Nonstop-Zen – Nonstop-Praxis

Wochenretreat 2025, 1. Tag

Nonstop-Zen –Nonstop-Praxis: In den traditionellen Zendos werden vor einem Teisho (formeller Dharma-Vortrag) immer diese Worte gesprochen:

Dem Dharma, geheimnisvoll und unvergleichlich tief, ist nur sehr schwer zu begegnen. Wir können es jetzt sehen, hören und erfahren. Mögen wir die wahre Bedeutung des Tathāgata erfassen.

Lass mich dies kurz erklären:

Die wahre Bedeutung des Tathāgata erfassen heisst nichts anderes, als das Leben in seiner Wirklichkeit, in seinem Sosein zu erfassen: Tathā = «so»; gata = «gekommen» oder «sein».

Das Wort Dharma hat hier, wie immer, die zweifache Bedeutung von Lehre und Gesetz. Es ist schwer, dem Dharma zu begegnen heisst: Es ist alles andere als selbstverständlich, wenn Menschen in dieser Welt, die von Buddha dargelegten Erkenntnisse über die Wirklichkeit unseres Daseins nicht nur hören, sondern direkt erfahren können.

Das stimmt: Was wir hier hören und praktizieren ist selten in der Welt. Einen Ort und die Zeit gefunden haben, um eine ganze Woche lang ausschliesslich dem tieferen Verstehen unseres Lebens widmen zu können und zu dürfen, ist alles andere als selbstverständlich. Einige von euch mussten am Arbeitsplatz dafür kämpfen. Wir sollten diese wertvolle Zeit und Gelegenheit voll und ganz ausschöpfen. Das Motto für diese Woche heisst deshalb: Nonstop-Praxis, bzw. Nonstop- Zen.

Die Quintessenz des Dharma

Unser ganzes Leben ist nonstop, nicht wahr? Dies beweist sich ja in unserem Atem – nonstop einatmen, nonstop ausatmen. Es geschieht ganz von selbst, ohne unser Zutun.

Alles, was «mich» ausmacht, von der winzigsten Zelle meines Körpers bis zu den subtilsten Regungen meines Gemüts, und alles, was mich umgibt, die ganze Welt, ist nonstop atmend in ständigem Wandel begriffen. Nichts bleibt stehen.

Aber wir menschlichen Wesen bilden uns ein, eine individuelle, unveränderliche, unabhängige Person zu sein. Daraus ergibt sich der Drang, sich selbst immer und überall in den Mittelpunkt des Weltgeschehens zu stellen. So wie das kleine Spottlied treffend sagt:

Die Menschen sind schlecht.
Jeder denkt an sich.
Nur ich denk an mich!

Wie kann es inneren und äusseren Frieden geben, wenn jedes Ich um seine Vorherrschaft kämpft und nicht versteht, dass es, wie alle anderen Dinge, in Wirklichkeit gar nicht existiert?

Denn alle Dinge, inklusive unser Körper und Geist , die wir für wirklich, konkret und unveränderlich halten, sind ursprünglich und letztendlich die Erscheinungsformen der kosmischen Energie. Alles ist Schwingung, nichts existiert unabhängig und aus sich selbst heraus.

Alle Dinge und Lebewesen – auch wir selbst – sind, so wie wir gerade jetzt sind, nichts anderes als Erscheinungsformen der zeitlosen kosmischen Energie. Das ist die Quintessenz des Dharma!

Nonstop -Zen

Das Dharma, die Lehre der Wirklichkeit, können wir hier und jetzt nicht nur hören, wir können sie direkt sehen und erfahren. Das ist zwar nichts Neues, das war schon immer so – aber wir Menschen sind so eingenommen von unserer «ichigen» Sichtweise, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, sie zu hinterfragen. Oder, wenn man sie hinterfragt, dann wendet man sich an sogenannte Experten, die ihre Weisheit ihrerseits von anderen Ichs bezogen haben.

Der einzige Sinn der Zen-Lehre ist es, sich radikal und endgültig von den irreführenden Ansichten und Meinungen zu lösen und die Wirklichkeit zu realisieren. Da dies keine intellektuelle Angelegenheit ist, sondern nur durch das unmittelbare Handeln erlebbar wird, braucht es die aktuelle Praxis im alltäglichen Leben.

Nonstop Zen heisst demnach nichts anderes als bewusst und wahrhaftig zu leben. Von morgens früh bis abends spät!

Viele von uns denken immer noch, Zen oder «bewusst zu leben», sei etwas Besonderes, etwas Mysteriöses, ein Extra und etwas Zusätzliches zum eigentlichen Leben.

In der Tat, alltägliches Leben bedeutet für die meisten von uns Arbeit, Familie, Freundeskreis, Interessen, Essen und Schlafen und wenn möglich Reisen. Wenn dann noch Zeit übrig bleibt, kann man auch noch «Zen machen» und «meditieren».

