Daoismus, Chan, Zen – Eine Einführung

Der Begriff Zen ist heute weithin bekannt. Viele kennen und bewundern die Schönheit von japanischen Gärten, Tempeln, Blumenarrangements, Teezeremonien und anderen Künsten, die alle den Duft des Zen-Geistes zum Ausdruck bringen. Und in fast jeder grösseren Ortschaft gibt es mindestens ein Zendo – einen Raum der Stille, wo jedermann die Zen-Meditation lernen und praktizieren kann. Doch nur wenige wissen, dass Zen eigentlich eine spezifische Form des indischen Buddhismus in chinesisch-daoistischen Kleidern ist.

Diese Einführung skizziert in groben Zügen, wie die Philosophie des Daoismus den Nährboden bildete, auf dem der chinesische Chan-Buddhismus und der japanische Zen-Buddhismus wuchsen. Vertiefende Darlegungen werden folgen.

Die Anmerkungen, in dieser Kleinschrift geschrieben, enthalten erste ergänzende Informationen. Viele von ihnen werden später aufgegriffen.

Der Daoismus – Lehre vom Leben in Harmonie mit der Natur

Der Daoismus ist im Grunde genommen eine tiefgründige Lebenshaltung oder Lebenskunst. Seine Lehre ist in der alten chinesischen Philosophie und Kosmologie verwurzelt. Doch sie ist viel mehr als blosse Philosophie. Es ist die Lehre vom Verhalten im Einklang mit dem Dao, der grossen Natur. Wie die Natur soll der Mensch über allen Gegensätzen stehen. Und wie die Natur soll er dem Lauf der Dinge folgen, ohne an der Illusion eines Ichs zu hängen.

Diese Lehre vom Leben in Harmonie mit der Natur stützt sich auf einige Konzepte, die im folgenden kurz vorgestellt werden.

Die grundlegenden Konzepte

Das allen anderen zu Grunde liegende Konzept des Daoismus ist das von Dao und De ( auch Tao und Te geschrieben).

Dao, (道)

Das chinesische Schriftzeichen für Dao bedeutet wörtlich Weg, Pfad oder Prinzip. Gemeint ist die dynamische, fliessende Wirklichkeit, die unbenennbare, fundamentale und schöpferische Kraft des Universums.

Das Dao ist wie der leere Raum, formlos und ewig. Seine dynamische Kraft/Intelligenz erzeugt sämtliche Lebenserscheinungen, von kleinsten Sandkorn bis zum höchsten Berg, dem kleinsten Einzeller bis zum komplexen Geschöpf namens Mensch.

Das Dao ist vollkommen leer – ohne Denken, Sinneswahrnehmung oder Wollen. Deshalb entzieht es sich jeglicher sprachlichen oder symbolischen Darstellung. So wie es im Daodejing heisst:

„Das Tao, von dem man sprechen kann, ist nicht das ewige Tao…” (Siehe unten)
De, (德)

De ist die greifbare Manifestation, die lebendige Wirkung des Dao in der belebten oder unbelebten Materie. Zum Beispiel: Alle Dinge verdanken ihr Sein, dem Dao (Nicht-Sein, Leere, Formlosigkeit). Die Gestaltung der Formen und die Eigenschaften der Dinge geschieht durch De. De ist also die Manifestation der Leere als Form. Die entsprechende daoistische Formel für lautet: Aus dem Nichtsein (Dao) kommt das Sein, aus dem Sein kommt das Dasein (De).

Im Vokabular des Daoismus steht das Wort „Ding” für sämtliche Lebensformen – die materiellen, sichtbaren und de nicht materiellen, geistigen. Die Gesamtheit der für unser Bewusstsein wahrnehmbaren Welt ist in der Formel „Die zehntausend Dinge” konzentriert.

Ein Mensch zum Beispiel verändert sich ständig, aber seine grundlegende Eigenschaft (sein innewohnendes Wesen) besteht darin, ein Mensch zu sein. Dieses grundlegende „Ein-lebendiger-Mensch sein“ ist De. Dasselbe gilt natürlich für alle anderen Dinge.

Bevor der Mensch alles Existierende mit seinen dualistischen Konzepten von richtig-falsch, schön-hässlich, geistig-materiell, usw. färbt und beurteilt, ist alles einfach so, wie es ist.

