Es gibt wohl kaum einen Ausdruck, der heutzutage so oft benutzt wird wie «Globale Unsicherheit». Auf allen Ebenen unseres Lebens spukt dieses Phantom umher. Bei vielen Problemen, sei es in der Politik, in der Wirtschaft, auf dem Finanzplatz, ja selbst im Privatleben, wird die globale Unsicherheit bemüht, um die weitverbreitete schlechte Stimmung zu erklären oder gar zu entschuldigen.
Was ist die Globale Unsicherheit genau? Das weiß doch heutzutage jedes Kind: Es ist die Mischung aus Klimawandel, Kriegen, politischen Wirren und wirren Politikern, Wirtschaftskrisen, Inflation und vieles mehr. Kurz, all das, was uns von den diversen Medienkanälen tagtäglich an negativen Schlagzeilen aufgetischt wird.
Die meisten von uns schlucken diese Brühe und bekommen eine seelische Magenvergiftung davon. Einige jammern öffentlich und beklagen sich über die «böse Welt», andere werden wütend und lassen die Wut an denen aus, die sie für schuldig halten an der ganzen Misere, andere machen die Faust im Sack und verstecken sich hinter ihrer Fassade. Jeder und jede folgt einer persönlichen Strategie. Alle aber hegen und pflegen den Glauben an die Globale Unsicherheit.
Die alte Geschichte
Dazu möchte ich einige Gedanken äußern, die natürlich nicht neu sind, aber unter der schweren Decke des kollektiven Betrübnis allzu leicht vergessen gehen. Nämlich, dass die sogenannte Globale Unsicherheit unserer Zeit weder neu noch wirklich ist. Es ist alles eine Frage der Perspektive!
Wie die Geschichte Europas und vieler Teile der Welt zeigt, gab es wohl noch keine Generation von Menschen, die von Kriegen, Naturkatastrophen und politischen Wirren und dem damit verbundenen Leid verschont blieb. Kriege, Naturkatastrophen und Veränderungen haben immer eine (Vor-)Geschichte. Und diese Geschichte sind wir.
Was wir erleben, ist der lebendige Beweis für die zeitlose Richtigkeit von Buddhas Analyse des menschlichen Daseins. Er hat betont, dass Veränderung und Unbeständigkeit das Gesetz des Lebens sind. Es gibt nichts, das so bleibt, wie es ist, und alles, was entstanden ist (d.h. Form angenommen hat), vergeht auch wieder. Und er hat erklärt, dass das menschliche Leiden – Frustration, Unzufriedenheit, Lebensangst, Todesangst und alles andere, was uns daran hindert, froh und liebevoll zu sein – letztendlich aus unserem eigenen Denken und Verhalten resultiert.
Die Tatsachen des Lebens akzeptieren
Statt dass wir dem natürlichen Lauf der Dinge, mit all seinen Veränderungen, folgen, haften wir an Vorstellungen und Überzeugungen, wie die Welt, die anderen Menschen und wir selbst sein sollten, und haften an diesen illusorischen Vorstellungen. Da diese kaum je der Wirklichkeit entsprechen, befinden wir uns in einem anhaltenden und aussichtslosen Sog von Kummer, Sorgen und Unzufriedenheit.
Alle, die angesichts der aktuellen Lage (im Kleinen wie im Großen) in die Fallgruben der wütenden Ohnmacht oder ohnmächtigen Wut, der Niedergeschlagenheit oder Weltuntergangstimmung zu fallen drohen, sollten sich daher mit den von Buddha dargelegten Vier Edlen Wahrheiten vertraut machen. Sie stehen ganz am Anfang seines lebenslangen Bemühens, den Menschen die Augen für die Tatsachen des Lebens zu öffnen, damit sie ihrem Leiden an der Welt ein Ende setzen und untereinander Frieden schaffen können.
Diese Wahrheiten werden als „edel“ bezeichnet, weil sie für jeden ernsthaften und willigen Menschen selber überprüfbar und in seinem Alltag nachvollziehbar sind.
Die erste und zweite Edle Wahrheit
Erste Wahrheit: Die Menschenwelt ist eine Welt des Leidens.
Warum ist das so? Drauf gibt uns die zweite Wahrheit eine Antwort.
Zweite Wahrheit: Es gibt für alles Geschehen eine Ursache. Nichts entsteht unabhängig von allem anderen. Die Ursache des Leidens an und in der Welt liegt in menschlichen Denken und Handeln. Warum ist das so?
Das menschliche Denken und Handeln ist geprägt von drei hauptsächlichen Antrieben. (Wenn man das eigene Denken untersucht, sollte es nicht schwer sein, festzustellen, dass dem so ist.) Diese drei Faktoren sind:
- Gier/Anhaften: immer noch mehr haben wollen, am Angenehmen/Schönen festhalten und alles andere ablehnen.
- Zorn/Hass: die «Fehler» und das Böse immer im Außen und bei anderen suchen.
