alle diese Normen, Ansprüche und Einengungen den ursprünglichen Raum.
Wenn man ruhig sitzt und auf das Kritisieren verzichtet, verlangsamt sich der Rhythmus der Atemzüge in der Regel von selbst und die Intensität nimmt zu. Manchmal kann es allerdings hilfreich sein, wenn man sich in der Vorstellung sanft und bestimmt mit dem Ausatem sinken lässt, so wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wurde und nun dem Grund entgegen sinkt.
Letztlich muss aber jeder Mensch selber herausfinden, wie es für ihn am besten geht. Obwohl es unzählig viele Anleitungen zur Meditation gibt, sind diese nur Wegweiser, aufgestellt von anderen Menschen, die den Weg für sich selbst gefunden haben. Es ist dem Wesen des Zen fremd, irgend einen Wegweiser als Dogma zu betrachten. Selbst die Worte des Buddha und der alten Meister sollen durch die eigene Erfahrung geprüft werden.
Fokussierte Aufmerksamkeit
Die innere Haltung gilt dann als stabil, wenn die Aufmerksamkeit auf den Atem gerichtet bleibt und nicht an- und dauernd von anderen Gedanken abgelenkt wird. Alle, die schon einmal in dieser Form meditiert haben, wissen, wie schwierig dies ist. Was theoretisch so leicht und einfach klingt − einfach nur zu atmen und sonst nichts −, ist in der Praxis alles andere als leicht. Es gibt unendlich viele Dinge, die die Aufmerksamkeit vom Atem wegziehen und auf sich selbst lenken: Gedanken, Geräusche, Körperempfindungen drängen sich auf und, was das Schlimmste ist, es findet ein unaufhörlicher innerer Dialog statt.
Dies geschieht natürlich nicht nur in der Meditation, man befindet sich den ganzen Tag lang in diesem Zustand, und selbst im Schlaf schweigen die Stimmen nicht oder wenn, dann nur ganz kurz. Doch in der Meditation wird man sich dieses unaufhörlichen Flusses vielleicht zum ersten Mal im Leben bewusst.
Die ersten Reaktionen auf diesen inneren Lärm bestehen in der Regel aus Erstaunen, gefolgt von Unmut, Enttäuschung und Verunsicherung. “Was mache ich falsch?”, “Wie kann ich meine Gedanken abstellen?” – das sind die häufigsten Fragen von Neuanfängern in der Zen-Meditation. “Du machst gar nichts falsch”, muss die Antwort lauten, denn es ist ganz natürlich, dass die Ohren hören, die Augen sehen und das Gehirn denkt, solange man einigermassen gesund und wach ist. Wenn es etwas Falsches an der Sache gibt, dann höchstens die Erwartung, dass es anders sein sollte.
Man kann die Aktivität der Sinnesorgane nicht einfach abstellen, und dies ist auch gar nicht erwünscht. Was man durch die Meditation lernen kann und soll, ist die Aufmerksamkeit zu fokussieren. So wie man ein Licht, das diffus in alle Richtungen leuchtet, zu einem einzigen hellen Strahl bündelt, so soll das Licht der Aufmerksamkeit gesammelt und auf das eigene Bewusstsein gerichtet bleiben.
Unparteiisches Beobachten
Ein wichtiger Bestandteil der Zen-Meditation ist deshalb neben dem Beobachten des Atems auch das Beobachten sämtlicher Bewusstseinsinhalte, angefangen bei den Körperempfindungen, bis hin zu den Gedanken, den Emotionen, den Erinnerungen, den Phantasiebildern. All dies wird betrachtet wie in einem Spiegel oder so, wie man eine Landschaft von der Straßenbahn aus betrachtet: Man mischt sich nicht ein, redet nicht mit jedem Hund, der des Weges kommt, und kann nicht stehen bleiben, wenn einem etwas gefällt.
Auch dieser Schritt fällt am Anfang vielen sehr schwer. Man ist es vom gewöhnlichen Alltag her gewohnt, zu allem, was man sieht, hört, fühlt und denkt, Stellung zu beziehen – sei es zustimmend oder ablehnend. Unser Ich glaubt, es müsse zu allem sofort seinen Senf dazu geben. Man merkt gar nicht, wie man durch diese Färbung alle Wahrnehmungen unmittelbar manipuliert. Der gewöhnliche Mensch lebt in einer Welt der Urteile, Meinungen, Ansichten und Überzeugungen, die mit der wirklichen Natur der Dinge wenig oder nichts gemeinsam haben.