Das schöpferische Spiel von Dao und De manifestiert sich durch Yin und Yang, die zwei grundlegenden Bewegungen vom Entstehen und Vergehen aller Dinge.

Yin und Yang, ☯

Im Verständnis der Daoisten bilden Yin und Yang das Spektrum der Lebensenergie, Qi oder Chi genannt. Jeder Seinszustand (jede Manifestation von De) wird durch das Gleichgewichtsverhältnis zwischen Yin und Yang bestimmt.

Yin wird am besten definiert als der empfangende, ruhende, nährende oder kühlende Aspekt von De. Yang steht für den schöpferischen, dynamischen, belebenden oder wärmenden Aspekt.

Nichts ist von Natur aus absolut Yin oder Yang. Yin und Yang sind keine getrennten, gegensätzlichen Extreme, sondern gleichwertige Aspekte des einzigen, zusammenhängenden Universums. Keines existiert ohne das andere und eins geht ins andere über – Yin wird zu Yang und Yang wird zu Yin.

Beispiele:

  • Tag und Nacht: Der Tag (Yang) geht unweigerlich in die Nacht (Yin) und die Nacht in den Tag über.
  • Atem: Beim Einatmen (Yang) senkt sich das Zwerchfell, es entsteht eine Leere im Unterleib (Yin), die Brustmuskulatur dehnt sich (Yang) und die frische Luft stört ein (Yin); beim Ausatmen, Loslassen der Spannung (Yin), spannt und hebt sich das Zwerchfell (Yang) ), die Brustmuskulatur entspannt sich, und die verbrauchte Luft stört aus (Yin).
  • Bogenschiessen: Wenn die Sehne gespannt wird (Yang), baut sich Energie auf. Wenn die Sehne losgelassen wird (Yin), entspannt sich die Sehne, die freiwerdende Energie katapultiert den Pfeil in die Luft (Yang) und dieser folgt einer natürlichen Bahn (Yin).

In der Menschenwelt symbolisiert Yin alles Weibliche und Yang alles Männliche. Und um im Einklang mit dem Dao zu leben, ist es zwingend, Yin und Yang in sich selbst zu harmonisieren.

Die Daoisten sagen: Um ganzheitlich zu leben, sollte der Mann seine Männlichkeit kennen und seine Weiblichkeit bewahren – und die Frau ihre Weiblichkeit kennen und ihre Männlichkeit bewahren. Wer in Ganzheit lebt, kehrt zu seinem Ursprung zurück: dem Zustand offenherziger Kindlichkeit.

Wu-Wei

Der Mensch, der danach strebt, im Einklang mit dem Dao zu leben – Yin und Yang in sich zu vereinen – der übt sich darin, die Dinge geschehen zu lassen und ihrem natürlichen Lauf zu folgen. Er weiss, dass die menschliche Tendenz, sich gegen die Veränderung der Dinge zu wehren, den Lebensfluss stoppt oder zumindest hemmt, was gravierende seelische und körperliche Folgen hat.

Die Daoisten nennen dieses Prinzip „Nicht-Tun“, auf chinesisch Wu-Wei.
Wu bedeutet „nein“, „nicht“ oder „Mangel an…“. Wei bedeutet „Handlung“, „Tun“ oder „Machen“.

Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Die grüne Weide biegt sich im Wind, die starke Eiche bricht.“ Die Weide symbolisiert hier die Nachgiebigkeit von Wu-Wei, die Eiche symbolisiert die Starrheit und Unnachgiebigkeit von Wei.

In daoistischen Texten findet man auch oft die Kombination Wu-Wei-Wu, auf Deutsch „Handeln ohne zu Handeln” oder „das Tun des Nicht-Tuns”

Im westlichen Denken wird Nicht-Tun leicht als Faulheit, Passivität interpretiert. Für die Daoisten ist Wu-Wei jedoch die inhärente Eigenschaft oder Tugend von Dao und damit die natürlichste Form der Aktivität. Im Bereich der Menschenwelt ist es die höchste Kunst, denn es bedeutet, ohne Hintergedanken, ohne die Einmischung des Ichs zu handeln. Die Verwirklichung von Wu-Wei erfordert höchste Sensibilität und Geistesgegenwart für das, was im Hier und Jetzt geschieht.

