Wochenretreat 25, 5. Tag und Schluss
Zwischenhalt und Fragen zur Praxis – Heute ist der 5. Tag unserer diesjährigen Dharmareise. Es ist höchste Zeit für einen Boxenstopp und die Konsolidierung unserer Non-stop-Praxis. Bei dieser Gelegenheit sind auch Fragen willkommen.
Boxenstopps sind ein fester Bestandteil von Auto- oder Motorradrennen. Dabei halten die Rennfahrer kurz in der Boxengasse an, wo Mechaniker bereitstehen, um ihre Maschinen aufzutanken, Räder zu wechseln, kleine Reparaturen durchzuführen und eventuell mechanische Einstellungen zu ändern. Ein schneller und effizienter Boxenstopp kann das Ergebnis des Rennens positiv beeinflussen.
Ich denke, so ein kurzer Halt könnte auch für uns ganz nützlich sein, um zu reflektieren: Wo stehen wir auf unserer geistigen Abenteuerreise? In welchem Zustand ist unser Fahrzeug? Was braucht es, um die Reise möglichst ohne Panne weiterzuführen?
Rückblick
Ziel und Zweck der Reise
Anfangs der Woche orientierten wir uns über den Reiseplan bzw. das Curriculum der Zen-Schule. Die Ausrichtung dieser Schule ist eigentlich sehr einfach: Es geht darum, die tief sitzenden Widersprüchlichkeiten unserer Gedanken- und Gefühlswelt zu erkennen und zu überwinden, sodass unser Handeln nicht dauernd der natürlichen Weisheit unseres Geistes und Herzens widerspricht. Man nennt diese Kompetenz «Rechte Sicht» und «Rechtes Handeln». (Siehe Der Edle Achtfache Pfad)
Das ist aber keine Sache, die sich erst in irgendeiner fernen Zukunft verwirklichen wird. Wir sind gerade jetzt unterwegs, wobei jeder Moment, jede Bewegung für den weiteren Verlauf der Reise mitentscheidend ist.
Man kann sich das wie bei einer Autofahrt vorstellen. Die Person am Steuer sollte nicht nur die Funktionen ihres Fahrzeugs gut kennen und wissen, wohin die Fahrt gehen soll. Sie muss auch in jedem Augenblick genau darauf achten, was sie tatsächlich tut. Denn die kleinste Bewegung des Steuerrades entscheidet, in welche Richtung die Fahrt im nächsten Augenblick geht.
Es wäre allerdings gefährlich, wenn die Augen dabei auf das Steuerrad fixiert wären. Im Gegenteil, der Blick ist über das Fahrzeug hinaus in die Ferne gerichtet. Gegenwart und Zukunft sind eins.
Doch in was für einem Fahrzeug sind wir hier unterwegs?
Das Fahrzeug
Man könnte sagen, dass wir hier in einem sehr grossen und geräumigen Fahrzeug sitzen. Es hat sich seit rund zweitausend Jahren bewährt und wurde im Laufe dieser Zeit immer weiter entwickelt.
«Grosses Fahrzeug» heisst auf Sanskrit Mahāyāna. Und im Buddhismus steht der Begriff Mahayana für die tiefste Lehre des vollkommenen erleuchteten Buddhas.
Diese Lehre umfasst eine breit gefächerte Fahrzeugflotte unterschiedlicher Prägungen. Das Modell, mit dem wir unterwegs sind, heisst «Zen». Wie ihr wisst, ist Zen eine Variation von Chan und Chan ist eine Variation von Dhyāna. Alle diese Begriffe bedeuten Meditation. Wobei Meditation hier die ganze buddhistische Praxis von «Studieren-Kontemplieren-Meditieren» umfasst.
Das heisst, wir befinden uns im Vehikel der buddhistischen Lehre, die uns zeigt, wie man mit Hilfe des eigenen Geistes den Weg aus dem Dickicht und Tumult des menschlichen Daseins finden und in friedvoller Beziehung mit sich selbst und den Mitlebewesen leben kann.