Doch so wie die liebende Mutter sich selbst zurücknimmt und für das Kind im Hintergrund bleibt, so können wir das eingreifende, beurteilende Ichbewusstsein zurücknehmen und im Hintergrund halten. Man sitzt unbeweglich und lässt geschehen, was geschieht. Dieses passive Verhalten ist nicht zu verwechseln mit der Passivität aus Gleichgültigkeit oder Machtlosigkeit. Wer sich damit auskennt, weiss, dass echtes passives Gewahrsein eine Frucht äußerster Wachsamkeit und Präsenz ist.
Das Licht des Gewahrseins
Wie die Sonne völlig unparteiisch auf die Welt hernieder scheint, so scheint das Licht des passiven Gewahrseins auf seine eigenen Wahrnehmungen. Die Sonne bejaht nicht und verneint nicht, sie sagt nicht zu der einen Pflanze: “Du bist gut, dir gebe ich viel Licht” und zu der anderen : “Du bist ein Unkraut, dir gebe ich kein Licht.”
Das reine, ichlose Bewusstsein ist wie die Sonne: Es scheint auf alles, nimmt alles so wahr, wie es ist. Man kann dies sehr schön beobachten bei kleinen Kindern, die die Welt zum ersten Mal erleben. Sie hegen noch keine Vorurteile, haben in Vielem noch keine negativen oder positiven Erfahrungen, noch keine Erinnerungen. Sie schauen mit großen Augen auf die Welt. Diese ist spannend und voller Überraschungen.
Weder Zugreife noch Ablehnen
In der Zen-Meditation übt man sich also darin, Unangenehmes und Angenehmes gleichermaßen zu betrachten, im Gegensatz zum gewöhnlichen Verhalten, bei dem man sich bemüht, Angenehmes zu sammeln und festzuhalten und Unangenehmes möglichst schnell loszuwerden.
Wenn man diese wählerische Haltung auf das ganze Leben ausdehnt, wird man nie ganz zufrieden sein können, denn das Unangenehme, das Negative, gehört nun mal zum Leben wie alles Angenehme, Positive. Den Frieden, den Buddha und seine Nachfolger mit Hilfe der Meditation gefunden hatten, beruhte weitgehend auf der Grundlage des unparteiischen Beobachtens, auf der inneren Haltung von “weder ja noch nein”, weder Zugreifen noch Ablehnen. Es ist das vertrauensvoll Mit-Fliessen mit dem unaufhaltsamen Strom des Lebens, der allerdings neben Freude auch Leid mit sich führt.
Solange jemand nicht in der Lage ist, seine Aufmerksamkeit zu sammeln und stille zu halten, wird er oder sie auf alle Zeiten das Opfer der eigenen Launen, Gefühlsschwankungen, Zweifel und Selbstkritik bleiben. Alle diese Zustände hängen ausschliesslich von der Befindlichkeit der eigenen Person ab, sie führen weder zur inneren Ruhe noch zu innerem Frieden. Es sind Hindernisse auf dem Weg, und sie sollten als solche erkannt und überwunden werden. Dies bedingt allerdings, dass die meditierende Person in der Lage ist, sich selbst objektiv zu betrachten und das Kommen und Gehen der verschiedenen Gemütszustände zu beobachten.
Die zentrifugale und die zentripetale Kraft
Mit der rein beobachtenden, nicht Partei ergreifenden Haltung zu sitzen, erfordert Willenskraft und eine gewisse Anstrengung. (Aber es ist die einzige Anstrengung, die zu erbringen ist, alles andere ergibt sich von selbst.) Die Angewohnheit, den Gedanken und Emotionen freien Lauf zu gewähren und sich mit ihnen mitreißen zu lassen, hat bei ungeübten Menschen große Macht; man muss dieser Kraft eine andere, gleich große Kraft entgegenseetzen.
Neben uns als Beispiel ein sich drehendes Rad: Das Rad kann sich nur harmonisch drehen, wenn die nach außen wirkende Zentrifugalkraft und die nach innen ziehende Zentripetalkraft im Gleichgewicht sind. In unserem alltäglichen Tun und Lassen, folgen wir Menschen jedoch hauptsächlich der nach außen gerichteten zentrifugalen Energie. Die ist sehr ermüdend und führt oft zu Erschöpfung der Lebenskraft oder gar zu einem frühzeitigen Tod.
