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ALS ZEN NOCH NICHT ZEN WAR

Worte und Taten der alten Meditationsmeister
Agetsu Wydler Haduch

aznnzw

Preis: 12.00 CHF/€

Zentrum für Zen-Buddhismus
Schaffhauserstr. 476 B
CH - 8052 Zürich
www.zzbzurich.ch

Inhalt

  • Einleitung
  • Bodhidharma
  • Hui-k'o
  • Seng-ts'an
  • Tao-hsin
  • Hung-jen
  • Schlusswort
  • Die Dharma-Übertragungslinie von Bodhidharma bis Hui-neng
  • Anmerkungen

Bodhidharma

Wer heutzutage Zen studiert, kommt nicht am Urvater Bodhidharma (jap. Bodaidharuma, gest. 525 od. 532) vorbei. Im fernen Osten kennt ihn jedes Kind. Vielleicht nicht so sehr als Gründer des Zen, sondern als Gründer der Kampfkunst Kung Fu, welche er im berühmten Tempel Shaolin entwickelt haben soll. In den künstlerischen Darstellungen des fernöstlichen Zen-Buddhismus nimmt Bodhidharma eine ähnlich zentrale Stellung ein, wie der Buddha selbst. Man erkennt ihn sofort an seinen weit offenen, starr blickenden Augen und seinem mächtigen Vollbart. Diese beiden Merkmale machen ihn unverwechselbar. Gemäss einem der wenigen historischen Berichte soll der Bart rot gewesen sein, deshalb wird Bodhidharma in der Zen-Literatur oft auch der rotbärtige Barbar genannt. Die rote Haarfarbe und der Vollbart überhaupt charakterisieren ihn als Fremden, denn in China war und ist ein derartig starker Bartwuchs selten und die Haarfarbe allgemein schwarz. Leute mit starkem Haarwuchs galten in den Augen der besseren Gesellschaft als Barbaren. Die offenen Augen symbolisieren die unermüdliche Achtsamkeit und durchdringende Erleuchtung. Der starre Blick geht auf die Legende zurück, nach der sich Bodhidharma einst in einem Anfall von wilder Entschlossenheit, bei der Meditation nicht einzuschlafen, die Augenlider ausgerissen haben soll.

Dieser Bodhidharma ist zweifellos eine legendäre Gestalt. Die legendenhafte Ausschmückung seiner Biographie ist sehr reich. Sie stellt ihn dar als einen aus Indien stammenden Mönch aus dem Geschlecht der Brahmanen oder gar von königlicher Abstammung, der einen ganz neuen Umgang mit der buddhistischen Lehre propagiert hat und über grosse geistige Kraft verfügte. Er hielt nichts vom Gelehrtentum der buddhistischen Priester und betonte statt dessen die Anwendung der geistigen Erkenntnis im alltäglichen Leben. Er soll auf einem Schilfrohr den wasserreichen Yangtse-Fluss überquert und danach neun Jahre lang in einer Klause einer Wand zugekehrt meditiert haben. Dies trug seiner Meditationsform den Namen "Wandschau" ein. Diese Lehrmethode war jedoch nicht sehr erfolgreich und hat eine gewisse Feindschaft unter den orthodoxen Mönchen und Priestern erzeugt. Die Chroniken berichten, dass sich Bodhidharma mehreren Giftanschlägen durch Wunderkraft entzogen habe. Andererseits hat er auch Einladungen des Hofes ausgeschlagen, die ihm zu einer angesehenen Stellung im Kaiserreich verholfen hätten. Selbst sein Sterben ist mit einer Legende verbunden. Diese berichtet, dass Bodhidharma an seinem Todestag weit entfernt in Mittelasien von einem Beamten gesehen worden sei, mit einer Sandale in der Hand. Als man das Grab in China öffnete, fand man die andere Sandale darin. In anderen Versionen ist Bodhidharma nach Indien zurückgekehrt oder hat sich mit einem Boot nach Japan übergesetzt.