Es stellt sich nun noch die Frage, welche Art Brennstoff dieses Fahrzeug benutzt.
Die Energie
Was meint ihr, welche Art von Energie ermöglicht es uns überhaupt, diese geistige Reise zu machen? …
Eines kann man mit Sicherheit sagen: Ohne unseren Körper gibt es keinen Geist. Und das, was beides belebt, ist die nie versiegende Energie von Himmel und Erde – Luft, Nahrungsmittel, Wasser. Wenn wir nichts zu essen und zu trinken haben – wenn wir den Körper nicht richtig ernähren können – dann können wir auch kaum klar denken und meditieren. Manche von euch haben dies in Zeiten schwerer Krankheiten oder unter seelischer Not bereits erfahren.
Damit wir unser Fahrzeug richtig steuern können, müssen wir also unserem Körper und Geist den richtigen Treibstoff zuführen. Wenn wir nicht achtsam sind und den Tank mit irgendwelchem billigen Fusel füllen und alles mögliche Zeug in uns hineinfressen – materiell und mental – dann werden beide entsprechend geschwächt.
Aus diesem Grund sollten wir sehr dankbar sein dafür, dass hier in diesem Haus, mit soviel Wissen, Achtsamkeit und Liebe für uns gekocht wird.
Der Ausgangspunkt
Angefangen hat die Dharmareise mit der zentralen Aussage des Herz-Sutras:
«Der Bodhisattva Avalokiteshvara, in tiefster Weisheit versenkt, sah deutlich, dass die fünf Skandhas ihrem Wesen nach leer sind. … Form ist Leere, Leere ist Form.»
Zur Erinnerung: Die fünf Skandhas sind die Bausteine unserer alltäglichen Erfahrung: 1. Form/Materie, 2. Empfindung/Gefühle, 3. Denken/Entscheiden, 4. Mentale Tendenzen/Willensäusserungen, 5. Das gewöhnliche, von den Sinnen abhängige Bewusstsein.
Wo stehen wir jetzt? Sind wir der Bedeutung dieser Worte etwas näher gekommen? Haben wir ein besseres Verständnis dafür gewonnen? Nicht nur intellektuell, sondern auch gefühlsmässig, existentiell? – Das kann natürlich nur jeder für sich selber beantworten.
Worte lernen und «Verlernen»
Wir Menschen lernen die Gesetze der Menschheit und der Natur in der Regel zuerst durch Worte kennen. Aber Worte sind immer nur ein Echo einer Erfahrung und nicht die Wirklichkeit selbst.
Nehmen wir als Beispiel ein Kinderbuch, indem verschiedene Tiere abgebildet sind. Eine erwachsene Person zeigt auf ein Bild und sagt: «Schau, das ist ein Hund.» Und der Hund macht ‹Wau-wau›. Das Kind merkt sich das und sagt beim nächsten Mal angesichts des Bildes oder eines Hundes auf der Strasse: «Hund – Wau-wau» oder kurz: «Das ist ein Wau-wau.» Das Bild und die Worte haben sich ihm tief eingeprägt.
Doch einmal, bei einem anderen, ähnlichen Bild, sagt die erwachsene Person: «Nein, das ist kein Wau, das ist eine Katze und die macht ‹Miau›.»
Was lernt das Kind in diesem Fall zuerst kennen, die Worte «Katze» und «Hund» oder die Erfahrung der Lebewesen selbst. Weiss es zuerst den Namen oder wie sich das entsprechende Wesen anfühlt, wie es bellt oder miaut und lebt?
Sobald wir die Welt durch gelernte Worte und Begriffe definieren, leben wir in einer Vorstellungswelt. Wenn wir die Wirklichkeit selbst erfahren möchten, müssen wir uns von diesen Vorstellungen wieder lösen. Das gilt auch für das Herz-Sutra.
