Wissen, was man tut

Wochenretreat 2026, 1. Tag

Einleitung

Der erste Vortrag umkreist die Frage: Wie gelingt kraftvolle Praxis, wenn alles vertraut und eingespielt ist? Er lädt ein, die „alten Kleider“ der Erwartungen, Vergleiche und Vorgeschichten abzulegen und – als Sangha – getragen von Dai-e Zenjis Versprechen, sich ganz dem Buddha-Weg hinzugeben. Ein Blick auf die Schulung in traditionellen Zen-Klöstern zeigt, woran sich auch eine Laiengemeinschaft ausrichten kann.

Guten Morgen.

Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Und einmal mehr sind wir zusammengekommen, um uns eine Woche lang im Schweigen und in geistiger Sammlung der Lehre und Praxis der Zen-Meditation zu widmen.

Und soeben haben wir zur Einstimmung den gemeinsamen Text Dai-e Zenjis Versprechen zum Erwachen gelesen. In den meisten deutschen Übersetzungen heißt er „Dai-e Zenjis Gelübde zum Erwachen“. Wie ich mir habe sagen lassen, bedeutet das dem Text zugrunde liegende Wort (jap.sei) schlicht „feierliches Versprechen“. Deshalb benutze ich im Folgenden „Versprechen zum Erwachen“.

Der Text beginnt mit den Worten:

„Unser einziges Versprechen ist es, uns in der Entschlossenheit zu festigen, uns vollkommen dem Buddha-Weg hinzugeben, so dass keine Zweifel aufkommen, wie lang auch immer der Weg erscheinen mag.“

Ja, darum geht es, meine lieben Leute: Unser einziger Wunsch – und die Motivation für dieses Retreat – sollte es sein, unser Verständnis für das Wesen der Zen-Praxis zu vertiefen. Auch wenn für viele von uns einige ungestörte Tage in der Stille, eine Pause vom hektischen Berufs- und Familienleben, im Vordergrund stehen mögen – es geht doch um viel mehr.

Alte Kleider

Wir kommen nun schon zum zehnten Mal in dieses Seminarhaus, das einst eine Mühle war. Ich vermute, es geht den meisten von euch wie mir: Es ist, als schlüpfe man in ein bekanntes Kleid. Man kennt jeden Winkel, stößt überall auf Erinnerungen an frühere Meditationswochen. Kaum jemand ist ganz neu hier. Man hat den Koffer ausgepackt, die mitgebrachten Besitztümer in den vertrauten Regalen oder Schubladen verstaut und den Meditationsraum – unser Zendo – im Nu für unsere Bedürfnisse umgestaltet. Alles wie gehabt: Wir haben uns wieder eingerichtet.

Doch was geschieht eigentlich, wenn man hier in dieses Haus kommt und gleichsam in ein altes Kleid schlüpft? Für die einen ist es vielleicht recht bequem, für die anderen eher eng. Jedenfalls: Man kennt es schon. Aber immerhin – man tut es freiwillig, immer wieder. Niemand zwingt uns dazu.

Schauen wir genauer hin. Ist es nicht so: Wenn man in ein altes Kleid schlüpft, schlüpft man in die Domäne der Erinnerungen? In das, was man schon kennt. Alle einmal getragenen Kleider haben eine Vorgeschichte.

So ist es auch mit allen Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen, die wir für diese Woche im Gepäck mitgebracht haben: Sie haben eine Vorgeschichte.

Und man erwartet – mehr oder weniger bewusst, meistens völlig unbewusst –, dass sich diese Vorgeschichte wiederholt. Oder man denkt: Hoffentlich wiederholt sie sich nicht! Beides sitzt in der Vorgeschichte. Denn Vorgeschichten werden zu Erinnerungen, und Erinnerungen werden zu Gewohnheiten. Wir bauen unser Leben jeden Tag neu auf Gewohnheiten.