Wenn man sich jedoch durch die meditative Gelassenheit von nichts aus der Ruhe bringen lässt, seien es äußere Sinnenreize oder innere Geschehnisse, entwickelt sich die Zentripetalkraft, die Kraft, die nach innen führt. Man spricht in diesem Fall von der Kraft der Mitte oder “Harakraft” (jap. choriki). Durch regelmäßige Praxis, durch Ausdauer und Geduld sammelt sich diese Kraft und breitet sich im ganzen Körper aus. Daraus resultiert die gedankliche und emotionale Stabilität, die für den weiteren Fortschritt auf dem Zen-Weg unerlässlich ist.
Begegnung mit dem „Nicht-Sein”
Während des stabilen Sitzens mit wachem Geist stellt sich manchmal eine Empfindung ein, die sich wie das Verschwinden des Atems anfühlt. Plötzlich findet man sich in einem Zustand, in dem alles wie weg ist, Gedanken, Empfindungen, ja selbst der Atem. Nicht selten reagiert man darauf mit Angst und setzt automatisch alles daran, so schnell wie möglich wieder in den bekannten Zustand zurückzukehren, in dem man weiß, wer man ist und was existiert. Dieses Zurückschrecken vor dem Nichts ist durchaus natürlich, aber eigentlich schade. Es ist die erste Erfahrung des Dharmakaya, des grundlegenden Nicht-Seins, aus dem alles Sein entspringt. Wenn man jedoch nicht nachlässt, wird man eines Tages genügend Vertrauen und Wachsamkeit entfaltet haben, sodass man sich nicht mehr dagegen zu wehren braucht und sich in den Abbiss des Nicht-Seins fallen lassen kann, aus dem alles neu geboren wird.
Wenn Meditation mehr sein soll als Träumerei, ist es unbedingt nötig, dass man die Verhaftung an eingespielte Verhaltensmuster, an übernommene Meinungen und Überzeugungen, an den immerwährenden Mechanismen von Ja und Nein löst. Es ist aber nicht damit getan, dass man bloss das Wort “Loslassen” im Munde führt, − obwohl dies zumindest ein guter Anfang wäre −, sondern es braucht auch ein Verstehen, worum es geht. Es braucht den Glauben und die Überzeugung, dass die eigenen Gefühle, Meinungen und Ansichten tatsächlich Täuschungen sind. Und es braucht den Willen, diese Täuschungen gegen eine andere Sicht einzutauschen. Auch dies ist nicht leicht.
Richtiges Verstehen
Die Erfordernis des richtigen Verstehens bringt einen Aspekt der Zen-Meditation ins Spiel, von dem bisher nicht die Rede war, nämlich die ihr unterliegende Lehre. Basierend auf Buddhas Lehre über das Leiden in der Welt anerkennt und schätzt auch die Zen-Schule die grundlegenden Mittel und Tugenden, wie sie z. B. im Achtfachen Pfad zur Befreiung von Leiden niedergelegt wurden. Dort werden als erstes vollkommene (rechte) Sicht beziehungsweise vollkommene (rechte) Erkenntnis genannt, gefolgt von vollkommenem (rechten) Entschluss, Denken und Reden sowie rechtem Handeln. Alle diese Tugenden stehen in direktem Zusammenhang mit der vollkommenen Aufmerksamkeit, die in die vollkommene Sammlung des Samadhi mündet. – Damit Zen-Schüler auf ihrem Weg vorankommen, müssen also auch sie zwei Beine benutzen, das Bein des rechtem Verstehens und das Bein des rechtem Tuns.
Bereits in die Lehre Eingeweihte mögen einwenden, es stehe doch in jedem Zen-Buch geschrieben, dass Zen unabhängig von Schriften und Worten übermittelt werde, dass die sogenannte wortlose Übertragung von Herz zu Herz geradezu das Markenzeichen dieser Schule sei. Das stimmt, doch leider wird dies oft tüchtig missverstanden.
