Wegbeleuchtung Januar – Februar 2024

Wegbeleuchtung Januar – Februar 2024

«Von allen Dingen erleuchtet zu werden heisst, die Barriere zwischen dem eigenen Ich und den anderen einzureissen.» – Dogen

«Wenn man im Einklang ist mit der Ganzheit der Dinge,
braucht man Unvollkommenheiten nicht zu fürchten.» – Dogen


Einleitung

Im Kalender 2024 präsentieren wir Euch Zitate von vier herausragenden Zen-Meistern, deren Worte auch heute noch äusserst aktuell sind. Sie lebten und wirkten zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert in Japan. Dies war eine Zeit, in der sich die chinesische Meditationsschule des Chan-Buddhismus in Japan etablierte und zum japanischen Zen-Buddhismus weiterentwickelte.

Die vier zitierten Meister haben einiges gemeinsam: Sie standen in der direkten Nachfolge von Bodhidharma (ca.532) und Hui-neng (601-713), den beiden hervorragendsten Wegbereitern der Zen-Tradition. Wie diese hatten sie die Weisheit und Wahrheit von Buddhas Lehre durch ihre eigene Meditationspraxis selbst erfahren und im täglichen Leben verwirklicht. Und wie diese betonten sie, dass sich das wahre Wesen der Wirklichkeit jenseits von Sprache und Denken offenbart. Sprache und Denken sind legitime Mittel auf diesem Weg, ihre Grenzen sind jedoch sehr eng gesteckt. Sie müssen überschritten werden.

Auf diesem Boden stehend, kritisierten sie viele Gepflogenheiten in den Institutionen der berühmten Klöster und Tempel. Dazu gehörten zum Beispiel die Verwicklung der Mönche in die Politik, das Verfolgen weltlicher Ziele wie Ruhm und Reichtum, Umdeutung und Missbrauch von buddhistischen Verhaltensregeln sowie eine erstarrte und ritualisierte Praxis. All dies hatte in ihren Augen nichts mit dem Buddha-Dharma zu tun.

In der Folge entwickelten sie, jeder auf seine Art und Weise, Wege und Mittel, um den Menschen zu zeigen, dass Zen mehr ist als Sitzmeditation und Rezitation von Sutren. Es ist die Verwirklichung des eigenen Wesens in jedem Augenblick. Es ist die Verbindung mit der allen Lebewesen gemeinsamen universellen Natur. Denn nur sie offenbart die Wirklichkeit direkt und klar – und immerzu.

Dōgen Kigen (auch Eihei), 1200-1253

Dōgen Kigen (auch Eihei), 1200-1253
Mitbegründer und prägende Grösse der Soto-Zen-Schule.
Mit 13 Jahren Eintritt in ein Kloster. Die dort vorherrschende intellektuelle Spitzfindigkeit befriedigt Dogens fragenden Geist nicht. Deshalb reist er im Alter von 23 Jahren nach China, ins Ursprungsland des Zen. Nach längerem Suchen trifft er auf den Soto-Meister Ju-chin (jap. Nyoyen) aus der Übertragungslinie von Hui-neng. Unter dessen Führung findet Dogen seine Buddha-Natur. Nach zwei Jahren kehrt er als ein Dharma-Erbe von Ju-chin nach Japan zurück. Dies gilt als der Beginn der japanischen Soto-Zen-Schule.

Danach folgen sehr fruchtbare Jahre in verschiedenen Zen-Klöstern. Er betätigt sich als Lehrer und Verfasser vieler Texte. Sein berühmtestes Werk ist das Shobogenzo (Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges). Es ist die Sammlung seiner Vorträge und Aufsätze, an der er mehr als zwanzig Jahre lang arbeitet.

Mit 43 Jahren gründet Dogen das Kloster Eihei-ji («Tempel des ewigen Friedens»), das auch Laien offen steht. Dieses existiert bis heute als eines der Hauptklöster der Soto-Schule.

Ikkyū Sōjun, 1394-1481

Ikkyū Sōjun, 1394-1481
Poet und Mitbegründer der Teezeremonie.
Ikkyū Sōjun ist berühmt für seine ungewöhnliche, exzentrische Art, Zen zu praktizieren. In Japan gibt es ein Manga mit dem Titel «Verrückte Wolke», das seine Geschichte weit herum bekannt gemacht hat.

Mit fünfzehn Jahren wird der aufmüpfige Junge in ein Zen-Kloster verbannt, das unter dem Protektorat der Mili- tärkaste (Shogunat) steht. Von allem Anfang an empfindet er eine starke Abneigung gegenüber der Institutionalisierung der Zen-Tradition. Sobald er kann, flüchtet er und unterzieht sich (freiwillig) einer strickten Schulung in einem Kloster fern aller politischen Einflüsse. Kurz vor dem dreissigsten Geburtstag erteilt ihm sein Lehrer Kasō Sōdon die Lehrbefugnis.