Fallstrick: Gewohnheiten

Gewohnheit, Gewohnheit, Gewohnheit – wo man hinschaut. Wir besitzen für jede Situation – Arbeit, Freizeit, Festlichkeiten, Sport und selbst für die Meditation – ein passendes Kleid.

Schon in der kurzen Zeit, in der wir jetzt hier sind, zeigt sich an jeder Ecke Gewohnheit. Wo ich sitze und wie ich sitze – im Zendo, am Esstisch –, in welchem Zimmer ich schlafe – nichts Neues auf dieser Welt!

Es ist nichts falsch an der Gewohnheit! Aber sie ist ein riesiger Klotz am Bein. Sie macht den Geist schläfrig, träge und unaufmerksam. Und deswegen kann es sein, dass wir jahrelang Sesshins machen – jahrelang – und sich eigentlich nichts ändert.

Die Gewohnheiten werden vielleicht ein bisschen spiritueller oder ein bisschen „zenischer“. Wir werden von Mal zu Mal ein bisschen routinierter, geben uns weniger Blößen. Aber das kommt nicht selten mehr aus der Angst, keinen Fehler zu machen, als aus einem tatsächlichen Sinneswandel.

Machen wir uns nichts vor.

Die Sangha als Familie

Wir sagen oft: Wir sind wie eine Familie. Auch ich habe das schon gesagt: Ihr seid meine Familie. Aber ich bin nicht eure Mutter, und Robert ist nicht euer Vater.

Wir alle haben eine gemeinsame Mutter und einen gemeinsamen Vater. Und wer ist das? Wer ist unsere gemeinsame Mutter, unser gemeinsamer Vater?

Jemand sagt: „Mutter Erde und Vater Himmel!“

Ja, so wird es sehr oft gesagt: Himmel und Erde sind unser Vater und unsere Mutter. Das ist insofern wahr, als wir Menschen ausnahmslos aus der Verbindung von Mann und Frau geboren werden. Dabei wird das männliche schöpferische Prinzip dem Himmel zugeordnet – der Vater Himmel –, das weibliche der Erde – die Mutter Erde.

Im übertragenen Sinn heißt es oft: Die Mutter ist das Herz, der Vater ist der Geist, der Verstand. Zusammen bilden sie den Herz-Geist – im Japanischen ein einziges Wort: shin.

(Die dualistische Ansicht, die in vielen Kulturen vorherrscht, wird im Buddhismus in Frage gestellt. Im Taoismus, der auch großen Einfluss auf die Zen-Lehre hatte, ist das letztendliche schöpferische Prinzip – das Tao – nicht dualistisch und nicht gedanklich fassbar. Und der Buddhismus spekuliert nicht über einen überirdischen Schöpfer, sondern sieht die ganze Existenz als einen andauernden Prozess von Werden und Vergehen.)

In normalen menschlichen Familien ist diese Einheit von Vater und Mutter oft nicht gegeben. Vater und Mutter sind zwei verschiedene Gestalten, die das Familienleben prägen. Manchmal werden die beiden gegeneinander ausgespielt. Manchmal hasst man den einen und liebt den anderen – oder man hasst vielleicht beide. Dann liebt man sie wieder. Jedes Kind sucht die Aufmerksamkeit von Mama und Papa und achtet sehr eifersüchtig darauf, wie diese unter den Geschwistern aufgeteilt wird. Das ist das Spiel in der normalen Familie.

Die Vielfalt der einen Natur

In der Sangha-Familie soll dieses Spiel nicht gespielt werden. Wir sollten uns dessen bewusst sein: Unsere wahre Natur ist der eine universelle Geist. Dieser eine Geist äußert sich in unzähligen Formen – das zeigt sich nicht nur in der Vielfalt der Lebewesen, sondern auch in der Persönlichkeit jedes einzelnen Menschen.

Was heißt das für das Leben in der Sangha – wessen Geist bringen wir dann ins Zendo?