Praktisch heisst das, wir müssen die Worte und Vorstellungen sozusagen bis zu ihrer Quelle der wortlosen Erfahrung «zurückbuchstabieren». Man kann dies tun, indem man die Konzepte studiert, sich in die Worte vertieft (kontemplieren) und schliesslich den Sprung in die Wortlosigkeit macht (meditieren). Oder, was nur wenigen Menschen gelingt, man kann die Worte und die damit verbundenen früheren Erfahrungen/Erinnerungen radikal ignorieren und konsequent im Hier und Jetzt leben. Dann gibt es keine Idee von Vergangenheit und Zukunft und natürlich auch keine entsprechenden Sorgen.
Diese sorgenlose Gegenwärtigkeit war uns allen in der frühen Kindheit zu eigen, allerdings völlig unbewusst. Denn das ist unsere Urnatur. Doch mit der Entwicklung der mentalen und sprachlichen Fähigkeiten wurde sie von der gegenständlichen Begriffswelt überdeckt.
Worte als Brücke vom Unwissen zum Wissen
Die Urnatur ist jedoch nicht verloren, sie kann gar nicht verloren sein. Es gilt lediglich, sie zu entdecken und freizulegen. Das ist der Transformationsprozess des ursprünglichen «schlafenden» Unwissens zum ursprünglichen «erleuchteten» Wissen.
Daiō Kokushi, (Nanpo Shōmyō), ein Zen-Meister, der im 13. Jahrhundert u.Z. lebte, sagte es so (Die Bemerkungen in Klammern stammen von mir):
«Es gibt eine Wirklichkeit, die vor Himmel und Erde steht. Sie hat keine Form, geschweige denn einen Namen.
Augen können sie nicht sehen, lautlos ist sie, nicht wahrnehmbar für Ohren.
Geist oder Buddha zu nennen, entspricht nicht ihrer Natur. Wie das Trugbild einer Blume wäre sie dann.
Nicht Geist, nicht Buddha ist sie. (Also nicht die Worte.)
Vollkommen ruhig erleuchtet sie in wunderbarer Weise. Nur mit dem klaren Auge ist sie wahrnehmbar.
Das Dharma ist sie, wirklich jenseits von Form und Klang. Das Tao ist sie und Worte haben nichts mit ihr zu tun.
(Jetzt kommt der springende Punkt:) In der Absicht, Blinde anzuziehen, liess Buddha seinem goldenen Munde spielerische Worte entspringen. Seitdem sind Himmel und Erde überwuchert mit dichtem Dornengestrüpp.
Oh, meine lieben und ehrenwerte Freunde, die ihr hier versammelt seid. Wenn ihr euch danach sehnt, die donnernde Stimme des Dharma zu hören, gebt eure Worte auf; entleert eure Gedanken, dann kommt ihr soweit, das eine Sein zu erkennen.»
Ab und zu hört man die leicht spöttische Bemerkung: «Hätte der Buddha doch geschwiegen, dann hätten wir das Problem mit den Worten nicht. Stattdessen haben wir nun dieses Dornengestrüpp von Sutras und Abhandlungen über etwas, das sich mit Worten nicht erfassen lässt.»
Ja, warum hat der Buddha nicht geschwiegen? Warum hat er sich überreden lassen, seine wortlose Erkenntnis immer wieder neu zu erklären? Und warum wurden und werden diese in so viele Sprachen übersetzt? Was wäre, wenn er das nicht getan hätte, wenn auch wir keine Ahnung davon hätten?
Wie Daiō Kokushi sagt: Es war seine «Absicht, Blinde anzuziehen…», unsere angeborene Buddha-Natur strebt danach, aufzuwachen; es ist etwas in uns, das will, dass wir aufhören, blind herumzuirren. Das ist dieses fundamentale Mitgefühl, das uns Menschen leitet und begleitet.
***
Fragen aus der Sangha
Im Herz-Sutra heisst es: «In der Leere gibt es keine Erkenntnis.» Aber weiter unten steht: «Alle Buddhas der Vergangenheit und Zukunft stützen sich auf Prajnaparamita und gelangen dadurch zur höchsten, vollkommenen Erkenntnis.» – Ist das nicht ein Widerspruch? Wie soll man das verstehen?