- Ignoranz/Unwissenheit in Bezug auf unser eigenes Wesen und das Wesen der Welt: „Ich“ bin das Zentrum und alles dreht sich um „mich“. Die Welt und „ich“ sind zwei sich gegenüberstehende Objekte.
«Unwissenheit in Bezug auf unser eigenes Wesen und das Wesen der Welt» ist die Hauptursache für alle anderen leidbringenden Verhaltensformen. Es bedeutet, nicht zu wissen, dass unser Denken, mit dem wir die Welt erleben und interpretieren, uns nicht die Wirklichkeit zeigt. Wir denken und handeln so, als ob jeder Mensch eine separate, unabhängige Person sei und wissen nicht, dass das nicht stimmt.
In Wirklichkeit sind wir alle Formen des einen, universalen Bewusstseins, das selber keine Form besitzt. Solange wir dies nicht realisieren, ist das Zusammenleben der Menschen miteinander und mit der Natur vergiftet.
Das heißt: Das Leiden ist der Menschheit weder von einem strafenden Gott noch von sonst einem Wesen «angeworfen» worden. Es wurde nicht durch den Biss in eine verbotene Frucht von einer verführerischen Frau namens Eva erzeugt. Es gibt keine Ursünde, für welche die Menschen ein für allemal büßen müssen. Wir Menschen sind es – jeder auf seine Art und Weise – die das Leiden in Ermangelung von Weisheit und Weitsicht immer neu hervorrufen. Zum Beispiel:
Wir sind die Welt, in der wir leben
Erinnert ihr euch an die Zeit von Corona, als der Himmel ohne von Flugzeugen verursachte Kondensstreifen war? Die Luft war besser, man bewegte sich in der nahen Umgebung und genoss die Stille. Das war ein Segen für Mensch und Natur, nicht wahr?
Damals dachten doch fast alle, es würde sicher nie mehr so wild in der Welt herumgeflogen werden wie bisher. Aber was haben wir jetzt? Noch mehr Flugbewegungen mit noch mehr Leuten. (FAA-Bericht)
Und wer ist es denn, der mit den sogenannten CO2-Schleudern in der Welt herumfliegt? Sind es nicht meistens wir, die ganz gewöhnlichen Bürger, die nicht auf die Erfüllung von Ferienträumen und auf Shoppingtouren verzichten wollen? Und wer verlangt nach immer mehr Fleisch auf seinem Tisch und Spezialitäten aus aller Welt?
Klimaschutz, Naturschutz, Tierschutz ja, aber nicht, wenn es meine Wünsche und Gewohnheiten einschränkt und meinen Geldbeutel betrifft. Also wir klagen über überfüllte Touristenorte und Stagnation im Erreichen der sogenannten Klimaziele so, als ob uns das nichts anginge.
Das ist jetzt natürlich nur ein oberflächliches Beispiel für die Widersprüchlichkeit von uns Normalbürgern – man kann noch viele andere anführen, wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen. Von den Interessen der Machthaber will ich gar nicht erst zu reden anfangen.
Das scheinbar harmlose Lüftchen unseres persönlichen Egoismus wird immer dann zum Orkan der Empörung, wenn man uns etwas wegnehmen oder vorenthalten will, von dem wir denken, es sei unser Recht! Wir verteidigen unseren materiellen und geistigen Besitz. Wir wollen großzügige Wohnungen an bester Lage, eine gute Gesundheitsversorgung, gute Ausbildungen und Schulen und natürlich eine schlagkräftige Armee. All dies soll möglichst wenig kosten und aus «sauberen» Quellen kommen.
Der Meinungssturm bläst in alle Richtungen
Ganz schlimm wird es natürlich dann, wenn Regierungen die Menschen mit Gesetzen und Verordnungen «zu ihrem Glück zwingen wollen» und zu diesem Zweck auch lügen oder Fakten umdrehen (Atomwerke sind grün, Pestizide sind unter Kontrolle, Massentierhaltung und Tierwohl sind miteinander vereinbar usw.). Dann rufen die Menschen, wenn sie sich denn überhaupt darum kümmern, mit vereinten Kräften JA oder NEIN, je nachdem, welches von diesen beiden Wörtern für ihre eigenen Interessen besser ist.
Der kollektive Meinungssturm bläst einmal in diese Richtung, einmal in die andere. Aber früher oder später fegt er alle weg, die glauben, die alleinige Hoheit über die Wahrheit zu haben und sie mit allen Mitteln durchsetzen wollen. Wie wir sehen, gilt das auch für viele gut meinende, empörte, aber dogmatische «Klima-, Tier-, Umwelt-, Menschenrechts- und anderen Schützer». Oft werden sie gerade von denen, die sie schützen und retten wollten, auf die Anklagebank gesetzt.
Nun, wenn das die ganze Wahrheit über die Menschheit wäre, dann könnte man tatsächlich verzweifeln, was viele Menschen ja auch tun. Aber der Buddha ist eben weiter gegangen, damals, als ihn das Elend in den Straßen Indiens zutiefst berührte – er dachte lange Zeit tief nach, meditierte in der Abgeschiedenheit und kam zu einer ganz anderen Erfahrung.