Historisch gibt es einige wenige Hinweise auf die Existenz eines Dhyana-Meisters namens Bodhidharma. Dass es sich dabei um einen aus Indien eingewanderten buddhistischen Mönch handelt, der wie viele andere Mönche durch die chinesischen Lande zog, das Dharma predigte und sich ganz der Meditation widmete, bezweifeln die Historiker nicht. über die Lebensdaten dieses Mönchs liegen allerdings keine gesicherten Angaben vor. Die Historiker haben sich für das Jahr 532 als vermutliches Todesdatum entschieden. Die wenigen Daten stammen hauptsächlich aus drei Berichten aus dem sechsten und siebten Jahrhundert, die sich in Stil und Aussagen aber sehr voneinander unterscheiden. Gemäss einer dieser Chroniken stammte Bodhidharma ursprünglich aus Persien. Dies würde den roten Bart erklären. In den anderen Chroniken wird er als Abkömmling eines indischen Brahmanengeschlechts beschrieben. Dass dieser Mönch ein ausserordentlich hohes Alter erreichte, scheint ebenfalls unumstritten. Aber in ihm den Gründer des Zen zu sehen, gilt aus der Sicht der Geisteswissenschafter als naiv. Denn man weiss, dass die Zen-Schule nicht von einer Person gegründet worden ist, sondern sich langsam, über mehrere Jahrhunderte hinweg, durch das Wirken zahlreicher Menschen entwickelt hat. Wer sich für die historischen Einzelheiten dieser Entwicklung interessiert, sei auf das hervorragende Werk von Heinrich Dumoulin verwiesen.

Es ist das Merkmal von Legenden, dass sie ihre Helden idealisieren und deren Taten als etwas ganz Besonderes hinstellen. Was sollte wohl im Falle von Bodhidharma mit dieser Verherrlichung bezweckt werden? Und warum hat sich die Legende von Bodhidharma bis in unsere Zeit erhalten? Dafür gibt es hauptsächlich zwei Gründe: Erstens charakterisiert die Gestalt des Bodhidharma das Wesen der neuen buddhistischen Schule, die sich in China zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert formiert hat und später unter dem Namen Chan bekannt wurde. Zweitens steht Bodhidharma aber auch für die nahtlose geistige übertragung des Buddha-Dharma von Indien nach China. Er vereinigt in sich die Stellung des Achtundzwanzigsten Patriarchen in Indien und des Ersten Patriarchen in China. Alle heute noch existierenden Schulen des Zen leiten ihre Authentizität und Legitimität von dieser gemeinsamen Wurzel ab.

Bodhidharmas Rolle in der Entstehung des Zen
Bodhidharma gilt als der erste Vertreter eines Buddhismus der Tat im Gegensatz zum Buddhismus der Philosophie. Als er nach China kam, war die buddhistische Lehre dort schon geraume Zeit bekannt. Wandermönche hatten die Sutren von Indien mitgebracht und zum Teil bereits übersetzt. Es gab Zentren, in denen Mönche und Gelehrte im Auftrag der lokalen Herrscher Vorlesungen über den Buddhismus hielten. Vielleicht war es ähnlich wie heute hier in Europa. Heutzutage ist der Buddhismus als Idee nicht mehr unbekannt und in einigen Kreisen ist es sogar in, buddhistisch angehaucht zu sein. Doch was Buddhismus wirklich ist, wissen immer noch die wenigsten. Viele Menschen sind daran interessiert, weil sie erstens etwas Neues lernen möchten und zweitens erwarten, dass dieses Neue besser ist als das Alte, ganz egal, was das Alte ist. Sie gehen zu Vorträgen und Diskussionen in der Erwartung, gleich die reifen Früchte zu erhalten. Doch für die Lehre Buddhas gilt dasselbe wie für alle anderen Lehren: Man muss sie praktizieren, wenn man ihren Wert erfahren will. Wenn es bloss beim Hören bleibt, verändert sich nichts. Nur was man selbst erkennt und praktiziert, kann etwas bewirken. Man mag noch so viel Buddhismus studieren, noch so viele Vorträge von spirituellen Lehrern besuchen, noch so viele Initiationen empfangen, wenn man die Weisheit nicht anzuwenden weiss, bleibt alles beim Alten. Deshalb verlegte sich Bodhidharma nicht auf das Predigen, sondern auf das Tun. Während andere Mönche das Dharma durch Textauslegungen lehrten, zeigte er es durch die Wandmeditation und seine spontane Weisheit im alltäglichen Leben. Es gibt einen ihm zugeschriebenen Vers, der das Wesen seines Weges deutlich offenbart: "(Es ist) eine besondere Überlieferung ausserhalb der Schriften, unabhängig von Wort und Buchstaben: Sie zeigt unmittelbar auf das Herz des Menschen, und lässt ihn die (eigene) Natur schauen und die Buddhaschaft erlangen."