Agetsu (A): Das ist eine gute und tiefgründige Frage. Es freut mich, dass sie endlich gestellt wird, nachdem wir das Herz-Sutra seit Jahren rezitieren. (A. lächelt).
Der scheinbare Widerspruch zwischen «höchste Erkenntnis» und «keine Erkenntnis» wird in der Mahayana-Tradition, aus der ja auch das Herz-Sutra stammt, durch die zentrale Lehre von den zwei Wahrheiten erklärt: der konventionellen (relativen) Wahrheit und der absoluten Wahrheit.
Die absolute und die konventionelle Wahrheit
Was ist die absolute Wahrheit
Die absolute Wahrheit betrifft die Wahrnehmung der Realität, so wie sie wirklich ist, ohne Gedanken, Urteile oder Interpretationen.
Aus der Perspektive der absoluten Wahrheit gibt es nichts, das für sich allein und aus sich selbst heraus existiert. Alle Erscheinungen, seien sie materieller oder mentaler Art, sind «leer» von einem agierenden Subjekt. Sie entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit und Bedingtheit gemäss dem Gesetz von Ursache und Wirkung.
Demzufolge haben in der absoluten Wahrheit Konzepte wie «Erkenntnis», «Erreichen» und «Erlangen» keinen Bestand. Es gibt keine «Sache» namens «Erkenntnis», die man sich wie einen Besitz aneignen kann. Ebensowenig gibt es ein permanentes, getrenntes Selbst oder Ich, das etwas erlangen kann.
Die Subjekt-Objekt-Dualität wird im Herz-Sutra vollkommen eliminiert.
Aber Achtung: «Keine Erkenntnis», «vollkommen leer von diesem oder jenem» ist nicht nihilistisch gemeint. Die sinnliche Erlebniswelt wird nicht geleugnet. Es geht allein darum, klar zu sehen, dass die mit den Sinnen nicht fassbare Wirklichkeit vollkommen leer ist von jeglichen messbaren Dingen. Die absolute Wahrheit ist das Leben selbst, so wie es sich in jedem Augenblick entfaltet. Was einmal entstanden ist, sei es eine sichtbare oder unsichtbare Form, kann nicht geändert werden. Es bleibt aber auch nicht ewig bestehen. Es wandelt sich und vergeht mit der Zeit.
Wie es sich wandelt, wird vom Gesetz von Ursache und Wirkung bestimmt. Und an dieser Schnittstelle von Gegenwart und Zukunft hat unser Denken und Handeln einen entscheidenden Einfluss – der Lebensfluss kann in eine heilsame oder unheilsame Richtung geleitet werden.
Was ist die konventionelle Wahrheit?
Die konventionelle Wahrheit bezieht sich auf die Welt unserer alltäglichen Erfahrung, die Welt der Namen, Bezeichnungen, Ursachen und Wirkungen. Es ist die relative Realität, in der wir leben.
Im Gegensatz zur absoluten Wirklichkeit, die für alle Lebewesen dieselbe ist, ist die relative Welt im Grunde genommen für jeden Menschen anders. Sie entsteht durch die neuralen Verarbeitungsprozesse im Gehirn jedes einzelnen Menschen und ändert sich ständig. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Vorstellungswelt, bestehend aus den inneren Bildern und emotionalen Interpretationen, die wir auf die Phänomene der Aussenwelt projizieren.
Da jede Sprachgemeinschaft ihren Konventionen gemäss spezifische Namen für spezifische «Dinge» benutzt, verfallen wir dem Irrtum, zu meinen, die Welt sei für alle gleich. Ergo: Die konventionelle Wahrheit basiert auf der kollektiven Unwissenheit bzw. Selbsttäuschung der Menschheit. Und das ist die Ursache aller Missverständnisse, Uneinigkeiten, Verwirrungen und Kriege, die die Menschheitsgeschichte seit jeher begleiten.