Die dritte und vierte Edle Wahrheit
Das Leiden kann überwunden werden.
„Das Leiden kann überwunden werden“ ist die dritte Wahrheit von Buddhas Lehre. Sie besagt:
Die Ursache des Leidens in der Menschenwelt ist grundsätzlich unseren Ansichten und dem daraus resultierendem Denken und Handeln geschuldet. Es ist aber auch grundsätzlich möglich, die falschen Ansichten zu korrigieren und durch rechtes Denken und rechtes Handeln zu ersetzen. Nicht theoretisch, nicht esoterisch, sondern ganz praktisch direkt, hier und jetzt, in unserem gewöhnlichen Alltag.
In der Regel kümmert man sich aber aus den in der zweiten Wahrheit genannten Gründen nicht darum. Solange es keine am eigenen Körper empfundene Not-Wendigkeit (Not, die wendet) gibt, die Richtung zu ändern, leidet man lieber weiter. Hauptsache, man hat dazwischen genug Spaß und Ablenkung.
Der Weg zur Freiheit von Leiden
Der in der vierten Wahrheit dargelegte Weg zur Überwindung des Leidens ist in der Lehre vom Edlen Achtfachen Pfad klar und deutlich dargelegt. Es geht dabei grundsätzlich um die Verwandlung der unheilsamen, eigenen falschen Ansichten, Denk- und Verhaltensmuster in rechte Sicht und heilsames Denken und Handeln.
Man kann diese Lehre in jedem buddhistischen Lehrbuch nachlesen – aber es ist gar nicht nötig, viele Bücher zu lesen. Es gilt nur zu verstehen, dass dieser Weg zur Befreiung vom Leiden ein Prozess der konkreten inneren Wandlung ist. Man kann ihn nur allein gehen. Und man kann ihn niemandem verordnen.
Mitgefühl und Weisheit
Um diesen Weg zu gehen, braucht man die zwei Beine von Mitgefühl (Karuna) und Weisheit (Prajñā). Das eine ohne das andere ist wirkungslos. Die gute Nachricht: Diese zwei Beine sind uns von Natur aus gegeben. Wir müssen sie nur entdecken und benutzen. Wie unsere menschlichen Beine sind sie Teil eines einzigen Körpers. Mit anderen Worten: Mitgefühl und Weisheit sind die Qualitäten, mit denen sich die einheitliche Buddhanatur in dieser dualistischen Menschenwelt manifestiert.
Ein blutendes Herz allein genügt also nicht, um dem Leiden sinnvoll zu begegnen. Wir sollten auch die Zusammenhänge erkennen und die Fähigkeit entwickeln, dieses Verstehen am richtigen Ort mit den richtigen Mitteln geschickt einzusetzen. Das ist der ganze Buddhismus in einer Nussschale.
Lebensschule
Wenn man das Leben mit den Augen der buddhistischen Weisheit betrachtet, kann man die Geburt eines Menschen in die dualistische Welt von Freud und Leid mit dem Eintritt in eine Schule vergleichen. Dabei kommt jedes Lebewesen in die seinen Fähigkeiten und Neigungen (Karma) entsprechende Klasse.
Es geht nun darum, das «Programm» dieser Stufe zu lernen und zu meistern. Je nach dem, wie gut das gelingt, kommt man in die nächste Klasse. Oder man durchläuft die gleiche Klasse wieder und wieder, bis man das, was es zu lernen gibt, begreift. Manchmal wird man auch zurückversetzt. Dabei gibt es keine Zeugnisse, keine Belohnungen, keine Bestrafung. Egal, wie und wo man hinein versetzt wird, das Lernziel ist für alle dasselbe, nämlich:
Erkenne dein wahres Wesen. Befreie dich von den falschen Ansichten, Meinungen und Dogmen. Wenn du in der Wirklichkeit lebst, kannst du anderen Menschen durch Weisheit und Mitgefühl behilflich sein, auch frei zu werden.
Diejenigen, die diese Schule bis zum Ende durchlaufen und vollendet haben, könnten sagen: Ich habe die Welt überwunden! (Aber das tun sie nicht.)
Wobei er oder sie dann nicht der Welt entflohen ist, sondern «in der Welt, aber nicht von der Welt ist.» Sie sind den ganzen Tag beschäftigt, ohne etwas zu tun.
Fazit
Es ist niemandem geholfen, wenn wir in Pessimismus verfallen, weil wir den eigenen und den fremden Lügengeschichten über die „schlechte“ Welt glauben. Wir haben ausnahmslos die Wahl, in den gegebenen, aktuellen Umständen so zu handeln, dass wir das Elend fortsetzen und die Welt weiterhin vergiften oder, dass wir das in uns schlummernde Gegenmittel – Selbsterkenntnis und Einsicht in das Wesen der Erscheinungswelt – wecken und einsetzen.

Globale Unsicherheit