Da der Rahmen dieses Artikels zu eng ist, um dieses Thema ausreichend zu behandeln, sei hier lediglich darauf hingewiesen, dass man nicht dem irrigen Glauben verfallen sollte, die Zen-Meister und ihre Schüler kümmerten sich nicht um das gesprochene oder geschriebene Wort, oder sie lehnten den menschlichen Verstand mit seiner Fähigkeit des Denkens grundsätzlich ab. “Jenseits” oder “unabhängig” von Worten bedeutet, dass man die Worte und Zeichen nicht als das Höchste oder Letzte betrachtet, sondern stets über sie hinaus schaut, in den Bereich der Welt, die nichts mit Worten zu tun hat, und in den keine Worte hinreichen. Diese Welt ohne Worte ist zwangsläufig auch eine Welt ohne Formen (wo eine Form ist, gibt es auch ein Wort). Dieser “formlose” Bereich des Bewusstseins ist die eigentliche Domäne des Zen.
Das Konzept der Leerheit (Shunyata)
Im Verständnis des Zen-Buddhismus bedeutet Leerheit nicht das Gegenteil von Etwas. Es ist der Aspekt der Stille, die Welt des Absoluten als die Kehrseite des Relativen, Nicht-Existenz (Nirvana) als Kehrseite zur Existenz der Welt. Solange man über diese Welt reden oder schreiben kann, ist sie nicht wirklich. Wirklich ist sie nur in der Erfahrung, in der sämtliche Worte, Zeichen und Sinnbilder versagen.
Wer diese Erfahrung einmal gemacht hat – nicht intellektuell, sondern mit seinem ganzen Sein – versteht, dass die Gegensätze keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen und in einander übergehen, wie es im taoistischen Symbol von Yin und Yang dargestellt wird. Das höchste Ziel der Zen-Meditation ist es, diese übergegensätzliche Haltung zu verwirklichen, sie im Leben zu manifestieren, weil man erkannt hat, dass die gewöhnliche Welt der Formen und Farben und die transzendentale formlose Welt tatsächlich nicht zwei verschiedene Welten sind.
Ausdrücken, was nicht ausgedrückt werden kann
Wenn Zen-Meister das ausdrücken versuchen, was nicht ausgedrückt werden kann, malen sie oft einen Kreis. Sie verzichten also nicht a priori auf den Versuch eines Ausdrucks, sie verharren nicht bloss im Schweigen, denn dies würde wiederum zu einem Missverständnis führen.
Die Lehre von der Leerheit richtig zu verstehen, ist das A und O der traditionellen Zen-Schulung. Zu diesem Zweck benutzen die Meister viele verschiedene Hilfsmittel, unter anderem auch die sogenannten Koan, überlieferte Problemstellungen, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler in der Meditation auseinandersetzen. Über Koan ist schon viel geschrieben worden, leider auch viel Unsinn. Wer diese Methode wirklich kennen und anwenden will, soll sich vergewissern, dass die entsprechende Lehrerin oder der Lehrer tatsächlich dafür qualifiziert ist.
Die Befugnis, mit Koan zu arbeiten, ist auch heute noch etwas, das man nur durch langes Studium mit einem anerkannten Zen-Meister oder Zen-Meisterin erlangen kann. Durch die Bestätigung durch einen Meister oder eine Meisterin soll die Echtheit der Zen-Lehre geschützt und bewahrt bleiben.
Die Unabhängigkeit der Lehre
Koan sind jedoch nur ein Hilfsmittel unter anderen, allerdings eines, das es so nur in der Zen-Schulung gibt. Sie werden aber nicht in allen Schulen verwendet und sind auch nicht zu verwechseln mit der Zen-Lehre als solcher. Das heißt, man kann auch Zen praktizieren, ohne mit Koan zu arbeiten. Es ist jedem Lehrer, jeder Lehrerin frei gestellt, welche Mittel sie zur individuellen Förderung der einzelnen Schüler und Schülerinnen benutzen.
Zen-Praktizieren heißt aber auch nicht nur, in der beschriebenen Art zu sitzen und zu meditieren. Jedermann soll und darf seinen eigenen Weg suchen und gehen. Hauptsache ist es, die in der sitzenden Meditation geschärfte Aufmerksamkeit und die angesammelte Energie auf die Tätigkeiten des gewöhnlichen Lebens anzuwenden.