Beispiel aus der Zen-Praxis: Wenn man mit dem Gedanken sitzt, irgend etwas zu erlangen – Erleuchtung, einen Durchbruch – oder etwas loszuwerden, dann praktiziert man Wei. Wir kämpfen gegen uns selbst. Hört man aber auf zu „meditieren”, also nichts mehr will, sondern einfach präsent ist und atmet, praktiziert man Wu-Wei. Man ist nicht mehr „der Meditierende und „der Atmende”. Schließlich vergisst man sich selbst. Und wenn man vom Sitzkissen aufsteht, nimmt man die Dinge, wie sie sind, und tut, was gerade zu tun ist, mit ungeteilter Aufmerksamkeit.

Im Daodejing heisst es:
„Kannst du deine Seele vor Zerstreuung schützen und eins werden; kannst du deine Lebenskraft beherrschen und mit deiner inneren Klarheit und Reinheit alles durchdringen, ohne handeln zu müssen?" – Vers 10

Im vorangehenden Text wird dreimal das Daodejing zitiert. Nun ist es Zeit, diesen und einige andere Quellen vorzustellen.

Die grundlegenden Schriften

Die ununterbrochene Überlieferung des Daoismus stützt sich vor allem auf die drei Schriften, Daodejing, Dschuang Dsi und I Ging. Alle drei wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Die Übertragung dieser Texte in eine lineare Sprache war und ist immer eine große Herausforderung. Denn sie sind in chinesischen Schriftzeichen verfasst. Und diese bieten viel Interpretationsspielraum. Je nachdem, ob eine Übersetzung vom Standpunkt der Linguistik, Literaturwissenschaft Philosophie oder der Praxis gemacht wurde, gibt es unterschiedliche Nuancen und Betonungen. Daher kann keine einzelne Übersetzung für sich in Anspruch nehmen, „die korrekte und gültige” zu sein.

Daodejing – Das Buch des Alten vom Sinn und Leben

Das Daodejing (oft besser bekannt als Tao Te King) ist das wichtigste und bekannteste Werk des Daoismus. Es ist eine in 81 Verse gefasste philosophische und praktische Anleitung zum Leben in Harmonie mit dem Dao. Jeder Vers offeriert lebensnahe Beispiele für das Verständnis und die Anwendung der oben genannten daoistischen Konzepte.

Traditionell wird das Daodejing dem Weisen Laozi (Lao-tse) zugeschrieben. Historiker sehen darin eher das Werk mehrerer Autoren über einen längeren Zeitraum hinweg (ca. 4.–3. Jahrhundert v. u.Z.).

Die Silbe Jing stammt aus der Weberei und bezeichnet die straff gespannten Kettfäden, die beim Weben für Struktur sorgen. Am Beispiel des Daodejing zeigt dieses Bild, dass die Lehre von Dao und De wie Schussfäden poetisch verflochten ist. Dieses feste Gewebe dient dazu, in Worte gefasste Wahrheiten der Nachwelt in leicht verständlicher Form weiterzugeben und als Grundlage für die eigene Erkenntnis und Praxis zu dienen. Das kommt schon im ersten Vers zum Ausdruck:

Das Tao, von dem man sprechen kann,
ist nicht das ewige Tao.
Der Name, der genannt werden kann,
ist nicht der ewige Name.
Das Namenlose
ist der Anfang von Himmel und Erde.
Das Namentragende
ist die Mutter aller Dinge.
Wer wunschlos ist,
wird es in seiner Tiefe erkennen.
Wer Wünsche hat,
wird nur seine Äusserlichkeit erblicken.
Beide sind vom gleichen Ursprung;
sie tragen nur verschiedene Namen.
In ihrer Einheit sind sie ein Geheimnis –
ein unendliches Geheimnis –
das Tor zu allem Unergründlichen.

(Übers. von Thomas Kalpa, )

Zhuangzi (Dschuang Dsi) – Das Buch der wahren Überlieferung vom Ursprung aller Dinge.

Dieses Werk ist nach dem Meister Zhuangzi benannt, der im 4. Jahrhundert v. Chr. lebte. Der Text enthält wahrscheinlich sowohl Schriften von ihm selbst als auch von seinen Schülern. Er enthält viele Sprüche, Geschichten, Parabeln und Dialoge, um das daoistische Gedankengut zu veranschaulichen.