Dieser Vers wurde sozusagen zum Markenzeichen des Zen. Unter der besonderen Überlieferung ausserhalb der Schriften, unabhängig von Wort und Buchstaben versteht man die unmittelbare Erweckung der Einsicht. Sei es durch ein spontanes Erleben der Natur oder durch einen Klang, sei es durch eine Geste oder einen Blick des Meisters wahrhaftige Erkenntnis blitzt spontan im Herzen auf. Allerdings oft erst, nachdem der Geist durch tiefe Versenkung in der wachen Meditation darauf vorbereitet ist. Es genügt nicht, bloss die richtigen Worte zu kennen. Man kann die Wahrheit tausendmal gesagt bekommen, wenn sie nicht im eigenen Körper erfahren wird, bleibt sie graue Theorie. Auf dieser Erweckung des Buddha-Geistes im direkten Kontakt zwischen Lehrer und Schüler beruht die Methodik der Zen-Schule. Das ist die übertragung von Herz zu Herz bzw. von Geist zu Geist. Die Begriffe "Herz" und "Geist" sind hier synonym, denn die chinesische Sprache verwendet für Herz und Geist dasselbe Wort (hsin).

Die Zen-Schule hat diese Methode allerdings nicht selbst erfunden. Auch sie geht auf den Buddha zurück. Dieser soll in einem Augenblick der wortlosen übereinstimmung mit seinem langjährigen Schüler Mahakashyapa dessen tiefes Verstehen erkannt und mit folgenden Worten anerkannt haben: "Ich bin im Besitz der wahren Dharma-Sicht, dem wunderbaren Geist von Nirvana. Beides ist unabhängig von Worten und jenseits der Lehre. Ich habe sie nun Mahakashyapa übergeben." Die wahre Sicht und der Friede des Nirvana kann nicht durch Worte übermittelt werden, sondern nur im direkten Kontakt mit lebendigen, mit Bewusstsein ausgestatteten Wesen. Aus diesem Grund haben Belehrungen durch Erklärungen und Auslegungen des buddhistischen Kanons (Tripitaka) im Zen einen wesentlich geringeren Stellenwert als in anderen buddhistischen Schulen. Das bedeutet aber nicht, dass das Studium der Schriften in der Zen-Schule überhaupt verachtet wird. Die Formel der wortlosen übertragung wird leider häufig in diesem Sinne interpretiert. Das ist ein fatales Missverständnis. Eine Praxis, die nicht in den Schriften verwurzelt ist, tendiert leicht dazu, willkürlich und oberflächlich zu werden. Wenn eine Erfahrung jenseits der Worte echt ist, kann sie auch in den Worten wiedererkannt werden. Die Erkenntniskraft durch das Studium zu schärfen, durch Meditation zu vertiefen und schliesslich im Tun zu verwirklichen, gehört gleichermassen zum Weg der geistigen Vervollkommnung. Doch während geschriebene und gesprochene Worte eine Quelle der Inspiration sein künnen, so künnen sie auch zum Gefängnis werden, nämlich dann, wenn sie von der Erfahrung abgetrennt verwendet werden.

Das direkte Schauen der eigenen Natur, von dem Bodhidharmas Vers spricht, ist ein zentrales Anliegen des Zen. Gemeint ist die erfahrene Einsicht in das Eigentliche. Dieses Eigentliche ist das eigene Bewusstsein, das in Wirklichkeit universales Bewusstsein ist. Für viele Menschen scheint Bewusstsein wie ein statischer Raum, der mit Inhalten aus Worten, Gedanken, Gefühlen oder Erinnerungen möbliert ist. In Wirklichkeit ist das Bewusstsein aber ein grenzenloses Nichts, in dem sich Gedanken und Empfindungen wie Rauchschwaden oder Wolken formieren und wieder vergehen, ohne stabile Struktur, ohne Kern, kurz ohne fassbare Inhalte. Es lässt sich kein gezielt handelndes Selbst, keine übergeordnetes Agens, d.h. keine unabhängige Wirkungseinheit, darin finden. Die eigentliche Unfassbarkeit der scheinbar so wirklichen Bewusstseinsinhalte zu erkennen und zu akzeptieren, ist der erste Schritt zur Erleuchtung im Sinne des Zen. Es ist das Durchschauen der Täuschungen, von dem im Buddhismus so häufig die Rede ist. Es nützt aber nichts, bloss mit den Lippen zu sagen, die wahre Natur sei Leere oder das innerste Wesen sei die Stille. Solange man dieses leer sein, diese Stille nicht in sich als lebendige, schöpferische Wirklichkeit entdeckt, macht man nur Worte. Universale Wahrheiten mit den Lippen auszusprechen und gedanklich zu bekräftigen bedeutet noch nicht, dass man sie auch wirklich realisiert. Deshalb vertritt Zen konsequent die Auffassung, dass man Buddhas Geist nicht erfassen kann, wenn man bloss die Sutren liest oder die mönchischen Ordensregeln befolgt. In der Erfahrung der Zen-Meister genügt es auch nicht, allein an Buddhas Lehre zu glauben; nur die unmittelbare Erfahrung in der eigenen Körperlichkeit hat befreiende Wirkung. Die befreiende Wirkung, das plötzliche "Aha", und der damit verbundene innere Frieden, der sich einstellt, wenn man die wahre Leere sieht und versteht, das ist das Ziel des Zen. Diese direkte Sicht wird von den Meistern auf alle möglichen Arten provoziert, nur nicht durch erklärende Worte.