Die Macht der Gedanken und Emotionen
Solange man ungeübt ist, weiß man in der Regel nicht, was man denkt; viele Gedanken sind impulsiv und unkontrolliert. Sie sind einfach da, ausgelöst, durch etwas, was man sieht oder hört; meistens weiß man auch das nicht so genau.
Es sind diese impulsiven Gedanken und Emotionen, die den Verlauf des Lebens bestimmen. Man hat zum Beispiel ein Verlangen oder Hunger und geht zum Kühlschrank, um sich etwas zum Essen zu suchen. Auf dem Weg dorthin fällt der Blick auf die Zeitung auf dem Küchentisch und man sieht das Gesicht eines bekannten Politikers. Während man sich ein Butterbrot streicht, denkt man über die Rede nach, die dieser Politiker neulich gehalten hat. “Welch Unsinn, das doch wieder war…” Der Puls steigt, Ärger kommt hoch. Man kaut am Butterbrot und blättert in der Zeitung. Da fängt der Nachbar an, den Rasen zu mähen. “Schon wieder dieser unnötige Krach, er hat es doch erst letzte Woche getan!“
Nun sitzt er da, drei Dinge gleichzeitig in sich aufnehmend – Brot, Buchstaben, Lärm – alle Sinne mit einem anderen Inhalt fütternd. Und man merkt gar nicht, wie sich Ärger sammelt und den Weg zum Magen versperrt. Man wundert sich höchstens, dass man am Ende des Tages nervös und angespannt ist.
Verwurzelung in der Stille von Herz und Geist
Durch die regelmäßige Ausübung der Meditation und durch die Ausdehnung der Achtsamkeit auf alle Tätigkeiten im täglichen Leben, verbunden mit dem rechten Verstehen und dem rechten Bemühen, ergibt sich eine innere Ruhe, die schließlich zur vollkommenen Sammlung des Geistes führt. Darunter versteht man im Zen die Fähigkeit, in allen Lebensumständen − seien sie noch so schwierig oder aufregend − Ruhe und Gelassenheit zu wahren und im Gleichgewicht zu bleiben. Nun ist die Trennung zwischen der Ich-Person und der sogenannten Außenwelt überwunden und man ist fest in der ursprünglichen, allumfassenden Stille von Herz und Geist verwurzelt.
Diese allumfassende Stille ist nicht etwas, das man in der Meditation erzeugen muss oder kann. Sie existiert immerwährend und überall, selbst im allergrößten Lärm des täglichen Lebens. Jedes Geräusch, jeder Gedanke, jede Empfindung wird aus der Stille geboren, existiert in der Stille und taucht wieder in die Stille ein. So wie es keine Musik ohne die Stille gibt, so gibt es kein Leben ohne sie.
Denjenigen Menschen, die glauben, sie müssten die Stille in der Meditation suchen, sei deshalb geraten, sich nicht darauf zu versteifen, ihre Gedanken oder Gefühle “abzustellen”, damit “es still wird”. Horche statt dessen einfach auf die Stille, die sämtliche Gedanken und Gefühle umgibt. Horche nicht auf das Motorengeräusch des Rasenmähers, horche auf die Stille.
Alltag als Übung
In der Auffassung der alten Meister ist es ein Leichtes, an einem ruhigen Ort zu meditieren, an dem möglichst viele Sinnesreizungen ausgeschaltet werden, doch diese Art der Meditation gilt als oberflächlich und unwirklich. Mitten im Getümmel einer Straßenkreuzung, eines Warenhauses oder einer kritischen Lebenssituation im Kontakt mit der Stille zu sein und aus ihr heraus zu handeln, das ist das, was die Meister als Zen bezeichnen.
Die allumfassende Stille ist identisch mit dem ursprünglichen klaren Geist (jap. mushin). Der klare Geist sieht, hört, riecht, schmeckt, fühlt, tastet und denkt, von morgens früh bis abends spät, doch er tut dabei überhaupt nichts. Das tätige Subjekt namens Ich betrachtet sich nicht mehr als Quelle und Vollstrecker der Tätigkeiten, sondern als wacher Zeuge eines natürlichen Geschehens. Dies ist der Ich-lose Zustand, von dem in der Zen-Literatur so oft die Rede ist. Es ist das “Tun im Nicht-Tun” (Wei-Wu-Wei), das die chinesischen Taoisten als das höchste Prinzip des menschlichen Handelns anstrebten. Er ist auch das Verbindungsglied zwischen der buddhistischen Meditationsschule aus Indien und dem Taoismus aus China, die beide zur Entwicklung der Zen-Schule führten.