Danach wandert er von Ort zu Ort, mischt sich unter das Volk und praktiziert Zen in Tavernen und Bordellen. Auf diese Weise gewinnt er Schüler und Gönner aus allen Gesellschaftsschichten für sich. Durch seine unverfrorenen Äusserungen und die provokante Lebensführung eroberte er sich den Ruf eines «verrückten Zen-Meisters». Sein Motto lautet: Es gibt nur ein Koan – Du.

Im Alter von 56 Jahren gibt er ein kurzes Gastspiel als Abt in einem Subtempel des einflussreichen Klosters Daitokuji. Wegen des noch immer herrschenden politischen Fokus der dortigen Mönche gibt er das Amt schnell wieder ab und zieht sich mit ein paar Anhängern in ein kleines Dorf auf dem Land zurück.
Trotz seiner lebenslangen Rebellion wird er mit 80 Jahren zum Abt des Daitokuji ernannt. Dort stirbt er im Alter von 87 Jahren. Zuvor lernt er noch die blinde Sängerin Mori kennen und lieben. Die ihr gewidmeten Gedichte bestätigen seinen Ruf als hervorragenden Dichter und Poet.

Ein weiteres Erbe von Ikkyu ist die japanische Tee-Zeremonie. Denn Ikkyu propagierte die Kunst der Teezubereitung und des Teetrinkens als eine Zen-Praxis, die allen Menschen offen steht. Deshalb wird er als der Vater dieser noch heute lebendigen Tradition verehrt.

Bankei, 1622-1693

Bankei, 1622-1693
Die Zen-Lehre vom Ungeborenen
Der Vater ist ein Samurai und praktizierte chinesische Medizin. Er stirb, als Bankei 10 Jahre alt ist. In der Schule muss Bankei konfuzianische Texte auswendig lernen, die er nicht versteht. Besonders die Frage nach der sogenannten «strahlenden Tugend», die angeblich jedem Menschen als Urnatur angeboren ist, treibt ihn jahrelang um. Er verliert jegliches Interesse an der Schule und schwänzt den Unterricht konsequent. Deswegen wird er von der Familie verstossen. Ein wohlmeinender Lehrer rät ihm, seine Antwort in einem Zen-Kloster zu suchen; dort befasse man sich mit derart tiefgründigen Fragen.

Nach langem Suchen findet er einen Zen-Meister und wird Mönch. Dort fühlt er sich zwar verstanden und ernst-genommen, doch sein unstillbarer Durst nach Klarheit wird nicht gestillt. Er macht sich wieder auf Wanderschaft von Tempel zu Tempel. Er reibt sich an jedem und allem, bis er nach mehr als zehn Jahren endlich erkennt, dass ihm niemand die Zweifel nehmen kann, und dass er, ganz auf sich gestellt, der Wahrheit in sich selbst vertrauen muss.

Sobald er damit aufhört, sich selbst zu kasteien und auf die Worte anderer zu bauen, entdeckt er, dass «die strahlende Tugend» seine eigene innewohnende Weisheit und seine eigene Wesensnatur ist. Da sich diese jeder Beschreibung oder Messbarkeit entzieht, prägt er dafür den Ausdruck Das Ungeborene. Für den Rest seines Lebens predigt er, sowohl dem gewöhnlichen Volk als auch seinen Schülern im Kloster, nur die lebendige Wirklichkeit des Ungeborenen.

Hakuin Ekaku, 1686-1769

Hakuin Ekaku, 1686-1769
Erneuerer und Stützpfeiler der Rinzai-Zen-Schule
Über seine Biographie ist wenig bekannt. Seine Schriften wenden sich mit beissender Ironie gegen die auch zu seiner Zeit verbreitete «Zen-Krankheit» der rein formellen Sitzmeditation und einer oberflächlichen und intellektualisierten Koan-Praxis.

In seinem wohl berühmtesten Text Das Lied von der Meditation (Zazen Wasan) lobt er das reine Wesen vom wahren Zazen, als absichtslose Versunkenheit in die Stille. In seiner Überzeugung ist die Fähigkeit, mit wachem Geist in der Ruhe zu verweilen, die Voraussetzung für das intuitive, nicht intellektuelle Koan-Studium. Diese mit Nachdruck geförderte Meditationspraxis macht ihn zum Vater und Erneuerer der Rinzai-Zen-Schule in Japan. Seine Koans zählen bis heute zum Grundstock der klassischen Schulung.

Doch Hakuin ist nicht nur bekannt als hervorragender Zen-Meister, sondern auch als ein bedeutender Maler und Kalligraph.


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