Um aus diesem Zustand der Verwirrung in einen Zustand der Klarheit zu gelangen, brauchen wir Menschen einen Leitfaden oder Wegweiser. Einen solchen gibt uns das Herz-Sutra mit Worten, die in der Gedankenwelt des Mahayana-Buddhismus gebräuchlich waren und sind. Es spricht von einer Person, die nach Erkenntnis suchend («Bodhisattva») mit Hilfe einer «Methode» (Prajnaparamita) einem «inneren Pfad» (Meditation) folgt und «sich darauf verlassend» das «Ziel» der «höchsten, vollkommenen Erkenntnis» erreicht.
Wenn das Sutra nur sagen würde: «Es gibt keinen Pfad, niemanden, der ihn geht, und kein Ziel», wären die meisten Menschen verloren oder könnten in den Nihilismus abrutschen. Also macht es uns Mut und spricht mitfühlend und auf konventionelle Weise von der «höchsten Erkenntnis», die jeder Mensch erreichen kann, wenn er dem «Pfad der Erkenntnis» folgt.
In diesem Sinne hielt der Buddha die Verwendung von bekannten Begriffen durchaus für «geschickte oder geeignete Hilfsmittel» (Upāya), um suchenden Menschen eine Landkarte in die Hand zu geben und ein Fahrzeug zur Verfügung zu stellen.
Auflösung des Widerspruchs
Die absolute Wahrheit und die konventionelle Wahrheit sind nicht zweierlei. Sie sind, wie die zwei Seiten einer Medaille, untrennbar miteinander verbunden.
Zuerst beschreibt das Herz-Sutra die ultimative Sicht der Realität aus der Perspektive des erwachten Geistes – in der Leere gibt es kein Ding, kein Erlangen usw. Danach bekräftigt es den konventionellen Pfad, der genau zu dieser Erkenntnis führt.
Die «höchste Erkenntnis» ist die Erkenntnis, dass «höchste Erkenntnis» ein Konzept ist und nicht die Wirklichkeit. Aber auch «die Wirklichkeit» und «die Wahrheit» – egal ob «absolut» oder «konventionell» – alles, was wir in Worte fassen, ist ein Konzept.
Wer auch dies versteht und verwirklicht ist im Zustand, den das abschliessende Mantra des Herz-Sutra antönt:
GATE GATE PARAGATE PARASAM GATE BODHI SVAHA
«Darüber hinaus gegangen, über alles (Denken) hinaus gegangen (und) noch über das Darüber-Hinaus gegangen zum vollkommenen, endgültigen Erwachen!»
Frage: Wenn man das Ich vergisst, wie nimmt man denn wahr, dass man wahrnimmt?
A: Bist du einverstanden, wenn ich die Frage folgendermassen formuliere, nämlich so:
Wenn ich mich mein Ich vergesse, wie weiss ich dann, dass ich wahrnehme? (F. ist einverstanden.)
A: Auch das ist eine Frage, die sich einem früher oder später stellt, wenn man sich ernsthaft mit der Lehre und Praxis der Zen-Schule befasst. Ich bin dir dankbar, dass du sie hier stellst.
Die Fragestellung enthält allerdings eine versteckte Falle. Denn wenn man so fragt, geht man ganz selbstverständlich davon aus, dass es ein „Ich“ geben muss, das das «Wahrnehmen» wahrnimmt.
Die Logik dieser Prämisse lautet: «Ich nehme wahr, dass ich sehe, höre, gehe, esse usw. Aber wenn ich mich selbst vergesse, also abwesend bin, dann gibt es auch keine «gewusste» Wahrnehmung.»
Lass uns einen kleinen Versuch machen, um diese Logik zu untersuchen. Die Fragen, die ich dabei stellen werde, gehen alle an, bitte beantwortet sie aber nicht mit «wir» oder «man». Schaut ganz genau hin, was sich bei euch persönlich abspielt; sucht die Wahrheit bei euch selbst und nicht in der Allgemeinheit!