Versteht es sich nicht von selbst, dass es in der Gemeinschaft von Menschen, die um ihr wahres Wesen wissen, absolut keinen Platz gibt für Rivalitäten, für Vergleiche, für Ressentiments, für Neid oder Ähnliches? Bringen wir unsere persönlichen Hang-ups aus unserer weltlichen Familie ins Zendo mit, belastet dies die ganze Sangha.

Die Vielfalt der einen Natur

In der Sangha-Familie soll dieses Spiel nicht gespielt werden. Wir sollten uns dessen bewusst sein: Unsere wahre Natur ist der eine universelle Geist. Dieser eine Geist äußert sich in unzähligen Formen – das zeigt sich nicht nur in der Vielfalt der Lebewesen, sondern auch in der Persönlichkeit jedes einzelnen Menschen.

Was heißt das für das Leben in der Sangha – wessen Geist bringen wir dann ins Zendo?

Versteht es sich nicht von selbst, dass es in der Gemeinschaft von Menschen, die um ihr wahres Wesen wissen, absolut keinen Platz gibt für Rivalitäten, für Vergleiche, für Ressentiments, für Neid oder Ähnliches? Bringen wir unsere persönlichen Hang-ups aus unserer weltlichen Familie ins Zendo mit, belastet dies die ganze Sangha.

Offenheit und Großmut

Können wir uns trotz unserer langjährigen Bekanntschaft – dank der wir voneinander viele Stärken und Schwächen kennen – immer wieder neu, offen und großmütig begegnen? So, als ob wir uns nicht kennen würden?

Eine solche Offenheit ist nicht selbstverständlich – und sie ist herausfordernd. Leben wir doch alle in einer Gesellschaft, in der die Individualität das höchste Gut zu sein scheint und die daraus entstehenden Konflikte in Kauf genommen werden: von der Familie über den Arbeitsplatz bis zum Straßenverkehr. Wir sind ständig mit uns selbst beschäftigt: Was denken andere von mir? Welche Stellung nehme ich in der Gesellschaft ein?

Es ist aber auch normal und natürlich, dass man sich zu den einen Menschen mehr hingezogen fühlt als zu den anderen. Die meisten Sympathien und Antipathien beruhen auf nonverbalen, unbewussten Faktoren. Worte gehören allerdings auch dazu – aber ihre Auslegung geschieht unbewusst. Man fühlt sich vielleicht verstanden oder missverstanden. Wichtig sind auch Gesten und Blicke. Wie das Sprichwort sagt: „Blicke können töten.“

Auch Vergleiche und persönliche Selbstdiagnosen gehören in das Reich der Gewohnheiten: „Ich bin ein bisschen anders als die anderen.“ „Ich bin ein bisschen weiter als die anderen.“ „Ich bin ein bisschen weniger wert als die anderen.“ „Ich bin ein bisschen geplagter als die anderen.“ „Ich bin ein bisschen besser als die anderen.“ „Ich kann mir ein bisschen mehr erlauben als die anderen.“

Solange wir in diesen unbewussten Reaktionsmustern verharren, senden wir unaufhörlich geistige Wellen aus: von Ja und Nein, von Liebe und Hass. Aber es ist vielleicht nicht allen klar, dass das in einem Zendo äußerst fatal ist.

Das Verbindende

Was ist denn dieser Geist, der uns trotz aller Verschiedenheiten verbindet? Was ist es, das uns hier zusammenführt und als Sangha zusammenhält?

Im Verständnis des Zen-Buddhismus ist es das Dharma, die Lehre der großen transzendenten Weisheit, Prajna. Es ist die Potenz zum geistigen Erwachen und zu einem Leben in Harmonie mit der großen Natur. Sie ist es, die uns auf verschiedenen Wegen auf diesen Weg geführt hat.