Versteht mich nicht falsch! Ich kritisiere dies nicht, mache niemandem einen Vorwurf daraus oder mache mich lustig darüber. Es ist einfach so!

Erwartungen und Ängste

Das Gefühl der «Besonderheit» zeigt sich erst recht dann, wenn man sich für eine bestimmte Zeit vom Alltag löst und sich in einem Schweige-Retreat einem strikt geregelten Tagesablauf unterwirft, um Zen zu praktizieren.

Manche stellen sich vor, dies sei wie im Militär, wie bei den Pfadfindern oder wie ein «Überlebenstraining», bei dem man irgendwo in der Wildnis ausgesetzt wird. Oft hat man im Vorfeld ein mulmiges Gefühl oder sogar Angst: Ui, was kommt da auf mich zu? Kann ich das durchstehen?

Wenn man schon solche Strapazen auf sich zu nehmen bereit ist, dann hat man natürlich auch damit verbundene Erwartungen und Hoffnungen, nicht wahr? Man möchte etwas erreichen in dieser Zeit Man will zum Beispiel zur Ruhe kommen, Frieden finden, Erkenntnisse gewinnen oder Erleuchtung erleben.

Man stellt sich vor, wenn man all dies einmal hat – Ruhe, Frieden, Erkenntnisse und Erleuchtung – also wenn man richtig meditiert, dann hat man ein dauerlächelndes Gesicht wie der Buddha und kann alle Probleme lösen. Gleichzeitig fürchtet man die Anstrengungen und zweifelt: Was ist, wenn all dies nicht eintrifft?

Es tut mir leid, meine Lieben, aber ich muss gestehen, diese Erwartungen werden mit grosser Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden. Am besten gibt man sie gerade jetzt auf!

Denn es gibt in unserer menschlichen Welt keinen dauernd lächelnden Buddha, keinen ewigen Frieden, kein Rezept zur Lösung aller Probleme, kein Ende des Leidens, nichts, was man «haben» kann. In der Wirklichkeit gibt es nur das andauernde, ewige Gewahrsein, auch Buddhanatur genannt.

Atta dipa – Das eigene Licht

Es gibt in jedem von uns etwas Helles, Lichtartiges, eine Art stille Gegenwärtigkeit – selbst im Schlaf und in Verwirrungen. Buddhanatur ist nur einer der vielen Namen, die wir dafür geschaffen haben.

Ab und zu spüren wir diese Natur, diese Gegenwärtigkeit. Sei es als intuitives Wissen, ein wortloses Gewahrsein, eine leise innere Stimme oder als plötzliche Einsicht – Oh! Manchmal zeigt sie sich auch einfach als grundlose Freude am Dasein.

Wir sind nämlich nicht nur die zweibeinigen, ichbewussten Wesen, die sich durch das Leben kämpfen. Wir sind alle nonstop durchflutet, durchatmet und umwoben von der transparenten, unsichtbaren Gegenwart – die keine zwei Beine hat und ohne Namen ist.

Dieses Gewahrsein ist nicht mein oder dein Gewahrsein. Es hat keinen Besitzer. Es ist einfach da, in jeder Zelle unseres atmenden Körpers. Der Buddha fasste diese Erkenntnis in die zwei Worte Atta dipa. Atta bedeutet „Selbst“, „eigen“, „sich selbst». Dīpa bedeutet „Licht“, „Lampe“, „Leuchte“, „Insel“ (im Sinne von Zuflucht).

Der Buddha ermahnte seine Anhänger unermüdlich, sich nicht auf äussere Dinge und Autoritäten zu verlassen, sondern durch eigene Erkenntnis und Praxis ihr innewohnendes Licht zu realisieren:
Nehmt Zuflucht zu euch selbst (atta), eurem eigenen Licht (dipa). Nehmt Zuflucht zum Licht der Lehre (Dharma) und nicht zu etwas Äusserem.

Nonstop-Praxis

Wir müssen wissen: Solange wir durch die Ichheit verblendet sind, ist unsere Aufmerksamkeit dem Prinzip von «stop and go» unterworfen. Mal ist unser Geist ganz gesammelt auf eine Sache gerichtet, mal ist er zerstreut, verzettelt und völlig absorbiert in die trivialen Angelegenheiten der persönlichen Befindlichkeit.

Im Gegensatz dazu ist das Gewahrsein des unpersönlichen, form- und namenlosen Geistes immer präsent – nonstop.