Beispiele:
„Der Verstand kann uns begrenzen oder befreien – es liegt an uns, wie wir ihn nutzen.”
„Das Leben ist wie ein Spiegel – lächle es an und es lächelt zurück zu dir.”
„Die Perfektion liegt nicht im Streben nach Vollkommenheit, sondern im Akzeptieren unserer eigenen Unvollkommenheit.”
„Das Geheimnis des Glücks liegt in der Annahme dessen, was ist, ohne danach zu streben, was sein könnte.”

I Ging – Das Buch der Wandlungen

Das I Ging ist ein alter chinesischer Weissagungstext und eines der ältesten erhaltenen Bücher der Welt. Der Text besteht aus 64 Hexagrammen. Ein Hexagramm ist eine Figur aus sechs Linien. Unterbrochene Linien stehen für Yin, durchgezogene stehen für Yang. Die verschiedenen Kombinationen der Yin-und Yanglinien ergeben ein Bild, das eine bestimmte Lebenssituation oder Konstellation des Himmels spiegelt und wird von einem Kommentar begleitet. Ihre Interpretation soll helfen, richtige Entscheidungen zu treffen und Hindernisse zu umgehen.

Auch im I Ging geht es um das daoistische Ideal, das eigene Leben mit dem Wandel der Natur in Einklang zu bringen. Es warnt davor, dass die seelische und körperliche Gesundheit leiden kann, wenn man sich dem Wandel widersetzt, seinen Lauf nicht versteht und das eigene Handeln nicht anpasst.

Traditionell stellt jemand, der nach Orientierung sucht, eine konkrete Frage – laut ausgesprochen oder leise für sich. Anschliessend ermittelt er durch einen Zufallsvorgang ein Hexagramm. Dies geschah früher durch das Sortieren von 50 Bambus-Stängeln, heute meist durch sechsmaliges Werfen von drei Münzen oder eines Würfels. Das daraus resultierende Hexagramm verweist den Nutzer auf eine bestimmte Passage im Buch. (Das 1986 erschienene Buch mit dem Titel I-ging: Das alte chinesische Orakel- und Weisheitsbuch von Peter Offermann bietet eine noch heute relevante Interpretation.)

Resümee

Lasst uns kurz zusammenfassen, was wir bisher über das Wesen des Daoismus besprochen haben:

Der Daoismus ist die Lehre von der Wechselwirkung zwischen Dao und De. Seine Heimat ist China, doch seine Lehre ist universal. Sie beruht auf der Kontemplation zeitloser Naturgesetze und deren Übertragung auf die Menschenwelt. Das Ziel der Daoisten ist pragmatisch und menschennah: Ein Leben in grtmöglicher Harmonie mit der Natur, welche Ausdruck der dynamischen Schöpfungskraft des Dao ist.

Das Dao ist die unendliche, unbenennbare Quelle des Universums. Es ist leer von jeglichen benennbaren Objekten und daher für den denkenden Geist nicht fassbar. Der Mensch kann sich dem Dao nur indirekt annähern, indem er den Weg der Grossen Natur studiert und nachvollzieht. Wer so in Harmonie mit dem Dao lebt, ist im Frieden mit sich selbst.

De ist die greifbare Manifestation, der aktive Ausdruck oder die „innere Kraft“ des Dao in einem bestimmten Wesen. Wer darauf verzichtet, die Welt ständig durch die Brille von den selbstbezüglichen Meinungen, Urteilen oder von Gewinn und Verlust zu betrachten, der sieht und akzeptiert die Dinge in ihrem Sosein. Dies erspart ihm viele Konflikte und Streit.

Yin und Yang sind die zwei komplementären Kräfte, die alle Lebensformen gestalten. Sie sind nicht absolut, sondern relativ, eines geht ins andere über. Weil dem so ist, gibt es die Welt nicht statisch.

Wu-Wei bedeutet, absichtslos zu handeln — nicht als Passivität oder Gleichgültigkeit, sondern als Zulassen, dass sich Dinge von selbst entfalten. Ein Apfelbaum zum Beispiel sagt nicht: Ich muss/will ein guter Apfelbaum sein, also muss ich mich anstrengen, um zu wachsen und schöne Früchte zu produzieren. Es geschieht von selbst, weil es das Wesen des Apfellbaums ist.