Gemäss der Überlieferung erhielt Bodhidharma die Insignien der Meisterschaft, Bettelschale und Kutte, von seinem Lehrer Prajnatara, dem Siebenundzwanzigsten Patriarchen der indischen buddhistischen Tradition. Die Schale und die Kutte symbolisieren den Geist und die Autorität Buddhas und wurden als Zeichen der authentischen Erleuchtung und geistigen Nachfolge ausgehändigt. Zum ersten Mal gelangten sie von Shakyamuni an Mahakashyapa, dann von Mahakashyapa an Ananda und immer weiter durch all die Zeiten bis hin zu Bodhidharma, der sie nach China brachte.

In der Chronik 'Transmission of the Light' findet man die gesamte übertragungsgeschichte beschrieben. Gemäss dieser Version der Legende stammte Bodhidharma aus einer Familie, die zur Kaste der Krieger gehörte. Er war der dritte Sohn eines Königs im südlichen Indien und hiess Bodhitara. Prajnatara, der Siebenundzwanzigste Patriarch, amtete als Hauslehrer der drei Prinzen. Um die Weisheit seiner Schützlinge zu prüfen, präsentierte er eines Tages einen Edelstein, den er vom König als Bezahlung empfangen hatte, und fragte: Gibt es irgend etwas, das diesen Stein an Wert übertreffen könnte? Die zwei ersten Söhne antworteten, der Edelstein sei ohne seinesgleichen. Es gebe sicherlich keinen besseren. Niemand ausser ihrem verehrten Lehrer sei es würdig, einen derartigen Stein zu empfangen. Der dritte Sohn, Bodhitara, hingegen erklärte, ein weltliches Juwel könnte nicht als das höchste Gut betrachtet werden. Von allen Juwelen sei das Juwel der Wahrheit das wertvollste. Er sagte: "Die Leuchtkraft der Weisheit ist die Leuchtkraft, die alle anderen übertrifft. Die Klarheit des Geistes ist die höchste Klarheit. Ein weltlicher Edelstein kann nicht aus sich selbst heraus funkeln, es braucht das Licht der Erkenntnis eines Menschen, um sein Funkeln wahrzunehmen. Wenn man dieses wahrnimmt, weiss man, dass es ein Edelstein ist; wenn man den Edelstein kennt, weiss man, dass er wertvoll ist. Dieses Juwel hat keinen Wert als solchen, erst das Juwel des Wissens gibt ihm seinen Wert." Obwohl sich die Weisheit des Prinzen in solchen Gesprächen deutlich offenbarte, wartete Prajnatara ab und gab dem Geiste seines Schülers Gelegenheit zu reifen. Schliesslich starb der König, und während alle jammerten und klagten, sass Bodhitara vor dem Sarg und weilte sieben Tage lang in tiefer Versenkung. Danach bat er um die Mönchsweihe. Nun erst erhielt er formelle Unterweisung in der buddhistischen Lebensführung und wurde in die subtilen Prinzipien der Meditation eingeweiht. Als Bodhitaras Weisheit zur Blüte gekommen war, sagte Prajnatara: "Du hast bereits volles Verstehen des Dharma. Deshalb sollst du von jetzt an Bodhidharma heissen." Als er dies vernahm, kniete Bodhidharma nieder und fragte: "Wohin soll ich gehen, um das Dharma zu predigen?" Prajnatara gab ihm folgende Anweisung: "Obwohl du die Wahrheit erkannt hast, sollst du vorläufig bei mir bleiben. Siebenundsechzig Jahre nach meinem Tod wirst du nach China gehen und diejenigen lehren, die das Zeug dazu haben." Also diente Bodhidharma vierzig Jahre lang seinem Lehrer, und als mehr als sechzig Jahre nach dessen Tod vergangen waren, war die Zeit für seine Reise nach China gekommen.

Ich habe diesen Teil der Legende so ausführlich berichtet, weil er den Geist der Weisheit Zen sehr schön widerspiegelt. Alles braucht seine Zeit. Selbst wenn jemand in jungen Jahren spontane Weisheit manifestiert, braucht es Jahre des Reifens und der Geduld, bis man die Meisterschaft erlangt.

Für das vollständige 1.Kapitel siehe "Leserprobe" pdf