In der Praxis ist es das Versprechen, uns in der Entschlossenheit zu festigen, uns vollkommen dem Buddha-Weg hinzugeben, wie lang auch immer der Weg erscheinen mag.

Das soll auch in dieser Woche und danach unsere Ausrichtung sein – nur das!

Die Weisheit der universellen Natur

Die ganze Lehre und Praxis des Buddhismus beruht auf der Überzeugung, dass sämtliche Lebewesen von der universellen Natur, der Buddhanatur, durchdrungen werden. Sie ist ein intuitives Wissen, das jedem Lebewesen „zeigt“, wie es in Harmonie mit seinen Lebensumständen leben kann.

Was zeigt denn die Natur all den Lebewesen, die sich gegenseitig auffressen, unterschiedliche Sprachen haben, unterschiedliche Territorien, unterschiedliche Nahrung, unterschiedliche Vorlieben und Abneigungen?

Soziale Kompetenz von Katzen

Robert und ich können diesbezüglich viel von unseren zwei Katern lernen. Auch sie sind wie Geschwister, die sich gegenseitig nicht ausgesucht haben… (Augenzwinkern.)

Sie fauchen sich ab und zu an, sind manchmal eifersüchtig und feindselig. Aber wenn sie aneinandergeraten sind und sich angefaucht haben, ist das schnell vorbei. Schon bald können sie wieder nebeneinander futtern oder auf der gleichen Couch liegen. Offensichtlich haben sie gelernt, sich vorsichtig zu begegnen und, wenn nötig, geschickt aus dem Weg zu gehen.

Da bleiben keine Ressentiments zurück, kein Hass – aber auch keine sentimentale, parteiische Liebe. Man lebt so zusammen, dass alle ihren Platz haben und zu ihrem Recht kommen.

Der Buddha-Weg

Die Natur sagt doch nicht: Ich habe dich lieber und dich weniger gern. Die Natur tanzt mit allen, lässt alles gelten, hat keine Meinungen und fällt keine Urteile. Nur wir Menschen machen das. Das ist der Weg der Natur.

Allen und allem unvoreingenommen zu begegnen – das heißt, im Einklang mit der großen Natur, dem Tao, zu leben.

Sollten wir uns diesen Weg der Natur nicht zu eigen machen und ihre Weisheit in uns erwecken? In Wertschätzung für das, was jedes von uns von unserer Mutter und unserem Vater in die Geburt mitbekommen hat? Für das, was man ist – und so, wie man ist? Warum dieses dauernde Selbstbewerten: Ich bin dies, ich bin jenes? Warum nicht einfach Wertschätzung haben für dieses enorme Leben, das einem gegeben ist? Davon möchte ich mehr sehen – im Zendo, in der Sangha und in der Gesellschaft.

Sei gewahr

Aber das braucht Bewusstsein. Man muss erst einmal merken, was in einem selbst vorgeht. Mit anderen Worten: Es braucht Achtsamkeit – nicht auf das, was die anderen tun und denken, sondern darauf, was man selber tut und wie man es tut. Das ist das Grundgesetz, das A und O der Zen-Praxis.

In einer Sangha-Familie soll es uns gar nicht interessieren, was die anderen von uns denken – und auch nicht, was wir über sie denken. Es soll uns nicht interessieren, wie die anderen praktizieren. Ich bin ganz und gar dafür verantwortlich, was ich selber tue: welche Gedanken ich pflege, wie ich mich bewege und so weiter. Kurz: Ich bin dafür verantwortlich, wie viel ich zur Stille und Harmonie des Sangha-Lebens und der Meditation beitrage.

Deswegen zählt in dieser Woche nichts anderes als das eine Gebot: Sei gewahr! Wisse, was du tust und wie du es tust. Von morgens früh bis abends spät. Erkenne in dir das, was die Wahrheit kennt und dir in der Stille antwortet. Es ist nicht dein dualistisches, egozentrisches Denken.