Zusammenfassend kann man sagen:

Der Daoismus lehrt uns nichts Aussergewöhnliches, nichts Esoterisches. Es ist einfach so, wie es ist: Jeder Tag ist ein neuer Tag; man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen, was gestern gut und richtig war, kann heute schlecht und falsch sein. Das Einzige, was wirklich ist, ist der ewig sich erneuernde, schöpferische Lebensfluss. In dieser Gewissheit zu leben, heisst im Einklang mit dem Dao zu handeln. Im Einklang mit dem Dao zu handeln, heisst, allen Dingen ihrem Sosein zu begegnen und sich dem natürlichen Lauf der den Geschehnissen nicht zu widersetzen.


Vom Daoismus zum Chan-Buddhismus

Der Chan-Buddhismus, kurz Chan, ist eine chinesische Tradition, die aus der Verschmelzung des indischen Mahayana-Buddhismus mit der einheimischen chinesischen Philosophie und dem Daoismus entstanden ist. Seine Entstehungsgeschichte ist eine Mischung aus historischen Fakten und überlieferten Legenden.

Der Legende nach brachte der indische Mönch Bodhidharma die buddhistische Meditationspraxis von Indien nach China. Er soll sie jahrelang gegen eine Felswand sitzend demonstriert und nur selten mit Worten erklärt haben.

Historisch gesehen hat Chan seine Wurzeln im 4. Jahrhundert, als buddhistische Texte, die sich auf Dhyana (Meditation) und Shunyata (Leerheit) konzentrierten, nach China gelangten. Die Philosophie des Mahayana-Buddhismus fand bei den Daoisten großen Anklang. Sie erkannten zahlreiche Parallelen zu ihrer vertrauten daoistischen Lehre. Vom 4.-7. Jahrhundert wuchs eine neue geistige Bewegung heran, die den Namen Chan bekam. Dabei bekamen viele Begriffe daoistisch Färbung. Das Wort Chan zum Beispiel leitet sich direkt vom Sanskritwort Dhyāna ab, hat aber nicht dieselbe Bedeutung. Wörtlich wird beides mit „Meditation” übersetzt, die Praxis bekam im Chan eine andere Note.

Erneuerungen:

Eine der Erneuerungen, die dieser Bewegung entsprangen, war die Loslösung von der indisch-buddhistischen Neigung zur Askese und zur Verneinung der Welt. Chan brachte den Buddhismus direkt zu den Menschen – in ihre Küchen, Gärten und Straßen. Der Alltag wurde zum Übungsfeld mit der Devise: Die Erleuchtung ist kein Ereignis, das in einer fernen Zukunft gesucht werden muss, wahrhaftiges Glück kommt mit der Erkenntnis der Wirklichkeit (Dao) und diese kann jederzeit und überall entdeckt werden. Herz und Geist für die große Natur öffnen.

Während der Tang-Dynastie (618-907 u.Z.) reifte Chan zu einer eigenständigen Schule des chinesischen Buddhismus heran. Diese Periode brachte viele hervorragende Meister hervor. Deren überlieferten Worte, Taten und Dialoge gehören noch heute zu den Standardwerken der traditionellen Chan- und Zen-Schulung. Dazu gehören u. a. Mummonkan, die Aufzeichnungen vom blauen Felsen (Bluecliff Record), das Hekianroku und einige mehr. (In den späteren Vorträgen dieser Serie werden wir mehr darüber erfahren.)

Die Geburts- und Reifejahre des Chan waren geprägt von intensive Auseinandersetzungen über die Integration der beiden Weisheitslehren Buddhismus und Daoismus in eine authentische Lehre und Praxis. Obwohl sich alle zu den fundamentalen Wurzeln bekannten, gab es unterschiedliche Betonungen in Bezug auf die Praxis. Dem Chan-Baum wuchsen Äste und Zweige. Zuerst entstand die sogenannte südliche Schule unter der Führung von Shenhsiu (jap. Jinshū) und eine nördliche Schule unter Führung von Huineng (jap. Eno.). Von den späteren Verzweigungen kennt man vor allem noch die Sōtō Schule, begründet von Hsin-ssu (Seigen Gyōshi), und die Rinzai Schule, begründet von Lin-chi (Rinzai) . Beide bestehen noch heute und haben sich auch in der westlichen Welt etabliert. (Mehr dazu siehe…)

Man könnte also sagen, dass durch die Verbindung von Daoismus und Buddhismus das Kind namens Chan geboren wurde. Die Mitgift der Mutter (Daoismus) war die tiefe Verbundenheit mit der großen Natur und deren namenlosen Quelle (Dao) und der Praxis von Wu‑wei. Die Mitgift des Vaters (Buddhismus) war die klare Diagnose des menschlichen Leidens (Dukkha) in den Vier Edlen Wahrheiten und der Weg zur Befreiung in der Lehre vom achtfachen Pfad und ein grosser Schatz an Sutren (überlieferte Lehrreden von Buddha) und philosophischen Kommentaren.