(Vorbemerkung für diejenigen, die diesen Dharma-Vortrag im Internet lesen: Ihr könntet das Experiment nachvollziehen, indem ihr eine Glocke zur Hand nehmt und den einzelnen Schritten folgt. Man kann aber auch irgend ein Geräusch in der Umgebung benutzen, wie z.B. ein vorbeifahrendes Fahrzeug, der Klang der Kirchenuhr usw. )
Ein Hörexperiment
(A schlägt die Zendoglocke an.) «Hört ihr das»?
Antwort aus der Sangha (S): «Ja.»
(A schlägt die Glocke wieder an.) «Was hört ihr?»
S: «Die Glocke» – «Piiiiiiing» – «einen Klang».
(A schlägt die Glocke zum 3. Mal und stoppt den Klang.) «Was hört ihr jetzt?»
S: «Nichts» – «Stille» – «Das Fehlen der Glocke.»
A: «Nun machen wir das Gleiche noch einmal, aber stelle euch keine Fragen mehr. Öffnet eure Ohren; hört einfach. Lasst das, was kommt, kommen und wieder gehen, ohne es zu benennen.»
A: «Nun frage ich euch: War das, was ihr beim ersten Durchgang gehört habt und das, was ihr soeben gehört habt, etwas anderes?»
S: «Nein.»
A: «Jetzt hört einfach nochmal zu, wie der nächste Klang kommt und vergeht. Bleibt völlig entspannt und passiv dabei…» (A schlägt die Glocke an und lässt sie verklingen )
«Jetzt frage ich euch:
Gab es beim bei all diesen Hörerlebnissen einen Zuhörer, den ihr suchen musstet, um ihn zu fragen, ob er etwas hörte oder nicht?» (S. Lachen) – Natürlich nicht.
Was hat uns dieses Experiment gezeigt?
Schlussfolgerungen aus dem Hörexperiment
Im Moment des reinen Hörens gibt es nur das Hören. Der Ton und das Wissen um den Ton sind eine und dieselbe Erfahrung. Es gibt kein «Ich», das hinter den Ohren sitzt und eine Aktion namens «Hören» vollzieht.
Für das Ohr und das Hörbewusstsein macht es keinen Unterschied, ob es «etwas» hört – ein «Geräusch» – oder «nichts» hört – «Stille». Hören ist einfach Hören!
Das Ohr braucht nicht zu «wissen», was es hört. Es gibt keinen Kommentar und kein Urteil ab.
Um wahrzunehmen, muss man nicht «wissen», ob und was man wahrnimmt. Hören und Wahrnehmen geschehen ganz von selbst und simultan.
Die Wahrnehmung selbst ist ein Akt des einheitlichen Bewusstseins. Es ist nicht nötig, «ich» dazu zu sagen. Hören und gehört-werden sind eine Einheit.
Ihr könnt dies auch für die anderen Sinnesorgane nachprüfen. Ihr werdet dasselbe finden: Wahrnehmung und Sinnesimpuls geschehen gleichzeitig und ohne die Beteiligung des Ichbewusstseins.
Stellt es euch wie einen Spiegel vor. Ein Spiegel spiegelt alles, was vor ihm ist – ein Gesicht, eine Blume, den Himmel.
Hat der Spiegel ein kleines «Ich» in sich, das sagt: «Ah, jetzt spiegle ich ein Gesicht»? Nein. Das Spiegeln geschieht einfach. Das Spiegeln ist die Funktion des Spiegels. Es gibt keine Lücke.
Verstehen auf Verstehen türmen
Wenn man sehr achtsam ist, kann man feststellen, dass ein Ich erst dann ins Spiel kommt, wenn der direkten Erfahrung der Gedanken zufügt wird: «Ich höre», «Ich habe eine Wahrnehmung» usw. Erst mit diesem Gedanken wird das «Ich» geboren.