Wie aber übt man das – dieses stetige Gewahrsein, mitten in einer Welt voller Meinungen?
Die Zen-Klöster haben dafür seit Jahrhunderten einen Rahmen entwickelt. Ein Blick dorthin zeigt, worum es auch bei uns geht.

Geistesschulung im Kloster

Die geistige Schulung in einem Zen-Kloster beruht auf den Prinzipien: Bescheidenheit, Ernsthaftigkeit, Gleichheit und Disziplin. Alles andere – der ganze Weg – entfaltet sich auf diesem Boden.

Bescheidenheit

Die klösterliche Zen-Praxis beginnt mit der Bescheidenheit. Egal, wie alt man ist, wie klug, wie erfolgreich im Berufsleben oder wie vermögend: Wer als Neuling in ein Zen-Kloster aufgenommen wird, hat seinen Platz am untersten Ende der klösterlichen Hierarchie. Es wird einem nichts erklärt, niemand kümmert sich um die Schmerzen und seelischen Nöte, denen man ausgeliefert ist. Man ist angehalten, den Mund zu halten und alles schweigend durch Beobachtung zu lernen. Das klingt hart – und es ist auch hart.

Das sehe ich auch bei unseren Schweigewochen. Viele Menschen empfinden es anfangs als große Zumutung und fühlen sich als Person missachtet, wenn sie nicht jederzeit ihre Meinung äußern können und sich selbst überlassen werden. Doch mit der Zeit lernt man gerade das Schweigen sehr zu schätzen. Denn es gibt allen viel Raum für die innere „Arbeit“ und schützt vor unerwünschter Ablenkung.

Ernsthaftigkeit

Im Kloster kann es Wochen dauern, bis man zum ersten Mal zur formellen Begegnung mit dem Meister, zum Sanzen, zugelassen wird. Doch ist man einmal als Schüler oder Schülerin akzeptiert, gibt es kein Zurück mehr. Man stellt sich der Begegnung von Angesicht zu Angesicht, ob man will oder nicht, ob man etwas zu sagen hat oder nicht. Da bleibt keine Zeit, sich mit vermeintlichen Erkenntnissen zu brüsten oder philosophische Fragen zu stellen. Wenn man den Raum betritt, „sieht“ der Lehrer sofort, in welcher Geistesverfassung man ist – und antwortet darauf vielleicht mit einer Frage, einem Wort, einer Geste. Oder gar nicht.

Man lernt, auf sich selbst gestellt zu sein und dem eigenen Geist zu vertrauen.

Gleichheit

In einem Zen-Kloster tragen alle die gleichen Kleider: eine Kutte für den Winter, eine für den Sommer, dazu einheitliche Arbeitskleidung. Im Zendo und bei den Mahlzeiten bewegen sich alle unisono. Eine Glocke ruft zum Sitzen – ding –, zum Aufstehen – ding –, zum Verbeugen – ding –, zum Gehen – ding. Diese nichtsprachlichen Anweisungen durchziehen den ganzen Tag, vom Moment der Tagwache bis zur nächtlichen Ruhepause.

Disziplin

Wenn man diese fast militärisch anmutende Disziplin versteht, ist sie eine unschätzbare Hilfe, um in jedem Moment gesammelt zu sein und sich nur auf das zu konzentrieren, was gerade ansteht. Man braucht nichts zu planen, kann nirgendwo hängen bleiben. Der Geist wird still und hellwach.

Mit der Zeit etabliert sich diese Stille und Wachheit; sie manifestiert sich als der sprichwörtliche Zen-Geist. Dieser wache Geist ist wie eine richtig gespannte Saite eines Streichinstruments: nicht zu schlaff, nicht zu straff. Zupft man sie nur leicht an, bringt ihre Schwingung einen Klang hervor.