Vom Chan zum Zen

Im Laufe der Zeit verbreitete sich Chan auch in anderen Ländern Ostasien, wo sich seine Erscheinung den kulturellen Gegebenheiten anpasste. Besonders großen Anklang erfuhr es in Japan. Dort wurde aus Chan Zen. Auch dort gab es zwei unterschiedlich Tendenzen zu vereinigen.

Die Samurai zum Beispiel betonten und kultivierten vor allem die Geistesstärke, Furchtlosigkeit und selbstlosen Hingabe, die viele Chan-Meister und ihre Schüler charakterisierten. Diese Betonung führte zu Bildung von Klöstern und Tempeln, in denen junge Männer sich ganz dem Weg des Dao und dem Buddha-Dharma widmen konnten. Auch viele im Chan wurzelnden Kriegskünste, wie zum Beispiel Judo, Aikido, Schwertkampf, gelangten im Japan zur Perfektion.

Im Gegensatz zu den von der Welt abgeschiedenen buddhistischen Mönchsgemeinschaften in Indien, fast ausschließlich von den Gaben der Bevölkerung leben, beschränkt sich die Praxis der Zen-Mönche nicht auf die Meditation auf dem Sitzkissen, sondern schließt Arbeiten in Haus, Garten, Wald und Feld mit ein. Auch gibt es kein lebenslanges Gebot, das eine Heirat und Familiengründung untersagt. Im Gegenteil, die Geistesschulung im Kloster sollte nach einer gewissen Zeit in ein Leben in und für die Welt münden.

Parallel zur Konzentration der formellen geistigen Schulung in den Klöstern fand der Zen-Buddhismus Einzug in das alltägliche Leben der japanischen Bevölkerung. Dies ist vor allem der Naturverbundenheit und der Haltung von Wu-Wei zu verdanken, die es jedem Menschen ermöglicht, die Wirklichkeit mit dem eigenen Körper zu erfahren, wodurch der gewöhnliche Alltag zum Übungsraum wird.

Aus diesem „Alltagszen” entwickelten sich selbstständige Wege und Künste, wie zum Beispiel der Teeweg, der Blumenweg (Ikebana), der Weg der Gartenkunst und vieles mehr. Es gibt wohl keinen Bereich des japanischen Alltags, der nicht vom Duft des Zen parfümiert wird.

Fazit

Wir haben nun gesehen, wie sich die Weisheitslehre des chinesischen Daoismus mit der Weisheitslehre der indischen Meditationsschule des Mahayana-Buddhismus verbunden hat. Aus dieser Verbindung entstand der Chan-Buddhismus mit seinen charakteristischen Merkmalen der Naturverbundenheit und Alltäglichkeit. Der Chan-Buddhismus seinerseits war der Geburtshelfer für den Zen-Buddhismus.

Auch wenn die Namen und Praktiken dieser „Buddhismen” variieren, sie verkünden alle die gleiche Wahrheit und weisen einen Weg, um diese Wahrheit selbst zu erkennen und im eigenen Leben zu verwirklichen. In Worte gefasst lautet sie:

Jeder Mensch trägt in sich das eine, voll erwachte Gewahrsein. Es ist der Geist, der, achtsam im gegenwärtigen Moment, frei von begrifflichem Denken, die Wirklichkeit in ihrem Sein spiegelt – ohne etwas festzuhalten oder wegzudrängen.

Ausblick

In den nächsten Folgen dieser Serie werden die wichtigsten Lehren des Daoismus, die in die Lehre und Praxis des Zen-Buddhismus eingeflossen sind, vertieft betrachtet. Dazu gehören die zeitlosen Prinzipien von:

Yin und Yang – die Universalkraft, Tai-chi
Übergegensätzlichkeit –
Himmel, Erde, Mensch
Wei-Wu-Wei – Handeln ohne zu handeln
Das Prinzip der Leerheit
Erscheinung und Wirklichkeit

Daoismus, Chan, Zen – Eine Einführung

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