Wenn «ich höre» bloss eine neutrale Feststellung wäre, in der das Ich nur Zeuge des Geschehens ist, gäbe es kein Problem. Probleme gibt es aber dann, wenn man das Ich für den Besitzer der Aktion, als den Handelnden selbst hält. Das ist die zusätzliche mentale Aktivität, welche die Verwirrung schafft. Der Buddha nannte diesen Vorgang «Verstehen auf Verstehen türmen». (Shurangama Sutra, Kap. 5.) Im Zen ist die Rede von: «Einem Hasen Hörner aufsetzen» oder „Einer Schlange Beine zufügen».
Denn bis der denkende Geist das Sprachgehirn aktiviert hat und aus dem Fundus der Erinnerungen einen Namen für die erste spontane Wahrnehmung ausspuckt, ist das intuitive wortlose Verstehen der Wahrnehmung längst vorbei. Aber nicht nur das: Solange das «Ich» mit Einordnen, Benennen und Urteilen beschäftigt ist, sind alle Kanäle zu den Sinnesorganen «besetzt». Es ist unmöglich, etwas Neues wahrzunehmen. Das heisst, es ist unmöglich, in der Gegenwart zu sein.
Die Frage «Was geschieht, wenn ich mich selbst vergesse?» ist also ein Zirkelschluss. Denn wie könnte ein Ich entscheiden, sich selber zu vergessen und dann wissen «jetzt habe ich mich selbst vergessen»? Warum sollte ein Ich sich selbst überhaupt vergessen wollen?
Statt sich in solchen Gedankenspielen zu verlieren, ist es viel sinnvoller, die naturgegebene Gegenwärtigkeit des Alltags mit offenen Augen, Ohren, offenem Geist und offenem Herz zu realisieren und zu praktizieren.
Praxis des Gewahrseins
Auf dem Meditationskissen, im Alltag, in all deinem Tun und Lassen – kehre immer wieder zur direkten, unmittelbaren Erfahrung zurück.
Beim Gehen denke nicht «Ich gehe». Spüre einfach nur den Druck auf deinen Fusssohlen, die Bewegung deiner Beine, den aufrechten Körper. Das Gehen ist die Erfahrung, ist Gewahrsein.
Beim achtsamen Atmen, denke nicht «Ich atme». Richte deine Aufmerksamkeit auf die Empfindung des Atems in den Nasenflügeln, der Brust und im Bauch. Die kühle Luft, die einströmt, die warme Luft, die ausströmt. Spüre es einfach. Du bist der Atem und der Atem ist Ausdruck deines Daseins.
Wenn du Kaffee trinkst, denke nicht «Ich trinke Kaffee». Spüre einfach die Wärme der Tasse, den Duft, den Geschmack. In diesem Moment bist du Schmecken und Riechen und Kaffee – es gibt kein anderes Ich.
Schritt für Schritt, von Moment zu Moment, das tun, was man gerade tut: Essen, schlafen, arbeiten, ruhen, sitzen, hören, riechen, denken usw. In dieser Präsenz gibt es weder Zeit noch Raum für Gedanken über die Vergangenheit oder Zukunft.
Auf diese Weise beweisen sich Wahrnehmung und Gewahrsein gegenseitig. Und Trennung von Subjekt und Objekt löst sich auf.
Zum Schluss noch einmal dies:
Das Geheimnis der Praxis von Studieren – Kontemplieren –Meditieren besteht darin, dass man Fragen stellen muss, bevor man sie aufgeben kann. Man muss ein Ich suchen, bevor man merkt, dass es keines gibt.
Diese Erkenntnis ist aber nicht das Ende, sondern erst der Anfang der wundersamen Reise im Reich des wachen Geistes. Und diese Reise ist selbst dann nicht zu Ende, wenn man feststellt, dass wir „ob wir kommen oder gehen immer an einem Ort sind“. (Zazen Wasan)

Zwischenhalt und Fragen zur Praxis
- Wochenretreat 1.Tag : Nonstop-Zen
- Wochenretreat 2. Tag: Das Curriculum der Zen-Schule
- Wochenretreat 3. Tag: Jeder Tag ist ein neuer Tag
- Wochenretreat 4. Tag: Eigene Kraft und andere Kraft
- Dharma-Vorträge