Missverstandene Disziplin

Wenn man die Disziplin in einem Kloster oder in einem Zen-Sesshin nicht versteht und nur blind mitmacht, weil man halt keine andere Wahl hat, dann wird man zu einem mehr oder weniger gut programmierten Roboter. Von außen gesehen verhält man sich perfekt und fehlerlos. Aber das Herz ist nicht dabei, der Geist erfährt keine Transformation. Man bildet sich vielleicht sogar ein, ein echter Zen-Meister zu sein. Und (noch) blinde Novizen oder Laien fallen darauf herein.

Auch dafür gibt es in der Überlieferung viele Beispiele. Es ist einer der Gründe, warum die Zen-Schule so großen Wert darauf legt, dass Adepten immer unter der strengen Aufsicht eines echten Lehrers üben und ihre „Erfahrungen“ auf Herz und Nieren geprüft werden.

Plötzliche Erleuchtung

Die Zen-Literatur ist reich an Geschichten von Mönchen, Nonnen, aber auch von Laien, die in Momenten vollkommener Geistesstille und Wachheit eine sogenannte „plötzliche Erleuchtung“ erlangten. Der Begriff steht für eine plötzliche tiefgreifende Einsicht. Es geht einem im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht auf – „Oh!“ oder „Aha, so ist das!“ In einem solchen Moment gibt es keinen Zweifel. Im Gegenteil: Es herrscht eine durchdringende Gewissheit. Oft ist damit eine alles umfassende – aber vorübergehende – Freude und Ergriffenheit verbunden. Solche Einsichten dürfen allerdings nicht mit Buddhas Erleuchtung verwechselt werden – dem „unübertroffenen, vollkommen rechten Erwachen“ (Skr. anuttarā samyaksaṃbodhi).

Zu Beginn dauern solche Erlebnisse meist nur den Bruchteil einer Sekunde. Doch wenn man kein Theater daraus macht und vertrauensvoll weiter übt, häufen sich solche „kleinen Erleuchtungen“. Das Vertrauen in den eigenen Geist nimmt zu, und irgendwann etabliert sich – ohne dass man es merkt – die natürliche Klarsicht eines Menschen, der zu seinem wahren Wesen gefunden hat.

Wenn es so weit ist, kann man viele verschiedene Kleider tragen, unterschiedliche Rollen annehmen und in der Welt so wirken, wie es den eigenen Veranlagungen und Fähigkeiten entspricht.

Aus einem Guss

Wir sind hier nicht im Kloster und leben nicht wie Mönche und Nonnen. Aber Bescheidenheit, Ernsthaftigkeit, Gleichheit und Disziplin sind keine klostereigenen Gebote. Sie beginnen im Kleinen: im pünktlichen Erscheinen im Zendo, im stillen Zusammenwirken, im Verzicht auf die imaginären Geschichten, die man insgeheim über sich selbst oder über andere erzählt.

Was mir von meinen Aufenthalten in traditionellen Zen-Klöstern geblieben ist, ist die große geistige Kraft und Dynamik, die ich in diesen Gemeinschaften erlebt habe. Auch wir haben das schon oft erfahren, wenn wir über eine gewisse Zeit hinweg zusammen meditiert haben: Es ist, als bestünde die Gemeinschaft aus einem Guss – ohne dass dabei die Individualität der einzelnen Beteiligten verloren ginge.

Damit dies auch in dieser Woche geschehen kann: Lasst uns die alten Kleider an den Haken hängen – samt den Erwartungen, Vergleichen und Vorgeschichten, die in ihren Taschen stecken. Lasst uns die gewohnheitsmäßigen Vorlieben und Abneigungen ablegen und einander in Stille und Achtsamkeit unterstützen.

Dai-e Zenjis Versprechen, sich mit Entschlossenheit ganz dem Buddha-Weg zu widmen, ist ab jetzt unsere Ausrichtung – nicht als fromme Worte, sondern in jedem einzelnen Atemzug.

Sei gewahr – und wisse, was du tust. Von morgens früh bis abends spät.

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