Der ich-lose Zustand ist allen Menschen gemeinsam, er ist der Ursprung, der von keiner Religion, keiner Nation, keiner Doktrin abhängig ist. So verstanden gehört Zen allen Menschen und Völkern. Es ist eine Lebenshaltung und Lebensschulung, die geboren wird aus der natürlichen Fähigkeit des menschlichen Geistes, die konfliktuellen, oft chaotischen und unbeständigen Lebensumstände zu transzendieren.
Weisheit und Mitgefühl
Mahatma Gandhi segnete seinen Mörder, Jesus flickte das Ohr seines Häschers, nachdem es einer der Jünger im Versuch, Jesus zu verteidigen, abgeschnitten hatte; eine tibetische Nonne berichtete, dass ihre größte Anfechtung während der chinesischen Gefangenschaft darin bestand, keinen Hass gegen ihre Folterer aufkommen zu lassen. Die menschliche Geschichte ist voll von Berichten, in denen Hass mit Liebe begegnet wurde. Derartige Berichte beeindrucken uns. Denn wenn man angegriffen wird, reagiert man gewöhnlich spontan mit Angst und Abwehr, und auf Aggression antwortet man mit Aggression. Das scheint ganz normal.
Was ist das Geheimnis eines Jesus, eines Gandhi und der vielen bekannten und unbekannten Menschen, die sich konsequent weigerten und noch weigern, dem Hass und der Zerstörung zu unterliegen? Sie bewahren mitten im Alltag und auch angesichts des Todes einen klaren Blick und einen ruhigen Geist. Ihre Sorge richtet sich in erster Linie auf das Wohl ihrer Mitmenschen und nicht auf sich selbst.
Das ist die tatkräftige Anwendung dessen, was im Buddhismus als das Bodhisattva-Ideal bekannt ist: Der unumstößliche Entschluss, die Ichhaftigkeit zu überwinden und allen Lebewesen auf ihrem Weg zum wahrhaftigen Glück behilflich zu sein. In den Zen-Klöstern und Zen-Gemeinschaften erinnert man sich vor und nach jeder Meditation, vor und nach jeder Mahlzeit an dieses Gelöbnis, alle Lebewesen zu befreien.
Dabei sind allerdings nicht nur die sichtbaren Lebewesen gemeint, die diese Welt mit uns teilen. Eingeschlossen sind auch alle inneren Wesen − Götter und Dämonen in der Verkleidung von Habgier, Zorn, Angst und Unwissenheit. Sie alle führt man in der Meditation zu ihrem Ursprung zurück: in das immer-währende Samadhi, die Stille des ursprünglichen Geistes, aus dem alles geboren wird, in dem alles blüht und in das alles zurückkehrt.
Frei von Hindernissen und Angst
Wer dies verwirklicht, braucht keine Angst mehr zu haben und versteht die Worte des Herz-Sutra (Mahaprajnaparamita-Hridaya-Sutra), in dem es heisst: “Im Geiste des Bodhisattva, der in mitfühlender Weisheit (Prajnaparamita) verweilt, gibt es keine Hindernisse. Und da er frei von Hindernissen ist, hat er keine Angst. Indem er alle falschen Ansichten und Träume überwindet, verwirklicht er Nirvana …”
„Nirvana” versteht man im Zen als die endgültige Verwirklichung von unerschütterlichem Frieden durch die Auflösung jeder Ichhafigkeit und Dualität. Diese Freiheit von Angst befähigt einen, das alltägliche Leben in seiner ganzen Fülle − mit Freud und Leid, Geburt und Tod − als einen Ausdruck von Shunyata vertrauensvoll anzunehmen, hochzuschätzen und in Gemeinschaft mit allen anderen Lebewesen zu leben. Daraus erwächst der Mut und die Kraft, jeden Tag, jeden Augenblick, jede Schwierigkeit, jedes Leiden, als eine Chance zu einem Neuanfang zu erkennen und zu nutzen. Solcherart sind die Früchte echter, tiefer Meditation.
Was ist Zen-Buddhismus? – Einführung von Meister Sokei-an

Das Wesen der Zen-Meditation