Geistige Sammlung

Die Nonstop-Praxis heisst: Sich immer aufs Neue auf das Licht der eigenen Buddhanatur zu besinnen. Regelmäßige Sitzmeditation ist ein gutes Hilfsmittel dafür. Äussere Ablenkungen sind dabei auf ein Minimum reduziert, wodurch Körper und Geist eher zu Ruhe kommen. Und für den wachen Geist gibt es nichts anderes zu tun, als die mentalen Bewegungen – Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, usw. – zu zügeln und den überflüssigen Ballast von Gestern oder Morgen zu ignorieren.

Nonstop-Praxis besteht allerdings nicht nur in der Entwicklung von geistiger Sammlung und Standhaftigkeit, sie erfordert auch einen «verstehenden Glauben in den eigenen klaren Geist». Was bedeuten «verstehender Glaube» und «Vertrauen in den eigenen Geist»?

Vertrauen in den eigenen Geist: Dieses Vertrauen basiert auf der sich ständig erneuernden Erfahrung der intuitiven Weisheit der angeborenen Geistes- oder Buddhanatur

Verstehender Glaube : Dies ist kein blinder Glaube, kein erworbener oder religiöser Glauben an etwas Äusseres oder Jenseitiges, noch ist es eine intellektuelle Errungenschaft. Es ist eine Gewissheit, die entsteht, wenn man als denkendes und fühlendes Wesen die Wahrheit des Dharma selber erlebt.

Nonstop-Praxis erwächst also sowohl aus regelmässiger Übung als auch aus regelmässiger Erfahrung und ist eine ganzheitliche, alltägliche Lebensweise. verhilft der innewohnenden klaren Helligkeit des eigenen Geistes trotz Sorgen und Schwierigkeiten im täglichen Leben immer wieder neu zum Durchbruch. So wie Sonne, Mond und Sterne von selbst am leeren Himmel leuchten, sobald die Wolken vom Wind vertrieben sind oder sich von selbst aufgelöst haben. Und selbst, wenn Wolken den Himmel verdecken: Man weiss, versteht und vertraut darauf, dass die Sonne, der Mond und die Sterne immer am leeren Himmel scheinen.

Suche am falschen Ort

Wie bereits gesagt: Unser Problem ist, dass man das Verstehen oder das Vertrauen oder beides leicht aus den Augen verliert. Man ist wieder in der Ichhaftigkeit gefangen und frustriert. Dann produziert man zum Beispiel Gedanken wie: «Ich mache jetzt schon seit Jahren Zen, aber meine Probleme sind immer noch dieselben.» Die ganze Sitzerei nützt ja doch nichts. « Die anderen können das alles besser! Ich mache irgendetwas falsch», «Jetzt höre ich dann endgültig auf.» «Ich möchte doch Ruhe haben und mich gut fühlen. Muss das denn so anstrengend sein?» Nicht selten packt einen auch die Wut auf sich selbst oder auf den Lehrer, die Lehrerin oder die Mitsitzenden.

Es gibt nur eine Ursache für diesen Zustand: Man versucht, das innere Zendo durch die falschen Türen zu betreten. Lasst mich dies erklären:

Wie ihr alle wisst, gibt es in diesem Haus viele Schränke. Neulich suchte ich nach einem Putzmittel und öffnete eine der Schranktüren, hinter der ich das Gesuchte vermutete. Doch: Oh Schreck! – Statt wie erwartet in einen ordentlich aufgeräumten Schrank zu schauen, stand ich vor einer dunklen, stickigen Abstellkammer, deren Umrisse ich nicht überblicken konnte. Sie war so gross, voll und dunkel.

Mir scheint, das ist das, was wir sehr oft tun. Wir suchen etwas dort, wo es nicht zu finden ist.

Die Abstellkammer des Verstands

Wir suchen das «Dharma» oder «Zen» in der Abstellkammer unseres Verstands. Dort, wo wir alle Erinnerungen, Meinungen, die vergessenen oder nicht vergessenen Erlebnisse von Freud und Leid aufbewahren. Wir tauchen ein in das angesammelte Gerümpel unseres Denkens und suchen dort nach etwas, das uns angeblich von all dem Ballast befreit und glücklich macht.

Diese vergebliche Suche am falschen Ort ist wirklich das A und O unserer inneren und äusseren Kämpfe, Frustrationen und Enttäuschungen – nicht nur in Bezug auf den geistigen Weg.

Es stellt sich natürlich jetzt die Frage: Wo ist dann die richtige Türe? Gibt es überhaupt einen Ort, wo man das finden kann, was man im Zen und in der Meditation sucht?

Das torlose Tor

Ja, es gibt eine richtige Türe, ein Eingangstor zum erfahrbaren Dharma, zum lebendigen Zen. Doch alle, die es gefunden haben, bezeugen einmütig: Diese Türe ist keine Türe. Oder anders gesagt: Man betritt den Befreiungsweg durch ein torloses Tor. Was bedeutet das?

Da man etwas, das es nicht gibt, natürlich weder vorweisen noch erklären kann, muss ich auch in diesem Fall mit Sinnbildern oder Allegorien operieren, um die Richtung zu diesem Ort einigermassen anzugeben.

Stellt euch vor, ihr lebt in einem mehr oder weniger stabilen, mehr oder weniger bequem eingerichteten Haus. Ihr bewegt euch frei in den Räumen, von denen jeder eine bestimmte Funktion hat: Essen, Schlafen, Musizieren usw. Es gibt einen Keller, in dem man Vorräte aufbewahrt und es gibt eine Abstell- und Gerümpelkammer.

Eines Tages sucht ihr nach irgendeinem wertvollen Objekt, von dem ihr wisst, dass ihr es habt, aber nicht, wo es verstaut ist. Ihr habt es in der Jugend einmal von jemandem aus der Verwandtschaft geerbt, konntet aber damals nichts anfangen damit. Nun aber ist das Interesse daran geweckt und ihr wollt es unbedingt finden.

Ihr sucht in allen Schränken und Schubladen, im Keller und auf dem Estrich. Doch eines Tages kommt ihr plötzlich an eine Türe, die ihr noch nie geöffnet habt. Ihr öffnet sie und gelangt in einen langen, dunklen Flur. Dieser geht nicht gerade aus, sondern folgt einer Krümmung, deren Fortsetzung ihr nicht seht. Ihr seid in diesem Flur und langsam wird es heller. Und dann, mit einem letzten Schritt steht ihr auf einmal mitten in der grossen Weite des Alls. Unter euch der Erdboden, über euch der Himmel. Ihr schaut euch um: Euer Garten und die Strassen sind noch da. Nicht hat sich verändert. Auch euer Haus ist da, aber es wirkt sehr klein und eng. Ihr seid frei … und glücklich.

Der richtige Ausgang

So geht es vielen von uns mit der buddhistischen Meditationspraxis. Man wandert jahrelang durch das eigene Gedankenhaus auf der Suche nach einem verlorenen Erbe. Man entdeckt im eigenen Haus einen Weg, doch der ist dunkel und man sieht nicht, wohin er führt. Trotz eines vielleicht mulmigen Gefühls und unsicher wagt man sich in das Unbekannte. Allmählich wird es heller, es scheint einen Ausgang zu geben. Und dann, eines Tages gelangt man durch das torlose Tor ins Freie. Man steht im grenzenlosen Raum und realisiert mit Staunen und Freude: Der Raum ohne Wände und ohne Dach ist mein wahres Zuhause.

Dieser Vergleich mag hinken, aber er weist darauf hin, dass man die gesuchte Befreiung nicht in der bekannten Gedankenwelt finden kann. Man muss einem oft dunklen und krummen Weg in die Tiefen des eigenen Bewusstseins folgen. Nach einer gewissen Zeit wird es heller. Es ist, als ob einem ein Licht entgegen scheint. Mut und Vertrauen wachsen. Bald braucht es nur noch den entscheidenden Schritt hinaus in die offene Weite. Aber der geschieht ganz von selbst. Ehe man sich’s versieht, ist er getan.

Man steht immer noch in der Welt – im eigenen Garten oder auf der Strasse – zwischen Himmel und Erde. Das Gedankenhaus steht weiterhin zur Benutzung zur Verfügung. Aber nun kennt man nicht nur seinen Eingang, sondern auch seinen Ausgang. Man verirrt sich nicht mehr darin und sucht nicht weiter nach etwas, das dort nicht zu finden ist. Man ist frei!

Alles hat seine Richtigkeit

Das gesuchte Erbe war nie verloren, es wurde bloss am falschen Ort gesucht. Wenn man die richtige Türe durch rechtes Denken und rechtes Handeln einmal geöffnet hat und den dunklen Pfad der Praxis betreten hat, führt das Dharma unweigerlich zur rechten Sicht. Rechte Sicht wiederum führt zu rechtem Verstehen und rechtem Handeln. (Siehe: Der Edle Achtfache Pfad)

Und so geht es weiter von Tag zu Tag, Jahr um Jahr, von Leben zu Leben. Solange bis man diesen Kreislauf nicht mehr braucht. Dann steigt man aus oder bleibt freiwillig darin, um anderen zu helfen, diesen Prozess zu vollenden.

Das ist die Nonstop-Praxis, die der Buddha uns vorgemacht hat.

Lasst uns heute und jeden Tag neu damit beginnen. Mit Ruhe, Vertrauen und Geduld. Und, was das Allerwichtigste ist, mit Freude und Dankbarkeit.

Mögen wir die wahre Bedeutung unseres Daseins in dieser Welt erfassen.

Nonstop-Zen –Nonstop-Praxis

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